Eine Collage aus den Landesschülersprechern Amelie Grothusen (l.),  Jonas Fischer und Eric Alexander Paasburg. © Amelie Grothusen / Jonas Fischer  / Eric Alexander Paasburg Foto: Amelie Grothusen / Jonas Fischer  / Eric Alexander Paasburg

Jugend und Corona: Warum spricht keiner mit uns?

Stand: 17.12.2020 10:23 Uhr

Sorgen um den Schulabschluss, Zukunftsängste, psychische Probleme - auch für Jugendliche ist die Corona-Zeit heftig. Im Gespräch mit drei Landesschülersprechern wird deutlich: Sie fühlen sich nicht ernst genommen.

von Andrea Schmidt

Amelie Grothusen ist 16 Jahre alt, sie geht auf eine Gesamtschule in Eckernförde und ist dort gleichzeitig Landesschülersprecherin dieser Schulart. Ihre größten Sorgen zurzeit? Ganz klar: "Wie schaffe ich meinen Abschluss nächstes Jahr im Frühjahr?" Alles laufe jetzt wieder kreuz und quer in der Schule. "Das mit dem Homeschooling kurz vor den Weihnachtsferien kam schon wieder so kurzfristig", stöhnt sie. "Auch für die Lehrer ist das schwer umzusetzen." Man merkt, wie sehr sie die Schulsituation bedrückt - Amelie kann gar nicht aufhören, ihre Sorgen am Telefon im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein zu schildern. "Ich sitze jetzt wieder alleine zu Hause, kriege Aufgaben, habe keinen persönlichen Kontakt zu meinen Lehrern. Das frustriert und ist auch schwierig. Habe ich im Januar wieder Schule? Ich wette, dass sich 90 Prozent der Schüler nicht gut auf den Abschluss vorbereitet fühlen."

Was geht nach der Schule oder der Ausbildung?

Jonas Fischer, Sprecher der Gymnasien im Lande, hat ähnliche Sorgen. Er macht nächstes Jahr Abitur in Altenholz. "Mir fehlen zum Beispiel die Lerngruppen sehr stark." Natürlich gibt es Videokonferenzen. "Aber da fehlt die Atmosphäre." Eric Alexander Paasburg, Sprecher der Berufsschulen in Schleswig-Holstein, ist mit seinen 24 Jahren schon etwas älter und hat seinen Schulabschluss schon geschafft. Die Zukunftssorgen sind dennoch da. "Ich mache eine Lehre zum Automobilkaufmann und bin Berufsschüler in Pinneberg. Aber natürlich frage ich mich auch: Wird mein Betrieb mich übernehmen?" Oder gibt es andere Betriebe, die ihn brauchen? Die Firma seines Kumpels habe schließen müssen.

Die Zukunftssorgen der Jugendlichen sind in der Tat groß. Das zeigen auch etliche aktuelle Studien. Nach einer Befragung des SOS Kinderdorfes macht sich fast jeder zweite junge Mensch große Sorgen um seine Zukunft. Gibt es genügend Ausbildungsplätze? Kann das geplante Auslandsjahr stattfinden? Oder das Freiwillige Soziale Jahr? "Man kann echt nichts planen", sagt Jonas. "Ich habe mich bei der Polizei beworben und bin zum Glück schon in der zweiten Runde." Das beruhigt.

Die Freunde fehlen extrem

Schule und berufliche Zukunft sind die eine Seite - die privaten Einschränkungen die andere. Was hier am meisten fehlt? Ganz klar die sozialen Kontakte. "Es fehlt der persönliche Kontakt zu Menschen. Ich mache jetzt viele Zoom-Meetings und insgesamt läuft vieles digital", erzählt Eric Alexander. Aber der virtuelle Kontakt reicht dann eben doch nicht. "Man merkt jetzt erst, wie wichtig Freunde sind. Wie schön es war, sie regelmäßig zu treffen", sagt auch Amelie.

Mehr Internet, mehr Computerspiele

Kein Jugendtreff mehr, kein Café, in dem man mal schnacken kann, keine Parties, keine Disco, kein Kino, kein Billard spielen. Das ist schon hart, finden alle drei. "Ich spiele jetzt schon öfter zum Beispiel an der Playstation", meint Eric Alexander. "Mein Medienkonsum ist gestiegen, aber er ist nicht besorgniserregend." Das ist bei vielen anderen Jugendlichen anders. Junge Menschen können einer aktuellen Umfrage zufolge zunehmend nicht mehr vom Handy oder Computer lassen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, bezeichnete jüngst die Internetabhängigkeit als "Droge der Zukunft". Der Studie zufolge nutzen die 12-25-Jährigen das Internet sowie Computerspiele rund 23 Stunden in der Woche für private Zwecke. Und das war vor Corona.

Und dann ist da noch der fehlende Sport. Amelie etwa segelt und macht Ballett, Jonas ist Fußball-Schiedsrichter: "Ich verstehe nicht, warum man nicht in kleinen Gruppen zum Beispiel kicken darf - mit Abstand. Da geht doch eigentlich so viel." Erschreckend auch die Beobachtung, die Amelie gemacht hat: An ihrer Schule wisse sie von einigen, die während der Corona-Pandemie psychisch krank geworden seien. "Da geht es um depressive Stimmungen oder auch um Magersucht."

Nicht jedem geht es schlecht - aber es fehlt das 'Gehört-werden'

Amelie Grothusen, die Landesschülersprecherin für Gemeinschaftsschulen, lächelt in die Kamera © Amelie Grothusen Foto: Amelie Grothusen
Amelie Grothusen wünscht sich mehr Kontakt zum Bildungsministerium.

Nicht jeder Jugendliche ist jetzt prinzipiell schlecht drauf - solch ein Bild wollen Eric Alexander, Jonas und Amelie nun auch nicht vermitteln. Aber dennoch fühlen sie sich mit ihren Gedanken, Sorgen und Ängsten allein gelassen. "Warum fragt uns denn keiner mal nach unserer Meinung?", meint Jonas nachdenklich. Deutliche Kritik geht auch ans Bildungsministerium. "Wir hatten auch schon mal Telefonkonferenzen mit dem Bildungsministerium", sagt Amelie. "Sie tun so, als würden sie unsere Vorschläge umsetzen wollen, aber sie tun es dann doch nicht." Auch die Zeit zum Sprechen sei viel zu kurz. "Es gibt eine große Runde, in der man nicht so richtig zu Wort kommt. Jeder konnte gefühlt einen Satz sagen, und das war's dann."

Auch Jonas, der Landesjugendsprecher der Gymnasien, kann sich richtig in Rage reden beim Thema "Mitgestaltung und -beteiligung. "Wir warten nicht nur darauf, uns auf dem Weihnachtsmarkt zu treffen und die Regeln zu brechen. Wir wollen uns beteiligen, wir wollen, dass man sich mit uns über die Perspektiven der Jugendlichen unterhält und auseinandersetzt." Und der 18-jährige Altenholzer, der eigentlich so engagiert ist, sagt auch: "Wenn ich als Jugendlicher überhaupt nicht die Chance habe, mich zu beteiligen, dann werde ich irgendwann natürlich auch verdrossen."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.12.2020 | 08:00 Uhr

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