Passanten laufen durch eine Innenstadt. © dpa-Bildfunk Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Quelle unbekannt: Ämter auf der Suche nach Infektionsketten

Stand: 27.10.2020 18:19 Uhr

Viele Menschen haben trotz Corona-Pandemie wieder so viele Kontakte, dass Fragen von Gesundheitsämtern bei Infizierten ins Leere zielen. Infektionsherde sind so kaum noch zu ermitteln.

von Julia Schumacher

Wer die Quelle für eine Corona-Neuinfektion ist, lässt sich nur feststellen, wenn Infizierte selbst nachvollziehen können, wo sie sich angesteckt haben - so berichtet es das Gesundheitsamt im Kreis Pinneberg. Und das könnten inzwischen viele nicht mehr sagen. Ähnliches melden die Kreise Rendsburg-Eckernförde, Steinburg, Herzogtum Lauenburg und Schleswig-Flensburg.

Infektionen sind vielfach nicht mehr zuzuordnen

"Das Problem ist, dass ganz viele Menschen nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben: Sie waren nicht im Ausland, sie waren nicht auf Partys", sagt auch Alexandra Barth, Amtsärztin in Neumünster. Bei so viel erlaubtem Kontakt und weiter steigenden Fallzahlen würden die Gesundheitsämter mit ihren Ermittlungen immer hinterherrennen: "Wir haben nur eine Chance, wenn wir wieder vor die Lage kommen. So werden die Zahlen weiter zunehmen."

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Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) äußerte sich gegenüber NDR Schleswig-Holstein deutlich zur aktuellen Lage: "Wenn diese Dynamik, wie wir sie in den vergangenen zwei Tagen erlebt haben, in dem Tempo anhält, wird es einschneidende Maßnahmen geben müssen." Die Situation sei diffus, die Infektionen seien nicht mehr zuzuordnen.

Viele werden erst durch Symptome auffällig

Das bestätigt Stephan Ott vom Gesundheitsamt im Kreis Rendsburg-Eckernförde: "Wir sehen momentan sehr viele vereinzelt auftretende Fälle, die keinem Ausbruchsgeschehen zugeordnet werden können." Viele bemerkten erst grippeähnliche Symptome, ehe sie zum Arzt gehen und feststellen, dass sie infiziert sind, so Ott. Die meisten hätten inzwischen keinen nachvollziehbaren, bewussten Kontakt zu Infizierten gehabt, heißt es aus dem Kreis Schleswig-Flensburg. Die Lage sei dafür zu dynamisch.

Anzahl an Kontakten hat stark zugenommen

"Im Frühjahr war das noch viel einfacher, weil die Menschen überschaubar wenige Kontakte hatten", sagt Tobias Frohnert vom Kreis Herzogtum Lauenburg. Einzelne Infektionsgeschehen hätten sich leichter eingrenzen lassen. Inzwischen könnten sich die Leute in der Regel nicht mehr vollständig erinnern, weil die Anzahl der Kontakte in den vergangenen Wochen so stark zugenommen habe. Den Indexfall zu finden, also die eine Person, bei der sich eine andere angesteckt hat, wäre kaum noch schaffen. Was sich oft eingrenzen ließe, seien zumindest Orte und Zeiträume, in denen die Ansteckung stattgefunden habe, so Frohnert.

Passanten laufen durch eine Innenstadt. © dpa-Bildfunk Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Die Anzahl der Kontakte hat stark zugenommen. Das erschwert die Arbeit der Gesundheitsämter erheblich.

Er berichtet von einer Familie, bei der sich alle Mitglieder angesteckt haben. Sie waren zuvor gemeinsam mit der Bahn gereist. Damit sei es sehr wahrscheinlich, dass die Bahn der Ort der Infektion war. Auf eine konkrete Person ließe sich die Kette aber nicht zurückverfolgen.

Auch Sport und Arbeitsplatz spielen eine Rolle

Nach Informationen der Kreise finden die meisten der nachvollziehbaren Ansteckungen bei privaten Treffen oder Feiern statt. Im Kreis Stormarn wird als Ansteckungsort zusätzlich Sport genannt, im Kreis Pinneberg ist neben den privaten Treffen auch die Rede von Infektionen am Arbeitsplatz. Der Kreis Steinburg macht zudem Reiserückkehrer als Infektionsquelle aus, der Kreis Dithmarschen berichtet von Infektionen bei Erntehelfern und Handwerkern.

Suche nach Kontaktpersonen klappt meistens noch

Was den meisten Gesundheitsämtern nach eigenen Aussagen bislang noch gelingt, ist die Suche nach Kontaktpersonen von Neuinfizierten, um künftige Infektionsketten zu verhindern. Edith Ulferts vom Gesundheitsamt im Kreis Stormarn sagt: "Wir setzen alles daran, dass wir das hinbekommen." Allerdings würden fehlerhafte Angaben dabei zu längeren Recherchen führen.

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Kreis Pinneberg muss "leider Prioritäten setzen"

Im Kreis Pinneberg sei es bei der Vielzahl der Fälle nicht mehr möglich, alle Kontaktpersonen so schnell zu erreichen, wie es notwendig wäre. Deshalb beschränke sich die Suche auf Kontaktpersonen ersten Grades - also mindestens 15 Minuten Gesichtskontakt mit einer am Coronavirus erkrankten Person - und auf Kontakte, die mit besonders empfindlichen Gruppen wie Pflegebedürftigen zusammenhingen, sagt Kreissprecherin Silke Linne: "Wir müssen hier leider inzwischen Prioritäten setzen."

Müssen Infizierte Kontaktpersonen bald selbst informieren?

Im Kreis Herzogtum Lauenburg sei es noch nicht so weit, die weiße Fahne zu hissen, sagt Sprecher Tobias Frohnert. Erste Gedanken hätten sie sich aber bereits dazu gemacht, was passieren könnte, wenn das Gesundheitsamt die steigenden Fallzahlen nicht mehr bewältigen kann. Eine Möglichkeit wäre, dass die Infizierten ihre Kontaktpersonen selbst informieren müssten, so Frohnert.

Virologe Drosten: Corona-Tagebücher wären sinnvoll

Im Podcast "Coronavirus-Update" von NDR Info erklärte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité erneut, dass er sogenannte Corona-Tagebücher für sinnvoll halte. Darin könne jeder festhalten, wo er an einem bestimmten Tag wie lange mit wem zusammen war - und somit den Gesundheitsämtern helfen Situationen zu ermitteln, in denen Infektionsübertragungen stattgefunden haben könnten.

Im Gesundheitsministerium Schleswig-Holstein sind Corona-Tagebücher, für die man auch Handy-Apps verwenden kann, zur Zeit kein Thema. Ein Sprecher sagte, man vertraue der Nachverfolgung der Gesundheitsämter und der Corona-App.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.10.2020 | 17:00 Uhr

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