Stand: 02.04.2020 20:04 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Coronavirus: Keine Mundschutz-Pflicht in SH geplant

Die schleswig-holsteinische Landesregierung will das Tragen eines Mundschutzes derzeit nicht vorschreiben. Weder beim Einkaufen noch an anderen öffentlichen Orten müsse eine Maske oder ähnliches getragen werden, teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag mit. Es gebe zu wenig Masken - deshalb stelle sich die Frage nicht. Die wenigen, die da sind, sollen für die medizinische Versorgung genutzt werden. Genau so argumentiert auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die Diskussion um den Sinn und Zweck eines Mundschutzes wird dennoch weiter geführt.

Virologe beantwortet User-Fragen zum Thema Mundschutz

Schleswig-Holstein Magazin -

Was halten Sie von der Mundschutzpflicht? Wie wirksam ist ein selbst genähter Mundschutz? - Diese und weitere Fragen unserer User zum Coronavirus beantwortet der Virologe Helmut Fickenscher.

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Virologe Fickenscher: Gute Schutzmasken für die Medizin lassen

Auch Helmut Fickenscher, Virologe der Kieler Christian-Albrechts-Universität, befürwortet die Idee nicht. Richtig effektiv seien ohnehin nur die sogenannten FFP-Masken aus der Medizin, denn sie liegen eng an. Aber: Genau die sind kaum noch zu bekommen. "Da muss man Prioritäten setzen. Es wäre unsinnig, wenn man jetzt massenhaft diese an sich knappen Produkte an alle Personen verteilt." Sie gehörten in den medizinischen Bereich oder könnten zum Beispiel wichtig in Altersheimen werden.

Fickenscher: Selbstgemachter Mundschutz kommt Alibi gleich

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Noch laufen nur einige Menschen mit Mundschutz herum. Schleswig-Holstein führt weiterhin keine Pflicht ein.

Doch auch einfachere Formen des Mundschutzes für die Allgemeinheit überzeugen Fickenscher nicht: "Der Vorschlag 'Nähe dir doch deinen Munschutz selber' hat keinerlei nachgewiesene Schutzwirkung", sagt der Virologe. Handgehäkelte Masken oder auch ein dicker Schal - das wäre ein reines Alibi, sagt der Kieler Virologe. Der Mundschutz habe eigentlich den Hauptsinn, dass der Arzt seine Tröpfchen aus den Atemwegen nicht in der Wunde des Patienten ablagere. Ein Mund-Nasen-Schutz mache außerdem Sinn, wenn ein Mensch infiziert ist und transportiert werden soll.

Drosten: Schal kann helfen bei Fremdschutz

Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité unterscheidet zwischen Eigenschutz und Fremdschutz. Fremdschutz heißt: "Ich bin krank, trage eine Maske, damit nicht jemand anderes noch krank wird." Für diese Überlegung gebe es gute Gründe, erklärte er im Podcast "Coronavirus-Update" (Transkript). Auch ein Schal oder ein Tuch - am besten mehrlagig vor dem Mund - könnte mindestens ein Teil der Tröpfchen auffangen, wenn man niese. Und das sei gut. Aber dass ein Mundschutz hilft, sich selbst zu schützen - dafür gebe es fast keine Evidenz, so Drosten. Im Internet rufen unter Hashtags wie #maskeauf und #maskeaufjetzt immer mehr Privatleute dazu auf, sich freiwillig das Gesicht an öffentlichen Orten zu verhüllen.

Robert-Koch-Institut ändert Einschätzung

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat in der Coronakrise seine Einschätzung für das Tragen von Mundschutz geändert. Wenn Menschen - auch ohne Symptome - vorsorglich eine Maske tragen, könnte das das Risiko einer Übertragung von Viren auf andere mindern, hieß es am Donnerstag auf der Internetseite der Bundesbehörde.

Wissenschaftlich belegt sei das aber nicht. Zuvor hatte das RKI den Mundschutz nur Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen empfohlen. Nicht jeder, der mit dem Coronavirus infiziert ist, bemerke das auch, hieß es. Manche Infizierte erkrankten gar nicht, könnten den Erreger aber trotzdem weitergeben. Regeln zum Husten- und Niesen, zur Händehygiene und zum Mindestabstand sollten auch mit Masken weiterhin eingehalten werden. Außerdem gebe es keine hinreichenden Belege dafür, dass ein Mund-Nasen-Schutz oder eine selbstgenähte Maske einen selbst vor einer Ansteckung schützt.

Österreich und Stadt Jena führen teilweise Mundschutz-Pflicht ein

In Österreich gilt ab 1. April eine Mundschutz-Pflicht beim Einkaufen ein, Jena will nach Angaben der Stadt in der kommenden Woche einen Mund-und-Nasen-Schutz auch im öffentlichen Nahverkehr zur Pflicht machen. Bundesweit soll eine solche Maßnahme derzeit aber nicht umgesetzt werden. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprachen sich im Moment gegen eine allgemeine Masken- oder Mundschutzpflicht aus. Bundesinnenminister Horst Seehofer appellierte an die Industrie, an der Herstellung dringend benötigter Medizinprodukte mitzuwirken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.03.2020 | 17:00 Uhr

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