Stand: 04.04.2020 13:23 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Paradies und Albtraum: Abgeschottet auf Helgoland

von Andreas Schmidt

Irgendwann kommt der Westwind. Man spürt ihn zuerst in leichten Stößen, die durch die leeren Gassen fegen. Dann fangen die Drähte und Antennen des Signalmastes auf dem Oberland an zu singen und zu wummern. Fächerartig fauchen die Böen über das kurze Gras der zerklüfteten Insel. Vom Lummenfelsen starten die Basstölpel mit einem einzigen Hüpfer vom Felsen. Minutenlang schweben sie auf der Stelle über ihrer kreischenden und stinkenden Kolonie. Das ist Helgoland in der Corona-Krise.

Für die Natur ist die Corona-Krise eine Atempause

Elmar Ballstaedt setzt sein Fernglas an. Der Ornithologe erforscht normalerweise den Einfluss von Plastikmüll in den Nestern der Meeresvögel auf deren Leben. "Aber so etwas wie jetzt - das gab es noch nie." Seit 1991 bevölkern die Basstölpel die Felsen der Insel. "Sie sind an die Touristenmassen gewöhnt," meint Ballstaedt.

So schmerzlich das für Tourismusbetriebe ist - für die Natur, für Kegelrobbe, Basstölpel, für Trottellumme und Tordalk bedeutet die Corona-Krise eine Atempause. Für Ballstaedt ist das ein neues Forschungsprojekt.

Schiff bringt immerhin 52 Liter Desinfektionsmittel

"Sten, wie sieht es bei Euch aus?" Bürgermeister Jörg Singer sitzt in seinem engen Containerbüro. Das Rathaus wird gerade renoviert, deswegen musste der Bürgermeister in ein Containerdorf am Hafen ausweichen. Jetzt steht die Baustelle still, wie fast alles. Jeden Morgen telefoniert sich Jörg Singer mit seinen Spitzenleuten zusammen.

Sten, das ist Sten Wessels, der Pflegedienstleiter im Inselkrankenhaus, er hat gute Nachrichten. "Gestern habe ich noch 52 Liter Desinfektionsmittel mit dem Schiff bekommen." Die Inselklinik behandelt einerseits alle akuten Patienten, Insulaner oder Gäste. Dazu gibt es noch eine große neurologische Station, in der normalerweise Parkinson-Patienten vom Festland behandelt werden. Die sind seit einer Woche entlassen.

Bislang hat das Coronavirus die Insel noch verschont

Das Krankenhaus ist fast leer und vorbereitet darauf, dass auch auf Helgoland die ersten Covid-19-Erkrankungen auftreten. Doch bislang hat das Virus die Insel verschont.

Eigentlich ist Ostern das Ende der Tourismus-Durststrecke

Die Helgoländer Wirtschaft trifft es umso härter. Sören Conradi sitzt im leeren Frühstücksraum seines Hotels und fährt sich durchs Haar. "Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht." Normalerweise sind die Wochen um Ostern der erste Lichtblick nach der langen Durststrecke im Winter. Aber jetzt darf bis auf wenige Ausnahmen niemand auf die Insel. Auch das Kamerateam von NDR Schleswig-Holstein darf nur mit einer Sondergenehmigung anreisen.

"Außerdem sind unsere Stammgäste eher 60 Jahre und älter, gehören also zur Risikogruppe," meint Conradi. "Ich glaube nicht, dass wir die Saison noch richtig starten können." Die Saisonkräfte sind an Land. Das Hotel ist renoviert. Eigentlich gibt es für Sören Conradi nichts mehr zu tun als zu warten. Und zu hoffen, dass die Reserven reichen, bis diese Krise überstanden ist.

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Ein Glück: Sattes Plus durch Gewerbesteuereinnahmen

Es ist ein Glück, dass die Gemeinde Helgoland sich vor zehn Jahren dafür entschieden hat, Service-Hafen für die Offshore-Industrie zu werden. Durch die Gewerbesteuereinnahmen hat die Insel jedes Jahr ein sattes Plus in der Kasse und jetzt ein Polster, um den eigenen Hoteliers und Gastronomen zu helfen. Wie genau die Gemeinde helfen wird, das ist Jörg Singer noch nicht ganz klar. "Vielleicht bei den Kosten für Wasser, Strom und Wärme." Außerdem hat er noch eine andere Idee: das Projekt Tapetenwechsel. "Helgoländer könnten doch bei ihren eigenen Nachbarn zum Selbstkostenpreis im Hotel schlafen." Im Moment haben ohnehin alle Zeit und wenig zu tun. Und weg kann auch niemand, der nicht unbedingt muss.

Bewohnerin: "Irgendwann sehnt man sich nach dem Leben"

Am späten Nachmittag kommt die Sonne herum. Im Windschatten an den Landungsbrücken sitzt Ingrid Saß und genießt die Wärme. Seit 1958 wohnt sie auf der Insel. 84 Jahre ist sie jetzt alt. Sie kennt die langen Winter und die Einsamkeit. Sie mag das auch. "Aber irgendwann, da sehnt man sich auch nach den Gästen, nach dem Leben. Ich habe das Gefühl, es wird nie wieder, wie es war." Es glitzert in ihren Augen. Sie steht auf und geht langsam mit dem Rollator nach Hause.

Kaum ein Mensch ist noch zu sehen. Hin und wieder surrt eine Elektrokarre vorbei. Die Börteboote schaukeln vertäut am Kai. Zweimal in der Woche kommt noch ein Schiff aus Cuxhaven, bringt das Nötigste. Ansonsten bleibt es still. Und leer.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 04.04.2020 | 19:30 Uhr

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