Stand: 06.07.2020 12:09 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Corona und Pflegeheime: Besuchsregeln sorgen für Ärger

von Julia Schumacher

Für Bewohner von Pflegeheimen und ihre Angehörigen waren es harte Monate mit kaum Kontakt - bis vor drei Wochen. Seitdem gilt das Betretungsverbot wegen Corona nicht mehr. Das Land hat die Pflegeheime ab dem 15. Juni dazu verpflichtet, Besuch unter Auflagen möglich zu machen. Zwischenzeitlich war es für Heime zwar möglich, unter strengen Auflagen Treffen mit Angehörigen zu organisieren. Doch längst nicht alle haben das angeboten. Die seit Mitte Juni geltende Regelung hat die Situation zwar für viele verbessert, doch nach Informationen des NDR Schleswig-Holstein kommt es trotzdem immer wieder zu Beschwerden und Konflikten.

"Ich halte seine Hand"

Es ist Eva von Holdts neuer Alltag: Jeden Tag - außer am besuchsfreien Sonntag - betritt sie um 14:30 Uhr das Pflegeheim in Lübeck, in dem seit fünf Jahren ihr demenzkranker Mann wohnt: "Ich gehe mit ihm mit dem Rollstuhl raus," erzählt sie, denn selbst gehen könne er inzwischen nicht mehr: "Und dann streichle ich ihn. Ich halte seine Hand. Wir setzen uns gemeinsam auf eine Bank."

Erlass von Mitte Juni hat Situation verändert

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Eva von Holdts Mann ist seit fünf Jahren in einem Plfegeheim in Lübeck. Vor der Corona-Krise besuchte sie ihn täglich für mehrere Stunden.

Zwei Stunden am Tag darf sie mit ihm verbringen, allerdings nur unter Voranmeldung und in einem festgelegten Zeitraum: "Es wird sehr akribisch dokumentiert, was ja unser aller Sicherheit dient." Vor der Corona-Krise hat sie fast doppelt so viel Zeit mit ihm verbracht.

So wie jetzt sei es für sie akzeptabel, sagt Eva von Holdt. Die Situation habe sich verändert, nachdem das Sozialministerium Mitte Juni das Betretungsverbot aufgehoben und die Heime verpflichtet hatte, ein Hygiene-Konzept für Besuch zu erstellen.

Heime zögerlich mit freiwilligen Besuchskonzepten

Freiwillig konnten Heime das zwar bereits seit Anfang Mai, doch viele ließen die Türen dennoch zu oder waren zurückhaltend. Das hatte auch Eva von Holdt erlebt: "Da bot man einen Raum an, in dem sich drei Gruppen bilden konnten, die gleichzeitig hinter einer Wand mit Mundschutz sprachen." Die Stimmen hätten sich überlagert, das sei sehr ungünstig gewesen.

Obwohl laut Vorgaben des Sozialministeriums seit dem 15. Juni Besuche auf den Zimmern wieder möglich sein müssen, schreiben einige Heime nach wie vor Besuchsräume vor. Diese tauchen immer wieder in den Beschwerden von Angehörigen auf, die bei den zuständigen Heimaufsichten der Kreise eingehen. Kritisiert wird nach Angaben der Kreise mangelnde Privatsphäre und zu wenig Nähe zum Angehörigen.

Beschwerden: zu wenig und zu kurze Besuchszeiten

Die meisten Beschwerden, die bei den Kreisen eingehen, drehen sich aber um das Thema Zeit. Martin Kruse vom Kreis Rendsburg-Eckernförde sagt: "Uns erreichen im Wesentlichen folgende Hinweise: Zu wenig und zu kurze Besuchszeiten, zu wenig Zeit für Spaziergänge auch außerhalb des Geländes, fehlende Alternativen zu Besuchsräumen, zu wenig Zeit für körperliche Nähe."

Kreise überwiegend zufrieden mit Besuchskonzepten

Überwiegend funktioniere das mit den Besuchskonzepten aber gut, antworten die Kreise dem NDR Schleswig-Holstein auf Anfrage. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde seien in den vergangenen Wochen etwa zehn Beschwerden eingegangen, im Kreis Pinneberg etwa eine pro Tag. Ob das viel oder wenig ist, lässt sich schwer sagen: Eine vergleichbare Situation hat es noch nie gegeben.

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Anna Jannes und Anne Brandt vom Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein haben seit Beginn der Krise die Situation von Demenzerkrankten in Pflegeheimen begleitet.
Heimleitungen ansprechen, gemeinsam Lösungen finden

Zeit und Berührung spielten für alle, besonders aber für Bewohner mit Demenz, eine große Rolle, sagt Anne Brandt vom Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein: "Wenn ich Demenz habe und die ist weiter fortgeschritten, verstehe ich viele Dinge nicht mehr. Und die haben häufig einen sehr engen Bezug zu ihren Angehörigen, weil die ihnen Sicherheit geben." Fehle das, könne es zu Unruhe kommen. Angehörige sollten also ruhig auf die Heimleitungen zugehen, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Covid-19-Ausbruch: "Eine Horrorvorstellung"

Das ist etwas, was Daniela Bialluch, Leiterin der Professorenhäuser der Stiftung Kieler Stadtkloster, auch ermöglichen möchte: Wenn jemand im Sterben liegt oder nicht mehr isst, würden Wege für die Angehörigen gefunden, häufiger zu kommen. Doch sie sagt auch deutlich, warum Heimleitungen mit Besuch sehr vorsichtig sind: "Wenn Covid-19 hier ausbrechen würde, das war die schlimmste Vorstellung, die ich mir in meiner ganzen Laufbahn in der Pflege vorstellen konnte, das ist eine Horrorvorstellung. Das kostet mich jetzt noch schlaflose Nächte."

Große Verantwortung für die Heimleitungen

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Daniela Bialluch Leitet die Professorenhäuser in Kiel: "Seit es mehr Besuch gibt, sind die Bewohner glücklicher."

Wenn in einem Heim das Virus ausbricht, werde die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt, so Bialluch. Die Verantwortung, die auf den Heimleitungen lastet, sei groß, erzählen auch andere Heimleiter.

Der Schutz der Bewohner sei ihr erster Gedanke, sagt Bialluch. Dafür arbeiteten sie und ihr Team seit Wochen im Ausnahmezustand: "Wenn dann Angehörige kein Verständnis haben, wissen sie manchmal gar nicht, was für einen Job wir hier machen."

Altenpfleger-Image leidet: Von "Helden" zu "Gefängniswärtern"

Die große Mehrheit hielte sich zwar an die Regeln. Einige tauchten aber immer wieder unangemeldet auf, beleidigten das Personal oder drohten mit der Polizei, wenn man sie nicht reinließe, sagt Bialluch: "Uns wird Freiheitsberaubung vorgeworfen." Der Blick auf die Pflege habe sich im Laufe der Krise verändert, sagt Anne Brandt vom Kompetenzzentrum Demenz: "Am Anfang waren es die Helden in der Krise, jetzt hört man immer wieder: Gefängniswärter, die schließen die Leute weg."

Kritik am besuchsfreien Sonntag

In Lübeck spürt Eva von Holdt, dass die Isolation bei ihrem Mann Spuren hinterlassen hat: "Ich muss feststellen, dass er in dieser Zeit - es waren ja immerhin zwölf Wochen - natürlich stark abgefallen ist. Aber ich stelle auch fest, dass er in diesen zwölf Wochen nicht sehr gelitten haben kann, weil er sich schon so weit entfernt hat." Ihre Stimme erkenne er nur noch gelegentlich, sehen könne er sie nicht mehr: "Er guckt durch mich durch. Aber er merkt eben die Zuwendung, auch in Form von Körperkontakt."

Eine Sache gibt es, bei der sie sich Nachbesserung wünscht: beim besuchsfreien Sonntag: "Das ist sehr schade, weil sonntags nicht viel betreut wird. Dann sind die Menschen wirklich allein."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.07.2020 | 12:00 Uhr

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