Stand: 24.04.2020 19:27 Uhr

Pflege zu Hause in Corona-Zeiten sehr belastend

Langsam führt Edeltraut Göldner ihren Mann den Flur der gemeinsamen Wohnung in Norderstedt entlang. "Dann setz dich mal", sagt sie mit warmer Stimme zu ihm und zeigt auf die graue Couch im Wohnzimmer. Allein hinsetzen kann sich Karl-Heinz Göldner noch, alleine aufstehen geht nicht mehr. Dafür fehlt dem 79-Jährigen mittlerweile die Kraft. Edeltraut Göldner ist ein Jahr jünger als er und muss ihm helfen. Ihr Mann ist dement, hat Pflegestufe drei und wird von seiner Frau seit vier Wochen ausschließlich zu Hause versorgt. Die Tagespflegeeinrichtung, die ihren Mann dreimal in der Woche besuchen sollte, ist coronabedingt im Moment geschlossen. "Es ist schon sehr belastend", berichtet Edeltraut Göldner, während sie die Hand ihres Mannes hält.

Eine Pflegerin begleitet die Bewohnerin eines Seniorenheims beim Gang durch den Flur. © dpa-Bildfunk Foto: Oliver Berg

AUDIO: Tag der Pflege: Schleswig-Holsteiner sagen Danke (1 Min)

Pflegestützpunkt des Kreises hilft

Ein Mann und eine Frau in hohem Alter sitzen auf einer Couch. Die Frau hat die Hand auf die Hände ihres Partners gelegt. © Hannah Böhme Foto: Hannah Böhme
Edeltraut Göldner kümmert sich rund um die Uhr um ihren pflegebedürftigen Mann. Coronabedingt weitestgehend alleine.

Zum Ehepaar Göldner nach Norderstedt kommt immerhin noch zweimal die Woche der ambulante Pflegedienst zum Duschen. "Öfter würde mein Mann das auch nicht mitmachen. Er ist stur", berichtet Edeltraut Göldner über die Marotten ihres Gatten. Seit 56 Jahren sind die beiden verheiratet, haben drei gemeinsame Kinder. Aber auch die können gerade nicht helfen, zu hoch ist das Risiko der Ansteckung. Umso dankbarer ist Edeltraut Göldner für die Unterstützung des Pflegestützpunktes des Kreises Segeberg mit Sitz in Norderstedt. Es ist einer von insgesamt 15 Pflegestützpunkten im Land. Die können zwar derzeit nur telefonisch beraten, trotzdem: "Die machen Mut, geben unterstützende und tröstende Worte und haben Ideen, was man vielleicht selber noch mal anders machen kann." Die Gespräche mit den Mitarbeitern beim Pflegestützpunkt sind wichtig für die 78-Jährige, die im vergangenen Jahr am Fuß operiert wurde und beim Gehen immer noch Schmerzen hat. Bis Mitte März war ihr Mann deshalb in einer Pflegeeinrichtung in Henstedt-Ulzburg untergebracht. Länger bleiben konnte er nicht, der Vertrag war bereits gekündigt, der Platz im Pflegeheim weg. Der eigentliche Plan - die Entlastung durch die Tagespflege - ging wegen Corona nicht auf. Stattdessen kümmert sich die 78-Jährige nun rund um die Uhr um ihren Mann. Weitestgehend alleine.

Lage in Haushalten spitzt sich zu

Weitere Informationen
Krankenpfleger Dirk Zöllner (l.) aus Itzehoe und ein Kollege stehen im blauen Kittel und mit Mundschutz vor der Tür eines Patientenzimmers und setzen Schutzbrillen auf. © NDR Foto: Screenshot

Krankenpflege: Zwischen Applaus und Alltag

Krankenpflege war schon immer anstrengend - körperlich und geistig. Seit der Corona-Pandemie ist die Belastung noch größer. Zwei Pfleger aus Schleswig-Holstein erzählen von ihrem Alltag. mehr

Nicht nur für die Eheleute Göldner ist die aktuelle Situation belastend. Dass viele Angehörige, die Eltern, Partner oder auch Kinder zu Hause pflegen, gerade unter einem enormen Druck stehen, stellt auch der Leiter des Pflegestützpunktes in Norderstedt Ulrich Mildenberger fest: "Auch die sozialen Beziehungen leiden. Die Kinder kommen nicht zu Besuch, Freunde kommen nicht zu Besuch. All das sind ja so kleine Inseln der Entlastung und des Austausches." Und auch nach Einschätzung des Forums Pflegegesellschaft e.V. ist die Belastung für Angehörige, die Familienmitglieder zu Hause pflegen, gestiegen, nicht nur weil Tagespflegeeinrichtungen geschlossen haben. Weil Angehörige Angst vor Infektionen hätten, würden auch ambulante Pflegedienste zum Teil nicht mehr in Wohnungen gelassen, berichtet Annette Langner, die Sprecherin des Forums Pflegegesellschaft und warnt: "Damit bricht auch eine wichtige Beratungsmöglichkeit weg und die pflegerische Versorgung wird gefährdet." Zudem fehlten vielen die Haushaltshilfen aus Osteuropa, die aufgrund der Einreisebestimmungen gerade nicht nach Deutschland kämen, so Langner weiter. Sie befürchtet ,"dass es hinter den Wohnungstüren immer wieder zu extrem kritischen, schwer zu bewältigenden Situationen kommt, bis hin zu Gewalt in der Pflege."

Pflegende Angehörige in den Fokus rücken

Laut Langner sei es wichtig, die Arbeit, die pflegende Angehörige leisteten, stärker in den Fokus zu rücken: "Wenn in Corona-Zeiten die Pflege in Familien nicht mehr gut und verlässlich sichergestellt werden kann, stehen wir im gesamten Pflegebereich vor einer riesigen Herausforderung, die schwierig zu bewältigen sein wird. So wie Karl-Heinz Göldner von seiner Frau Edeltraut werden laut aktueller Pflegestatistik etwa 74.000 Schleswig-Holsteiner zu Hause von Angehörigen versorgt, mit knapp zwei Dritteln der größte Teil der pflegebedürftigen Menschen im Land.

Hier finden Sie weitere Informationen

Weitere Informationen
Zwei Senioren gehen mit Rollatoren durch einen Flur. © dpa Foto: Oliver Berg

Pflege in Zeiten von Corona - Sorge trifft Zuversicht

Seniorenheime schotten sich gegen das Coronavirus ab. Trotzdem ist die Sorge da, das Virus könnte in die Einrichtung gelangen. Pfleger Christoph Grohsellus sieht im Interview aber auch Positives. mehr

Eine Pflegekraft misst einer alten Frau, die im Bett liegt, den Blutdruck. © photocase.de Foto: davidpereiras

Coronavirus wird in Pflegeheimen schnell gefährlich

Ältere und vorerkrankte Menschen sind durch die Lungenkrankheit Covid-19 besonders gefährdet. Damit das Coronavirus nicht in Pflegeheime eingeschleppt wird, erlässt Schleswig-Holstein strenge Regeln. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.04.2020 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Fahrgast mit FFP2-Schutzmaske steigt in eine Bahn ein © dpa/picture-alliance Foto: Tobias Hase

Corona-Regeln ab Montag: Das ist erlaubt, das ist verboten

Was Schleswig-Holsteiner bis zum 14. Februar 2021 beachten müssen - von A wie Abstandsgebot bis Z wie Zweitwohnung. mehr

Ein Fußball liegt auf dem Rasen. © picture alliance Foto: Joaquim Ferreira

SHFV: Saison könnte bis Mitte Juni verlängert werden

Die Spitzen des Landesfußballverbandes haben darüber beraten, wie es mit dem Amateur- und Jugendfußball weitergeht. mehr

Natasa Strizak, Schach-Trainerin, sitzt vor einem Laptop und gibt Online-Unterricht im Schach. © NDR

Trendsport Schach: Damengambit in Elmshorn

Schach liegt im Trend - auch bei Mädchen und Frauen. Beim Elmshorner Schachclub liegt der Frauenanteil deutlich über dem Schnitt. mehr

Ein elektronischer Fahrtzielanzeiger mit der Überschrift "Westerland/Sylt" hängt bei Dunkelheit an einem Bahnsteig. © NDR

Marschbahnstrecke: Jeden Morgen drei zusätzliche Fahrten

Verkehrsminister Buchholz und die Deutsche Bahn haben zusätzliche Verbindungen zwischen Sylt und dem Festland angekündigt. mehr

Videos