Stand: 03.08.2020 17:13 Uhr

Insolvenzen: Landgasthof kämpft gegen die Pleite

von Julia Schumacher, Carsten Janz

Er nutzt die Zeit zum Aufräumen und zum Ausmisten. Seit er im März dieses Jahres seinen Gasthof zunächst schließen musste, dann unter strengen Hygienevorschriften wieder öffnen konnte, ist es ruhig geworden. Normalerweise kommen Gesellschaften aus ganz Schleswig-Holstein in Michael Ringhoffs Westerkrug nach Wanderup (Kreis Schleswig-Flensburg). Normalerweise. "Eine absolute Katastrophe, ein Gefühl, was man überhaupt nicht kennt. Ich wusste tatsächlich die ersten Wochen gar nichts anzufangen, bis meine kleine Schwester zu mir gesagt hat: hoch vom Sofa. Jetzt muss etwas passieren. So geht es nicht weiter", sagt er.

Absagen reichen bis in den November hinein

Eigentlich sollte es der beste April seit 18 Jahren werden, doch sein volles Buch ist jetzt nahezu leer. Ab und zu gibt es noch kleine Familienfeiern mit 20 Menschen in seinem Landgasthof, den er schon in achter Generation führt. Doch die Absagen reichen bis in den November hinein. "Das Schlimmste ist, dass die Leute jetzt schon vom nächsten Jahr reden. Dann wird einem echt angst und bange", sagt Ringhoff. Der Verlust wird sich bis Jahresende auf gut 500.000 Euro summieren. 15.000 Euro Corona-Hilfen hat er für drei Monate bekommen, obwohl die laufenden Kosten in normalen Zeiten bei gut 20.000 Euro im Monat liegen. Doch Michael Ringhoff will um sein Lebenswerk kämpfen.

Pleitewelle in SH droht im Herbst

Andere Unternehmen sind da weniger optimistisch. Viele sind schon in finanzielle Schieflage geraten oder sogar schon zahlungsunfähig. Die genaue Anzahl ist wegen eines extra zur Corona-Krise beschlossenen Gesetzes noch unbekannt. Denn derzeit müssen Unternehmen, die corona-bedingt zahlungsunfähig sind, keinen Insolvenzantrag stellen. Erst ab 1. Oktober ist das wieder Pflicht. Und das kann zu einer Pleitewelle im Herbst führen - das ergibt zumindest eine Abfrage der Amtsgerichte (als Insolvenzgerichte) vom NDR Schleswig-Holstein.

Wirtschaftsminister prüfen, Frist noch zu verlängern

Seit März ist demnach die Zahl der Insolvenzanträge immens gesunken, teilweise um mehr als die Hälfte. Das ist aber keine gute Nachricht: Wenn die Frist Ende September abläuft, wird sie laut Einschätzung der Insolvenzrichter rapide ansteigen. Unternehmen werden vielleicht sogar schlechter dastehen, als wenn sie sie direkt Insolvenz angemeldet hätten, sagt Insolvenzanwalt Reinhold Schmid-Sperber. "Die zusätzliche Zeit führt dazu, dass der Schuldenberg in den Unternehmen noch vehement zunehmen wird. Dann gibt es eine weitere Ballung der Insolvenzverfahren. Und die Bugwelle, die man vor sich herschiebt, wird immer größer werden." Die Wirtschaftsminister prüfen, die Frist sogar noch zu verlängern - bis Ende des Jahres. Schmid-Sperber befürchtet, dass das für viele die Probleme weiter verstärkt.

IHK: Sommer muss im Tourismus schwächere Monate tragen

Ein weiteres Problem für die touristisch geprägte Wirtschaft in Schleswig-Holstein ist der umsatzschwächere Sommer in diesem Jahr. Denn in dieser Jahreszeit werden in der Regel die Reserven für den Winter und die touristenärmere Zeit aufgebaut. Das sei in diesem Jahr schwer möglich, heißt es bei der Industrie und Handelskammer. "Das Saisongeschäft kann tatsächlich trügerisch sein", erklärt Björn Ipsen von der IHK Flensburg. "Im Moment kann es gut laufen. Es muss aber dann auch reichen, um im Herbst so viel zusammen zu haben, um über den ertragsschwachen Winter zu kommen." Es ist eher unwahrscheinlich, dass alle Unternehmen es schaffen.

Ringhoff hofft auf das Frühjahr

Gastwirt Michael Ringhoff will länger durchhalten. Eine Insolvenz will er mit allen Mitteln verhindern. Er hofft, dass es spätestens im Frühjahr mit Hochzeiten und Feiern wieder losgeht. Wenn nicht, muss er die Situation neu bewerten. "Denn wir kommen dann an den Punkt, an dem wir nicht wissen: Wann geht es weiter? Und wir können da nicht noch mehr Geld verbrennen. Wir haben jetzt einen Corona-Kredit und irgendwann ist Schluss. Sie bauen ja Schulden auf, die Sie nie wieder abbauen." Ringhoffs Rettung im Moment: seine zehn Hotelzimmer und seine drei Ferienwohnungen. Wie lange das reicht, weiß er nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.08.2020 | 19:30 Uhr

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