Sendedatum: 05.04.2020 19:30 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Pflege in Zeiten von Corona - Sorge trifft Zuversicht

Es ist das Szenario, das jedes Seniorenheim unbedingt verhindern will: eine Corona-Infektion innerhalb des eigenen Hauses. In ersten Einrichtungen in Schleswig-Holstein ist das bereits passiert. Christoph Grohsellus, Leiter der sozialen Betreuung im Seniorenheim Haus im Park in Norderstedt, sieht diese Gefahr auch für die Bewohner seiner Einrichtung. Im NDR Video-Interview zeigt er sich aber trotzdem zuversichtlich.

Herr Grohsellus, wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Wochen verändert?

Christoph Grohsellus: Wir haben seit etwa drei Wochen einen Besucherstopp. Das bedeutet, dass Angehörige nicht mehr bei uns ins Haus kommen können. Da bricht eine gewisse Struktur weg. Zum Beispiel bei einer Bewohnerin: Da kam regelmäßig der Ehemann zu Besuch und hat mit ihr Bewegungsübungen gemacht und Gespräche geführt. Sie telefonieren jetzt. Das geht bis zu einem gewissen Grad, aber der persönliche Kontakt ist nicht mehr ganz da.

Welche weiteren Maßnahmen haben Sie getroffen?

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Für Christoph Grohsellus ist besonders überraschend, wie gut die Bewohner die digitalen Angebote zur Kommunikation mit Angehörigen annehmen.

Grohsellus: Unsere Dienstleister haben die Anweisung, dass die Übergaben kontaktlos erfolgen sollen. Die Ware wird in der Anlieferung abgestellt. Und auch der Postbote legt die Sachen ab und wir holen sie dann später. Außerdem denken wir über einen Aufnahmestopp nach, um Neueinzüge erst einmal abzublocken. Das kann ja ein großes Risiko darstellen.

Machen Sie sich Sorgen, dass es das Virus auch zu Ihnen in die Einrichtung schafft?

Grohsellus: Wir haben schon Bedenken. Man guckt ja nach rechts und links, schaut sich andere Einrichtungen an, in denen das Virus angekommen ist. Die Bedenken sind da. Aber dementsprechend handeln wir auch. Wir gucken, dass wir alle Maßnahmen beachten, achten auf persönliche Hygiene und versuchen so, das Risiko minimal zu halten.

Falls doch, gibt es bei Ihnen einen Notfallplan?

Grohsellus: Wir stehen in ganz engem Kontakt mit unserer Einrichtungsleitung. Die hat auch schon einen Notfallplan ins Leben gerufen. Wenn das Virus wirklich zu uns ins Haus kommt, dann werden die betroffenen Bewohner in Quarantäne kommen.

Seit drei Wochen gilt bei Ihnen der Besucherstopp – wie gehen die Bewohner und Bewohnerinnen bei Ihnen und auch die Angehörigen damit um?

Grohsellus: Den Bewohnern fällt es teilweise einfacher, das ist erstaunlich. Natürlich kommen auch Fragen auf, warum jetzt niemand mehr zu Besuch kommt. Deswegen führen wir viele Gespräche und setzen uns mit den Bewohnern auseinander. Da wächst dann das Verständnis. Bei den Angehörigen klappt es bei vielen ganz gut. Trotzdem ist der Drang da sehr groß, doch mal zu sehen, wie es den Eltern geht. Aber da haben wir verschiedene Strategien, die Kommunikation herzustellen.

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Zum Beispiel?

Grohsellus: Wir nutzen Skype und Whatsapp, um Videotelefonie aufzubauen. Und ich staune wirklich, dass die ältere Generation so gut darauf reagiert. Wir haben auch vor, Osterpost zu schreiben, um auch mal einen Gruß nach draußen zu senden. Und eine Mitarbeiterin hat vorgeschlagen, eine kurze Videosequenz aufzunehmen: Wir filmen den Bewohner, fragen, wie es ihm geht und schicken dieses Kurzvideo dann den Angehörigen per Mail oder Whatsapp.

Lagerkoller ist noch kein Thema?

Grohsellus: Nein, das geht noch. Das Wetter ist wunderbar und wir gehen noch mit relativ vielen Bewohnern nach draußen. Ich denke, wenn wir den Fall haben, dass viele in Quarantäne sind, dann wird es in Richtung Lagerkoller gehen. Aber momentan haben wir noch viele Freiheiten. Es finden regelmäßige Gruppenaktivitäten, wie das gemeinsame Essen, statt. Wir wollen demnächst in kleinem Rahmen ein Angrillen mit den Bewohnern machen. Damit schaffen wir schöne Momente in der schwierigen Zeit.

Wie nehmen Sie die Meldungen aus anderen Einrichtungen im Kollegium wahr?

Grohsellus: Wir machen uns definitiv Sorgen. Man weiß, was das Virus mit den Bewohnern unseres Hauses eventuell anstellen könnte. Und dass der ein oder andere von uns gehen könnte. Im schlimmsten Fall.

In anderen Einrichtungen hat sich zum Teil auch Pflegepersonal angesteckt. Machen Sie sich auch Sorgen um sich selbst?

Grohsellus: Ja, natürlich. Man guckt schon privat, wo man hingeht und was man macht. Auch aus dem einfachen Grund, dass man ja selbst ein Risiko darstellen kann. Wenn ich infiziert bin und zur Arbeit gehe, bin ich immer ein Risiko für die Bewohner. Und da macht man sich natürlich Sorgen.

Was sind die größten Herausforderungen für Sie gerade?

Grohsellus: Die einzelnen Löcher zu stopfen, die gerade entstehen. Angehörige und punktuell auch Angebote sind weggebrochen. Sonst haben wir regelmäßig ein Frühlingskonzert angeboten, da kamen Musiker zu uns in die Einrichtung. Wir haben Ausflüge zur Elbe oder zum Einkaufen gemacht. Das versuchen wir zu kompensieren. Auch die Therapeuten, die nicht mehr kommen können, sind ein Thema. Das hinterlässt auch ein Loch. Wir können das bis zu einem gewissen Grad auffangen und versuchen, den Bewohnern noch eine gewisse Lebensqualität zu ermöglichen. Aber das geht nur begrenzt.

Wie blicken Sie den kommenden Wochen entgegen?

Grohsellus: Wir sind optimistisch. Wir sind ein relativ gutes Team, der Zusammenhalt stärkt uns in diesen schwierigen Zeiten, der Austausch untereinander ist besser geworden. Und auch die Wertschätzung ist eine ganz andere geworden. Auch die Zusammenarbeit mit den Angehörigen hat sich verbessert. Man begegnet sich irgendwie auf einer anderen Ebene. Und das macht Spaß, macht Mut und gibt Kraft für die nächste Zeit.

Das Interview führte Hannah Böhme.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 05.04.2020 | 19:30 Uhr

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