Lehrer-Ausbildung in Zeiten von Corona

Stand: 27.02.2021 05:00 Uhr

Rund 1.500 angehende Lehrkräfte machen gerade ihre Ausbildung in Schleswig-Holstein. In Corona-Zeiten eine besondere Herausforderung. Ein Beispiel aus Moorrege zeigt, dass es trotzdem funktioniert.

von Lisa Synowski

Anne Ulbrich wirft einen Blick auf ihre Uhr. Es ist Punkt acht Uhr morgens. Beginn der ersten Stunde an der Gemeinschaftsschule in Moorrege (Kreis Pinneberg). Die junge Frau steht am Lehrerpult, vor ihr ausgebreitet jede Menge Chemie-Bücher, daneben das Modell eines Herzens und direkt hinter ihr ein bewegliches Skelett. Mit ihrer sechsten Klasse will sie heute über die Herzmuskulatur sprechen. Inhalt und Stundenaufbau hat sie genau geplant, wie sie es in ihren Ausbildungsseminaren gelernt hat.

Die soziale Interaktion im Klassenraum fehlt

Doch als sie jetzt den Kopf hebt und ein "guten Morgen" in den Klassenraum ruft, bleibt es erst mal still. Mit ein bisschen Verzögerung grüßen schließlich mehrere Stimmen zurück. Zum Teil klingen sie etwas verzerrt. Anne Ulbrich ist zwar in der Schule, aber ihre Schülerinnen und Schüler sind von zu Hause aus zugeschaltet. Sie kommuniziert per Tablet mit ihnen. Weil die Internetverbindung nicht stabil ist, bleiben die Kameras der Kinder aus. "Klar ist das was ganz anderes als das, was man sich vorstellt, wenn man sich entscheidet, Lehrerin zu werden. Ich habe mich besonders auf die soziale Interaktion im Klassenraum gefreut, und zu sehen, wie die Kinder auf die Inhalte reagieren. Was ihnen Spaß macht, und wen man vielleicht besonders fördern muss. Das fehlt jetzt schon", sagt sie.

Lehrerausbildung wird digitaler

So wie Anne Ulbrich geht es rund 1.500 angehenden Lehrkräften in Schleswig-Holstein. Zwar geben sie - wie vor Corona - eigenverantwortlich Unterricht an ihren jeweiligen Ausbildungsschulen, doch seit Dezember ist aus Präsenzunterricht in den meisten Fällen Onlineunterricht geworden. Eine Herausforderung, auch weil sie dabei keinen persönlichen Besuch mehr von ihren Ausbildern bekommen können. In manchen Fällen schalten sich die Ausbilder jetzt zum Online-Unterricht dazu, häufig sprechen die angehenden Lehrkräfte ihre Unterrichtsentwürfe theoretisch mit ihnen durch. Auch der wöchentliche Seminartag findet seit Monaten nur noch online statt.

IQSH: Umstellung klappt gut

Es sei eine Umstellung, aber auch eine Chance, sagt Maike Abshagen vom Institut für Qualitätsentwicklung (IQSH). Die zentral gesteuerte Behörde ist in Schleswig-Holstein für die Lehrerausbildung zuständig. "Flexibilität und digitales Lernen sind in der Ausbildung so wichtig wie nie zuvor", so Maike Abshagen. Sie habe das Gefühl, dass die Umstellung im relativ kleinen Schleswig-Holstein schnell gut geklappt habe und unkomplizierter gewesen sei als in größeren Bundesländern. Und auch wenn mit dem Präsenzunterricht ein wichtiger Teil der Praxis momentan wegfalle, so könne auch im Online-Unterricht geübt werden, wie man zum Beispiel eine Stunde aufbaut und in unterschiedliche Lernphasen gliedert. Und: es kämen neue, digitale Kompetenzen dazu.

Prüfungssituation noch unklar

Anne Ulbrich hat die Lehrer-Ausbildung im August vergangenen Jahres begonnen. Zu einer Zeit, in der Präsenzunterricht noch möglich war. Die Schülerinnen und Schüler ihrer sechsten Klasse kennt sie deswegen auch persönlich. Das hilft ihr, am kleinen Tablet-Bildschirm die Übersicht zu behalten. Wer sich beteiligt, wer Fragen hat und wer an seine Hausaufgaben gedacht hat. Gerade erklärt Felix, warum das Herz auf eine ständige Sauerstoffzufuhr angewiesen ist. Mehrere andere Schüler haben sich im Chat ebenfalls gemeldet. Anne Ulbrich versucht, auf alle einzugehen. Das Skelett hinter sich nutzt sie, um ihrer Klasse zu zeigen, wo im Körper sich das Herz genau befindet. "Sehr viel von dem, was ich jetzt online mache, würde ich genauso ja auch im Klassenraum machen. Und ich kann das jederzeit mit meinen Ausbildern besprechen. Ich fühle mich insgesamt also schon gut betreut und habe auch das Gefühl, viel zu Lernen. Aber natürlich freue mich sehr auf den Moment, wenn ich meine sechste Klasse wieder live vor mir habe", sagt Anne Ulbrich.

Nach 45 Minuten ist die Stunde vorbei. Die 29-Jährige hat mit ihren Schülerinnen und Schülern alle Lernziele erreicht, die sie vorab mit ihren Ausbildern besprochen hat. Ein Erfolg, der sie motiviere, sagt sie. Über ihre Abschlussprüfungen Ende des Jahres macht sie sich trotzdem Gedanken. Denn ob die im Präsenzunterricht vor einer Klasse stattfindet oder nur als theoretisches Kolloquium, ist angesichts der aktuellen Corona-Lage noch vollkommen unklar. Anne Ulbrich hofft, dass sie dafür wieder vor einer vollen Klasse stehen kann.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 26.02.2021 | 19:30 Uhr

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