Stand: 09.09.2020 08:06 Uhr

Kieler Woche: Aus der Buddelschiff-Werft in die ganze Welt

von Frauke Hain

Die Schiffswerft von Robert Riekers ist klein. Sie hat Platz in einem Zimmer seiner Wohnung in Kiel-Schilksee. Der 80-Jährige baut dort Buddelschiffe. Das sind maßstabsgetreu nachgebaute Miniaturschiffe, die in eine Buddel - also in eine Flasche - gesetzt werden. Für die Kieler Woche hat die Stadt Kiel bei Riekers mehrere dieser Buddelschiffe bestellt. Und so war er die vergangenen Monate damit beschäftigt, die Traditionssegler, die in diesem Jahr an der Windjammerparade teilnehmen, nachzubauen. Parallel arbeitet er an mehreren Schiffen gleichzeitig. Denn Kleber und Farbe müssen zwischendurch immer wieder trocknen.

"Das muss alles zusammenpassen"

Ein ganzes Zimmer hat Riekers als Werft eingerichtet: Auf der einen Seite stehen in einem Bücherregal unzählige Bücher über das Handwerk des Buddelschiffbauens, die Windjammerparade und zum Beispiel das Segelschiff "Peking". Hinzu kommen Ordner, in denen er seit fast 40 Jahren Unterlagen über die Schiffe sammelt, die er schon gebaut hat. Seine Sammlung umfasst Hunderte Bilder, Skizzen und Takelagepläne. Er braucht Pläne, Maße und Bilder - vor allem, wenn er das Schiff vorher noch nie gesehen hat. "Das muss alles zusammenpassen. Die Verhältnisse müssen stimmen. Sonst haut das alles nicht mehr hin - selbst bei einem kleinen Schiff", erklärt er. Auf der anderen Seite des Raums steht ein Regal bis unter die Decke voll mit Buddelschiffen. Und an seinem Werktisch entsteht jedes Schiff.

Alles selbst beigebracht

Bevor Riekers in der Schwimmhalle in Schilksee als Bademeister anfing, arbeitete er viele Jahre als Schiffbauer. So hatte er immer Kontakt zu Schiffen und Wasser. "Es gibt schon schöne Schiffe", schwärmt er. "Anfang der 1960-er Jahre habe ich ein altes Flaschenschiff bei der Bundeswehr gekauft für fünf Deutsche Mark", erzählt er. Das stand jahrelang herum und irgendwann fragte er sich, wie das eigentlich funktioniert. "Dann habe ich die ersten Bücher über Buddelschiffe besorgt, damit man überhaupt reinkommt in die Arbeit und versteht, wie das abläuft. Da habe ich dann mit angefangen. Meine ersten Schiffe waren schrottig und dann habe ich einen eigenen Stil entwickelt." Mittlerweile gehört sein Handwerk zur aussterbenden Tradition.

Ein Modellschiff mit vier Masten auf einer groben Holzhalterung, die von zwei Händen gehalten wird. © NDR Foto: Frauke Hain
Viele Stunden Arbeit fließen in ein Schiff, bevor es in die Buddel eingesetzt wird.
Geduld ist gefragt

"Die Geduld kann man nicht kaufen", sagt er. Alles andere kann man üben und lernen. Immer wieder ist er auf der Suche nach großen, alten Apothekerflaschen. Wenn er mit einem neuen Buddelschiff startet, überträgt er erst die Originalmaße ins Kleine. Das Wasser in der Flasche modelliert er mit eingefärbtem Fensterkitt. Den Rumpf fertigt er aus Mahagoni-Holz an. "Das sieht gut aus und lässt sich gut bearbeiten. Und man kann es dünn schleifen, ohne dass es reißt", erklärt er. Für die Masten benutzt er Bambusstäbe. Die schneidet er zurecht, macht sie dünner und schleift sie. Mit einer Nussbaum-Farbe werden sie glasiert: "Damit es eine gewisse Farbe bekommt, wie in der Natur." Manchmal braucht er zehn Minuten, um einen Faden durch ein kleines Loch zu friemeln. Wie lange er für ein ganzes Buddelschiff braucht, kann er nicht genau sagen. "Auf die Uhr schaue ich nicht dabei."

Eigener Stil: "Das Schiff soll herausfahren"

Auch nach 40 Jahren verfeinert er seine selbst entwickelte Technik immer noch. Der Mast steht auf einem dünnen Drahtfuß, den man meistens gar nicht sieht. Wenn die Flasche vorbereitet und das Schiff fertig ist, Masten und Segel hat, klappt Riekers die Takelage wieder nach unten um. Rückwärts schiebt er das Schiff dann durch den Flaschenhals in die Buddel hinein. Überall sind noch lange Schnüre dran. "In der Flasche ziehe ich die Takelage wieder nach oben. Wenn ich sehe, dass alles gut ist, dann klebe ich das Schiff fest." Eine Nacht muss er warten, bis der Kleber getrocknet ist. Und dann fehlt nur noch das Ausrichten in der Flasche: "Ich setze jedes Segel dahin, wo es hingehört. Das muss alles stramm sein." Damit das so bleibt, wird alles festgeklebt. Er beschreibt seine Technik: "Das Schiff muss so in der Flasche fahren, dass man es auch in Wirklichkeit fahren will. Wenn man den Korken aufmacht, dann soll es quasi herausfahren können." Um das zu erreichen, formt er Wind- und Wellengang des Meeres nach und setzt das Schiff auch in Wind-Schieflage ein.

Buddelschiffe aus Schilksee in die Welt verkauft

Riekers war weltweit mit seinen Buddelschiffen unterwegs. Und seine Schiffe sind auch in der ganzen Welt zu finden. Er hat sie unter anderem nach Südamerika, Russland und Japan verkauft. Einmal hat er Pläne für eine Rennyacht, die 1983 den Americas Cup gewonnen hat, aus Australien bekommen. Ein Nachbau der Yacht steht immer noch im Regal seiner kleinen Werft - neben einer "Peking". Und auch im Moment arbeitet er wieder an einer neuen kleinen Ausgabe der "Peking".

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.09.2020 | 19:30 Uhr

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