Leiter des Zentrums, Olaf Meier-Lürsdorf hält ein Fläschchen mit AstraZeneca vor die Kamera. © NDR Foto: Andrea Schmidt

Impfzentrum Schönberg: Wieder alles anders wegen AstraZeneca

Stand: 31.03.2021 13:05 Uhr

Das Hin und Her beim Impfstoff AstraZeneca stellt die Impfzentren erneut vor große Herausforderungen. So wie in Schönberg ist es wohl überall: Die zu Impfenden sind verwirrt, den Ärzten und Organisatoren raucht der Kopf.

von Andrea Schmidt

"Ich gebe zu, ich habe heute Nacht nicht wirklich geschlafen." Der Leiter des Impfzentrums in Schönberg (Kreis Plön), Olaf Meier-Lürsdorf, seufzt vernehmlich hinter seiner Maske. Er habe "einen großen Schreck gekriegt", als die Nachricht am Dienstagabend kam. Als klar wurde, dass unter 60-Jährige nicht mehr mit AstraZeneca geimpft werden sollen. "Und meine Sorge war: Bekommen wir in Schönberg am Morgen genügend Biontech-Impfstoff als Ersatz?" 125 Impfungen stehen in den ersten vier Stunden an. Etwa 30 Menschen sind unter 60 Jahre alt und bekommen nun Biontech statt AstraZeneca.

Ein größeres Zelt steht vor einem Impfzentrum in Schönberg. © NDR Foto: Andrea Schmidt
AUDIO: AstraZeneca nur für Ü60: Thema auch im Impfzentrum Schönberg (1 Min)

E-Mails an Betroffene gingen blitzschnell raus

Die gute Nachricht am Morgen: Ja, die zusätzliche Lieferung kam an. Auch alle E-Mails, die Meier-Lürsdorf am Abend noch an die betroffenen Impflinge herausgeschickt hat, erreichten die Leute. Bianca Meller aus Heikendorf zum Beispiel hat eine bekommen: "Ich hatte erst befürchtet, dass ich nun durch den Wegfall durch AstraZeneca keine Impfung bekomme, aber schon fünf Minuten später hatte ich die Mail und nun kriege ich sogar Biontech." Sie freut sich.

AstraZeneca spaltet die Gemüter

Die Stimmung unter den Impflingen am Impfzentrum Schönberg ist komplett gespalten. Jeder hat zum umstrittenen Impfstoff eine andere Meinung. Die Bundeswehrsoldaten nehmen eine etwa 70-jährige Frau in Empfang. "Sie wissen ja, Sie bekommen heute AstraZeneca." Die Frau antwortet: "Ja, ich weiß. So ein Scheiß. Aber da kann man nichts machen. Ist dann so." Monika Jancke aus Kiel hat ebenfalls gerade AstraZeneca bekommen und ist dagegen relativ entspannt. "Da gibt es zehn Fälle bei Millionen von Impfdosen", sagt sie. "Das Risiko muss ich eingehen." Ihre Freundin Marie-Luise Knaak wettert dagegen: "Dieser Impfstoff sollte verboten werden."

Ärztin: Kaum Zeit für Beratungsgespräche

Ärztin Antje Kahl steht vor einem Impfzentrum in Schönberg. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Der Beratungsbedarf zu AstraZeneca ist groß, die Zeit im Impfzentrum aber knapp, sagt Ärztin Antje Kahl.

Die Verunsicherung ist groß, und das bekommen heute vor allem die Ärzte zu spüren. "Die Menschen haben viele Fragen, sie informieren sich bei mir über das Thrombosegeschehen und auch über ihr persönliches Risiko", sagt die heutige Impfärztin Antje Kahl. Sie hat gerade Mittagspause und wirkt etwas kaputt. Die Menschen würden nicht verstehen, warum nun ganz aktuell die Altersgrenze 60 gezogen wurde. "Im Impfzentrum sind die Zeiten für die Patienten sehr stringent getaktet. Eigentlich besteht keine Zeit für lange, aufwendige Aufklärungsgespräche." Grenzwertig sei das, sagt sie diplomatisch.

Viele haben laut der Ärztin auch nicht den aktuellen Aufklärungsbogen. Auch dies müsse nun noch ausgetauscht werden. Spannend wird auch die Frage, was mit denjenigen passiert, die schon einmal mit AstraZeneca geimpft wurden und nun auf den zweiten Pieks warten. Wie auch immer da die Entscheidung der Impfkommission ausfallen wird, die Nervosität scheint bei vielen zu steigen. So wie bei Frauke Martens-Tödter aus Mönkeberg zum Beispiel: "Mein nächster Termin ist Mitte Mai. Beim letzten Stopp von AstraZeneca habe ich mir nicht so viele Gedanken gemacht. Dieses Mal bin ich aber unruhiger." Die 50-Jährige würde auch einen anderen Impfstoff für die Zweitimpfung nehmen.

Leiter des Impfzentrums: "Es gibt schlimmere Tage"

Leiter des Zentrums, Olaf Meier-Lürsdorf steht vor dem Empfangtresen des Impfzentrums in Schönberg und lächelt in die Kamera.. © NDR Foto: Andrea Schmidt
Trotz Stress behält er seit fast drei Monaten gute Laune: Der Leiter des Schönberger Impfzentrums, Olaf Meier-Lürsdorf.

Alles in allem läuft es einfach nicht glatt mit der Impfkampagne in Deutschland, doch die Helfer - auch hier in Schönberg - tun ihr Bestes. "Ich mache das jetzt seit etwa drei Monaten - jeden Tag. Ich wiederhole: JEDEN Tag", erzählt Leiter Olaf Meier-Lürsdorf, der eigentlich Soldat im Ruhestand ist. "Der heutige Tag war bei Weitem nicht der Schlimmste. Da habe ich schon ganz andere Tage erlebt." Aber er macht weiter und will bei der Corona-Pandemie einfach nur helfen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.03.2021 | 17:00 Uhr

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