Stand: 26.09.2020 17:51 Uhr

Schwierige Corona-Eindämmung in Wesselburen

Von Laura Albus

Autos stehen geparkt am Straßenrand in einer Straße in Wesselburen. © NDR
Kleine Stadt, große Herausforderung: In Wesselburen gab es bis Freitag 24 aktuelle Corona-Fälle.

Wesselburen ist die kleinste Stadt im Kreis Dithmarschen. Nur etwa 3.400 Menschen leben dort. Bisher gab es kaum nachgewiesene Corona-Fälle. In dieser Woche sind die Zahlen in Wesselburen stark gestiegen. 28 Corona-Fälle zählte des Gesundheitsamt des Kreises Dithmarschen bis Sonnabend. Auch mehrere Kinder haben sich angesteckt. Das hat Folgen für Schulen und Kindergärten. Zwei Kita-Gruppen müssen zu Hause bleiben, ebenso die Jahrgänge 7 und 9 der Eider-Nordsee-Schule. Obwohl die Stadt überschaubar klein ist, stellt die Lage dort die zuständigen Behörden vor besondere Herausforderungen. "Meine Kollegen sind alle völlig ausgepowert", sagt Renate Agnes Dümchen, die den Geschäftsbereich Familie, Soziales, Gesundheit beim Kreis Dithmarschen leitet. "Wir müssen sehen, dass wir die Infektionskette schnappen. Ansonsten haben wir keine Chance mehr."

VIDEO: Wesselburen: Probleme bei Corona-Eindämmung (3 Min)

Enge Wohnverhältnisse beschleunigen Infektionsgeschehen

Das Ordnungsamt hat Spiel- und Sportplätze vorsorglich sperren lassen, damit sich dort keine Kinder und ihre Eltern treffen können. Die Infektionskette ist derzeit nicht zu ermitteln - damit auch nicht, wie das Virus nach Wesselburen gekommen ist. 140 Kontaktpersonen sollten am Donnerstag auf das Virus getestet werden. Doch nicht alle kamen der Empfehlung nach. Deshalb kommen die Mitarbeiter jetzt direkt zu den Menschen - unterstützt von Polizei und Ordnungsamt.

Videos
Ein abgesperrter Kinderspielplatz.
1 Min

Corona-Hotspot Wesselburen?

Die Zahl der Corona-Fälle ist in der 3.600 Einwohnerstadt Wesselburen binnen einer Woche von 0 auf 17 gestiegen. Als erstes wurden die Spielplätze gesperrt und es wird weiter getestet. 1 Min

Besonders problematisch für das Gesundheitsamt sind die Wohnverhältnisse einiger Familien, die teils vor Jahren aus Osteuropa nach Wesselburen gekommen sind. Sie leben teilweise auf engstem Raum zusammen - nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein mit Dutzenden in einem Haus. Das Gesundheitsamt geht davon aus, dass auch das zu der starken Verbreitung geführt hat. "Hier haben wir einen Kulturraum, wo Großfamilie intensiv gelebt wird, und da ist natürlich die Enge des Zusammenlebens mehr gegeben als in unsere tradierte Welt der deutschen ländlichen Bevölkerung", sagt Dümchen.

Bis zu 180 Anrufe pro Infektionsfall

Zwei Mal täglich müssen die Gesundheitsamtmitarbeiter bei den Infizierten nachfragen, wie es ihnen geht. Doch viele haben gar keinen Festnetzanschluss und sprechen kaum oder gar kein Deutsch. Das führt auch bei der Suche nach Kontaktpersonen zu Problemen. Denn für viele Gespräche brauchen die Gesundheitsamtmitarbeiter einen Dolmetscher. Bis zu 180 Telefonate führen sie laut Dümchen, um die Kontakte eines Infizierten zu ermitteln.

Weitere positive Testergebnisse erwartet

Sechs Briefkästen hängen an einer Hauswand neben einem Fenster in Wesselburen. © NDR
Enge Wohnverhältnisse könnten die Verbreitung des Virus begünstigt haben, glaubt das Gesundheitsamt.

Die Kreisverwaltung geht davon aus, dass etwa 400 Menschen in Wesselburen zu der Gemeinschaft gehören, in der vor allem Rumänisch und eine Minderheitensprache gesprochen werden sollen. Die Behörden informieren auch auf Flyern in Deutsch und Rumänisch über die aktuelle Lage und setzen Sozialarbeiter ein, die aus der Community kommen. Unklar ist jedoch, ob sie damit wirklich alle erreichen.

Auch deshalb wollen sie schon bald ganze Straßenzüge testen lassen, also auch Menschen aus der Nachbarschaft, die keinen bekannten Kontakt zu Infizierten hatten. "Solche Quartierstestungen sind immer eine freiwillige Angelegenheit", sagt Dümchen. Die Geschäftsbereichsleiterin der Kreisverwaltung erwartet, dass die Zahl der Infizierten in Wesselburen auch in den kommenden Tagen steigen wird.

Weitere Informationen
Rotkohl wächst auf einem Feld im Kreis Dithmarschen. © dpa-Bildfunk Foto: Markus Scholz

Dithmarschen: Kohlanschnitt wie einst 1986

Wegen der Corona-Pandemie ist der traditionelle Dithmarscher Kohlanschnitt in diesem Jahr wie beim ersten Anschnitt 1986 eröffnet worden. Damals gab es allerdings keinen Livestream. mehr

Eine Karte von Schleswig-Holstein vor einer 3D Animation eines Corona-Vrius. © Colourbox Foto: Hannu Viitanen

Übersicht der Coronavirus-Infektionen in SH

Hier finden Sie eine Übersicht zu den gemeldeten Coronavirus-Infektionen in Schleswig-Holstein, in den Kreisen und kreisfreien Städten. Außerdem können Sie sehen, wie sich die Werte entwickelt haben. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.09.2020 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Dunkle Wolken ziehen über einem Hotel hinweg. © picture alliance/Christoph Schmidt/dpa Foto: Christoph Schmidt

OVG kippt Beherbergungsverbot in Schleswig-Holstein

Das Gericht in Schleswig hat die Regelung am Freitag als rechtswidrig eingestuft. Damit ist die Regel vorerst nicht in Kraft. mehr

An einem Stand auf einem Wochenmarkt im Berliner Stadtteil Steglitz werden Mund-Nasenbedeckung zum Kauf angeboten. © Kay Nietfeld/dpa Foto: Kay Nietfeld

Corona: Inzidenzwerte in mehreren Kreisen nahe an kritischer Marke

In Dithmarschen und Stormarn liegt der Inzidenzwert jetzt bei knapp unter 50. In Timmendorfer Strand gilt "Maske auf". mehr

Bluesmusiker Georg Schroeter.
6 Min

Musiker in der Corona-Krise: Zaungespräch mit Georg Schroeter

Bluesmusiker Georg Schroeter und seine Kollegen leiden stark unter der Corona-Pandemie. Sie hätten gerne mehr Unterstützung. 6 Min

Ein Foto der auf der "Gorch Fock" ums Leben gekommenen Soldatin Jenny Böken ist auf ihrem Grab auf dem Friedhof zu sehen. © dpa Foto: Henning Kaiser

Fall Jenny Böken: Vater stellt neue Strafanzeige in Aurich

Die Kadettin war im September 2008 vor Norderney ertrunken. Die Ermittlungen waren im Jahr darauf abgeschlossen worden. mehr

Videos