Kehrtwende in Eckernförde: 2021 wird alles kleiner

Stand: 20.12.2020 07:30 Uhr

Höher, schneller, weiter - das war einmal in Eckernförde. Touristik-Chef Borgmann will das Konzept für Veranstaltungen ändern. Auslöser für diese Kehrtwende ist die Corona-Pandemie.

von Andrea Schmidt

Man könnte schier verrückt werden. Das Konzept für den beliebten Weihnachtsmarkt in Eckernförde hat Lena Guschewski bestimmt dreimal komplett geändert. "Es ist unheimlich nervig - und ich finde es anstrengend. Du planst und du planst, und dann musst du wieder neu planen." Die junge Veranstaltungskauffrau der Eckernförde Touristik & Marketing GmbH hat erst vor Kurzem ausgelernt und bestimmt nicht damit gerechnet, dass ihr Start ins Berufsleben so kompliziert wird.

Ihr Chef Stefan Borgmann kommt ins Büro, entspannt und lächelnd wie eigentlich immer. "Es ist, wie es ist. Wir werden die Auswirkungen der Pandemie im Tourismus noch lange spüren. Deshalb planen wir das ganze nächste Jahr nur klein. Und ich bin glücklich darüber: Das ist auch das, was unsere Gäste und vor allem die Einheimischen wollen." Riesige Veranstaltungen, Parkplatznot, volle Straßen - das alles soll Schnee von gestern sein.

Kultursommer: Klein, fein, hochwertig

Veranstaltungen wie das Piratenspektakel oder die Sprottentage haben sonst mehr als 100.000 Menschen angezogen. Das ganze Jahr über hat Eckernförde für gewöhnlich einen prall gefüllten Terminkalender. Große Open-Air-Musikveranstaltungen am Strand oder das Internationale Green Screen Festival ziehen sonst die Massen an. Gestrichen wurde 2021 bisher nichts auf dem großen Veranstaltungszettel. "Aber wir sind jetzt in anderen Formaten unterwegs. Statt Großveranstaltungen gibt es den Kultursommer. Kleine, feine Veranstaltungen mit abgestecktem Terrain, Einlasskontrolle und festen Sitzplätzen."

Trend an der Ostseeküste zum Ruhigen

Geschäftsführer der Eckernförde Touristik & Marketing GmbH Stefan Borgmann steht vor einer Werbetafel. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Eckernfördes Touristik-Chef Stefan Borgmann weiß, dass entlang der Ostseeküste viele so denken wie er: Großveranstaltungen sind problematisch.

So klar positioniert haben sich andere Städte oder Tourismusorte an der Küste bisher nicht. Doch dieser Trend zurück zum Ruhigen, Überschaubaren sei überall an der Ostseeküste zu beobachten, sagt Borgmann. Aus Scharbeutz, Timmendorf, Heiligenhafen oder Fehmarn etwa höre er Ähnliches. Viele haben aber noch nichts endgültig entschieden. Nachgefragt bei der Stadt Kiel zum Thema "Kieler Woche 2021" heißt es zum Beispiel: "Es ist noch zu früh, um einen Planungsstand durchzugeben. Im Moment beobachten wir die Lage und schauen, was realistisch ist."

Zwei Millionen Tagesgäste - was muss man ihnen bieten?

Es ist tatsächlich ein Dilemma: An den Planungen in der Veranstaltungsbranche hängen Geld, Jobs und ganze Schicksale. Wie will sich ein Touristenort im kommenden Jahr präsentieren? Eckernförde zieht jährlich zwei Millionen Tagesgäste an. Die kleine Stadt an der Ostsee boomt und die Übernachtungszahlen gingen sogar in diesem Corona-Jahr wieder hoch. Der Ort verzeichnet ein Buchungsplus von sieben Prozent und ein Umsatzplus von elf Prozent. Aber muss man den Urlaubern nicht viele, tolle, große Veranstaltungen anbieten? "Nein, muss man nicht", sagt Touristik-Chef Borgmann ganz klar und blickt selbstbewusst aus dem Fenster auf die Fußgängerzone in der Kieler Straße. "In Eckernförde ist es so, dass die Bevölkerung genervt ist, wenn wir Großveranstaltungen wie Fischmarkt oder Piratenspektakel haben. Dann sind die Straßen übervoll, Parkplätze sind belegt. Wir merken das an der abnehmenden Tourismusakzeptanz." Diese Neuausrichtung bei den Veranstaltungen sei nun vielleicht ein neuer guter Weg, um alle zufriedener zu stellen. Es werde sicherlich immer noch genügend Frequenz geben, damit Geschäfte, Restaurants und Cafés Geld verdienen.

Künstler sind die eigentlichen Verlierer

Die eigentlichen Verlierer scheinen die Schausteller zu sein. Vielleicht auch die Musiker und die Kleinkünstler. Sie alle werden nicht mehr gebucht. "Wir unterschreiben im Vorfeld keine Verträge mehr. Es bringt nichts, Verträge abzuschließen, die nachher nicht eingehalten werden können. Wir warten ab und fragen die Künstler, ob sie vielleicht bereit wären, dann und dann aufzutreten." Wenn das Event denn stattfindet, denn das weiß man zurzeit wegen der dynamischen Corona-Entwicklung nie. Borgmann gibt zu, dass das für die Künstler eine schwierige Situation ist. Dennoch hat er - wie alle anderen Touristik-Chefs auch - natürlich seine Stadt, seinen Arbeitgeber im Blick. Das Musikevent "Strand Open Air" im nächsten Sommer zum Beispiel, an dem Musiker wie Silbermond und Max Giesinger teilnehmen werden, ist im Moment noch geplant, aber Eckernförde geht da kein finanzielles Risiko ein. Das liegt beim Veranstalter. "Wir stellen nur den Südstrand."

"Recovery" Plan: Wann wird alles wieder normal?

Hinten im Büro hängt ein unauffälliges, aber bedeutungsvolles Plakat: eine "Timeline Recovery Version" vom Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes. Es zeigt auf, wann der Tourismus bundesweit wieder hochfahren könnte, wann er quasi auf dem Stand von 2019 ist. Es gibt drei unterschiedliche Stoßrichtungen: optimistisch, realistisch, pessimistisch. Die optimistische Timeline geht von September 2021 aus, die realistische von Juni 2022. Pessimistisch gesehen läuft der Tourismus erst wieder im Oktober 2023 so wie im Jahr 2019.

Borgmann ist Optimist, Realist und Pessimist zugleich: "Meine Prognose ist auf jeden Fall folgende: Im Tourismus werden wir auch noch nächstes Jahr um diese Zeit keinen Normalzustand haben." Man könnte verzweifeln. Borgmann tut es überhaupt nicht. Er glaubt, diese Rolle rückwärts im Veranstaltungsbereich - bedingt durch Corona - ist genau das, was Touristen und Einheimische wollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.12.2020 | 08:00 Uhr

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