Stand: 26.03.2020 14:39 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Coronavirus: Hinter den Kulissen des Krisenstabs

von Andreas Schmidt und Julia Schumacher

Etwas abgelegen liegt es, das schleswig-holsteinische Sozialministerium: zwischen Kieler Hauptbahnhof und Hörnbad. Doch normalerweise ist hier trotzdem reger Personenverkehr. Jetzt arbeitet hier nur noch der engste Mitarbeiterkreis - der dafür aber umso mehr.

Lagebesprechung mit Sicherheitsabstand

Jeden Tag um 8:30 Uhr kommt der Krisenstab für die Coronavirus-Pandemie zusammen. Lagebesprechung. Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) eröffnet und leitet die Runde, mit im Raum sind sein Staatssekretär, Pressesprecher und vor allem die Fachleute Abteilung 4, sie kümmert sich um Gesundheit. Etwa ein Dutzend Leute sitzen hier jeden Morgen - mit viel Abstand - um ein großes U aus Tischen zusammen. Je nach Lage und Thema sind es auch mal mehr. Einige sind auch telefonisch zugeschaltet.

Seit Wochen im Einsatz: Der Krisenstab

Schleswig-Holstein Magazin -

Seit Wochen kommt im Gesundheitsministerium jeden Morgen ein Krisenstab zusammen. Ein Blick hinter die Kulissen des Krisenmanagments in Schleswig-Holstein.

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Wie nach außen kommunizieren?

"Einen schönen guten Morgen!" Minister Garg sammelt die Themen für den Tag ein: Krankenhauskapazitäten, Beschaffung von Sicherheitsmaterial, Versorgung von Obdachlosen, Umgang mit Prüfungen an Universitäten und Schulen, Testprioritäten.

Eine große Rolle spielt dabei die Kommunikationsstrategie. Wie beim Thema Testprioritäten: "Wie können wir das so übersetzen, dass es der Schleswig-Holsteiner und die Schleswig-Holsteiner versteht, dass es keinen Sinn macht, einfach irgendwo hin zu laufen und nach einem Test zu fragen?", fragt Grag in die Runde. "Das ist ganz wichtig, dass die Menschen gerade jetzt verstehen, dass es überhaupt keine Aussagekraft hat, wenn sich jetzt jeder irgendwo in eine Schlange stellen würde, um sich testen zu lassen." Kurze Diskussion. Der Pressesprecher wird eine Presseinformation dazu verschicken.

Eine Instrumentenkasten voller Macht

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Referentin für Infektionsschutz im Gesundheitsministerium: Anne Macic.

1,5 Stunden beraten sie sich. Davor und danach findet die eigentliche Arbeit statt. So wie bei Anne Marcic. Die Medizinerin arbeitet seit 15 Jahren im Ministerium für den Infektionsschutz. Doch noch nie musste sie ihren ganzen Instrumentenkasten auspacken, wie sie es nennt. Jetzt schon. "Ein bisschen mulmig wird einem schon, wenn man die ganzen Maßnahmen ergreifen muss. Aber im Moment haben wir keine andere Chance", sagt sie.

Ihr Instrumentenkasten ist das Infektionsschutzgesetz, genauer der Paragraph 28. Der gibt ihr mehr Macht und Befugnisse für Einschränkungen, als die meisten vor einigen Wochen noch dachten. Eine zentrale Frage für sie ist: Wie lange kann der Zustand jetzt fortgesetzt werden? "Wir werden ja nicht auf ewig das soziale Leben runtergefahren lassen. Wir werden uns irgendwann darauf konzentrieren müssen, bestimmte Gruppen verstärkt zu schützen", sagt Macic.

Schwere Zeiten für einen liberalen Minister

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Das Corona-Tagebuch von Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP).

Ein Stockwerk über ihr hat der Minister sein Büro. Heiner Garg hat am 2. März angefangen eine Art Corona-Tagebuch zu schreiben. Das Buch ist jetzt fast voll. Er ist liberaler und jetzt mit verantwortlich dafür, Bürgerrechte einzuschränken. Das schmerzt ihn zwar, aber ihn quälen existentielle Fragen, die ihn letztlich so entscheiden lassen: "Was passiert, wenn ich kein striktes Betretungsverbot von Krankenhäusern oder Altenpflegeheimen verhängen würde? Was würde passieren, wenn ein Viruseintrag dafür sorgen würde, dass sich ein ganzes Altenpflegeheim auf einmal infiziert?"

"Ich bin nicht nur Minister, ich bin auch Mensch"

Die Hoffnung ist, dass bald die Kontakteinschränkungen wirken und die Welle der Neuinfektionen flacher wird. Aber sicher können sie sich nicht sein. Garg nennt die Situation extrem krass: "Ich bin ja nicht nur Minister, ich bin auch Mensch. Mein Lebensgefährte lebt in den Vereinigten Staaten. Wir haben keine Ahnung, wann wir uns wiedersehen." Um Ostern wird die Lage hier neu bewertet. Bis dahin gibt es vielleicht eine konkrete Hoffnung auf einen Impfstoff. Und irgendwann auch ein schrittweises wieder Anfahren des Lebens.

Weitere Informationen

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Die Zahl der bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein steigt weiter an. Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zu dem Thema. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.03.2020 | 12:00 Uhr

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