Stand: 30.04.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Corona in SH: Unternehmen vor großen Herausforderungen

von Maja Bahtijarevic

Ein Mitarbeiter des Gebäudemanagements Jörn Kind aus Reinbek steht auf einem Gerüst und putzt ein Oberlicht. © Gebäudemanagement Jörn Kind
Bei manchen Sparten des Unternehmens Kind aus Reinbek gab es auch Einbrüche.

Hygiene-Unternehmen zählen zu den "kritischen Infrastrukturen". Das besagt Paragraf 10 der Landesverordnung über Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus. Und das bedeutet: Auch das Reinbeker Gebäudemanagement- und Reinigungsunternehmen von Jörn Kind (Kreis Stormarn) wird als systemrelevant eingestuft. Er und seine Mitarbeiter durften trotz der coronabedingten Schließungen vieler Betriebe Mitte März weiterarbeiten. Zu ihrem Kerngebiet gehört: Reinigung von Praxen und Pflegeheimen. "Am Anfang war es ein massives Problem, Schutzausrüstung zu bekommen", erinnert sich Kind. Diesbezüglich sei die Lage jetzt viel besser, und auch Desinfektionsmittel sei wieder gut verfügbar. Aber auch wenn sich der Unternehmer glücklich schätzen darf, dass sein Betrieb weiterlaufen durfte: 20 bis 30 Prozent Einbußen müsse er verzeichnen, sagt Kind.

Bedarf wird langsam wieder hochgefahren

Gewisse Einschränkungen habe es in einigen Sparten des Unternehmens gegeben. "Wir haben auch Kunden, die ihre Leute ins Homeoffice geschickt haben", sagt Kind, "dementsprechend ist da auch nicht in dem Umfang gereinigt worden." Jetzt merke er aber, dass langsam wieder hochgefahren wird: Es gebe mehr Arbeit, auch an den Schulen. "Gymnasien und Gemeinschaftsschulen haben jetzt Abschlussprüfungen, da reinigen wir auch", erzählt der 60-Jährige. "Jeder Tisch wird desinfiziert, die Handläufe, in den Fahrstühlen die Knöpfe. Jetzt gibt es fast mehr zu tun als in den Wochen zuvor."

Der Unternehmer hat einen Hilfskredit beantragt, bereits vor sechs Wochen, erzählt er. Die Verträge seien aber erst vor Kurzem bei der Hausbank angekommen - so groß sei offenbar der Andrang bei der Förderbank, der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), dass sie mit der Bearbeitung kaum hinterher kämen. Seine Leute musste er aber nicht in Kurzarbeit schicken, auch sei keiner entlassen worden - zum Glück seien seine Mitarbeiter seiner Bitte gefolgt und hätten Urlaub genommen, meint Kind. "Innerhalb der nächsten 14 Tage oder drei Wochen könnte es eng werden, wenn der Kredit nicht kommen würde." Trotzdem sehe es nicht so düster aus. "Bei uns ist die Situation ja nicht so schlimm wie in der Gastronomie und der Hotellerie, die haben ja von heute auf morgen nichts verdient."

Gastronomie bis 31. August grundsätzlich geschlossen

DJ Marc Wolf dreht an den Plattentellern mit Kopfhörern auf den Ohren und konzentriertem Blick. © Marc Wolf
Marc Wolf legt selbst in seinem Luna-Club auf - aus der Not geboren gerade aber nur im Online-Stream.

Davon kann Marc Wolf viel erzählen. Der Betreiber des Luna-Clubs in Kiel musste den Laden mit seinen beiden Geschäftsführer-Kollegen sofort schließen, nachdem die Landesverordnung Mitte März veröffentlicht wurde. Status quo: Für Discos und Clubs heißt es grundsätzlich, dass die Schotten dicht bleiben - vorerst bis zum 31. August. Wolf merkt man den Frust an: "Wir sind sowieso am A***", sagt er. Ein Gespräch der Stadt mit Vertretern der Branche am vergangenen Freitag habe ergeben, dass die Betreiber Vorschläge unterbreiten können, wenn sie ihre Betriebe vor dem Datum wieder öffnen wollen. "Wir sollen uns jetzt überlegen, wie wir unter Beachtung der Maßnahmen unseren Betrieb irgendwie aufrechterhalten können. Und dann sollen wir damit noch mal zur Stadt", erklärt der 26-Jährige. Es klingt sarkastisch, wie er das sagt. "Wie soll das denn bitte aussehen? Sollen wir 20 Leute reinlassen, die wir vorher mit einem Schnelltest checken und dann sollen die mit anderthalb Metern Abstand tanzen?" Von der Stadt Kiel sieht sich Wolf nicht ernst genommen. Alles an Discos sei beispielsweise anders als bei Hotels. "Die Stadt wirft uns in einen Pott mit Hoteliers und Gastronomen. Aber jeder, der mal in einem Club war, weiß, dass der Vergleich völlig fehl am Platz ist."

Was ist in einem Jahr?

Erst zum Jahreswechsel hatten Wolf und seine zwei Mitstreiter den Club übernommen. Dieses Detail hatte sie anfangs von den staatlichen Soforthilfen ausgeschlossen. Eine Voraussetzung war, dass das Unternehmen seit mindestens Dezember 2019 bestehen muss. "Das wurde nachgebessert", erzählt Wolf, "wir haben das angemerkt bei einer Videokonferenz mit den Verantwortlichen." Daraufhin sei eine Einmalzahlung von 9.000 Euro für die kommenden drei Monate gekommen. Doch, wie Wolf sagt, reiche das kaum für sechs Wochen. "Im Ernst: Wir sind darauf angewiesen, dass die Leute spenden, ohne eine Gegenleistung zu bekommen." Momentan sei der Kopf noch über Wasser. "Eine gewisse Zeit muss man abkönnen. Es kann ja nicht sein, dass der Laden nicht mehr läuft, wenn mal ein Wochenende zu ist", meint er, "aber alle machen sich Gedanken: Was ist in einem Jahr? Wenn das alles überstanden ist, hat man alle Ersparnisse verbraucht - und was dann?" Wenn keine Hilfen von Stadt und Land kämen, könne man an ein paar Fingern abzählen, wie lange das noch gehe.

Devise: Ware schnellstmöglich und bestmöglich loswerden

Das Modehaus Wichmann hat in ihrem Eingangsbereich Desinfektionsmittel für die Kundschaft bereit gestellt. © Modehaus Wichmann Foto: Torben Wichmann
Abstandsregeln, Desinfektionsmittel, verkleinerte Verkaufsfläche: So wie im Modehaus Wichmann, sieht es in vielen Geschäften momentan aus.

Torben Wichmann durfte dagegen sein Modegeschäft in Kappeln (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vergangene Woche wieder aufmachen - unter der Voraussetzung, dass er seine 1.200 Quadratmeter Verkaufsfläche auf 800 beschränkt und die Sicherheitsvorkehrungen einhält. "Jetzt haben wir etwa 500 Quadratmeter - und der Rechnung nach dürften wir einen Kunden pro zehn Quadratmeter reinlassen", erklärt Wichmann, "aber wir kommen auf eine Spitze von 20, wenn es hoch kommt." An der Tür steht ein Tisch mit Desinfektionsmittel für die Kunden, etwa 150 Einmal-Nase-Mund-Masken konnte der Unternehmer noch organisieren und im Schaufenster hängen große Plakate, die 30-Prozent-Rabatt bewerben - ungewöhnlich für aktuelle Ware. "Das ist kaufmännisch eine Katastrophe", sagt Wichmann, " aber wir versuchen, die Ware, die wir haben, schnellstmöglich und bestmöglich loszuwerden." So probiere er, die nächste Zeit so gut es gehe rumzukriegen. Seine Hoffnung setzt der Ladenbetreiber auf Anfang Mai: Werden die Zweitwohnungsbesitzer dann wieder zu ihren Wohnungen gelassen, gebe es mehr Umsatz, rechnet sich Wichmann aus.

Ob er für sein Unternehmen staatliche Hilfe anfordern kann, weiß Wichmann nicht. Da müsse er sich noch "reinfuchsen", sagt er. Für Kredite der Förderbank qualifiziere er sich nach eigener Kenntnis nicht, bleibt aber optimistisch. "Ich werde gucken, was ich machen kann, um an Gelder zu kommen", meint der Unternehmer und hofft, dass bald auch die Urlauber wiederkommen werden. "Natürlich unter Einhaltung der Maßnahmen", fügt er an, "aber davon sind wir ja alle in Schleswig-Holstein abhängig."

"Es wird Kratzer geben"

Geschäftsführer Jörn Kind (l.) überreicht zum 10. Betriebsjubiläum dem Gebäudereinigergesellen und angehenden Meister Toni Lünse einen Präsentkorb. © Gebäudemanagement Jörn Kind
Jörn Kind (l.) ist zuversichtlich - solange die Lage kontrollierbar bleibt. Von Lockerungen hält er zum jetzigen Zeitpunkt nichts.

Reinigungs-Unternehmer Jörn Kind geht davon aus, dass das Coronavirus den Alltag noch bis ins Frühjahr kommenden Jahres massiv begleiten wird, ist aber auf lange Sicht zuversichtlich. "Es wird Kratzer geben, das werden wir alle merken. Aber in zwei, drei Jahren wird man die Schäden wieder reparieren können." Von progressiven Lockerungen der Maßnahmen hält der Unternehmer nicht viel. "Ich mag mir gar nicht vorstellen, wenn wieder alles schließen muss," sagt er, "das wird noch schlimmer als jetzt." Kind fürchtet, dass durch das Aufheben bestimmter Einschränkungen die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen - und als Reaktion darauf die Wirtschaft wieder heruntergefahren werden muss. Schließungen im gleichen Umfang wie beim ersten Mal würden viele Geschäfte zum Aufgeben zwingen. Lieber guckt Kind aber optimistisch in die Zukunft: "Wenn wir das kommende dreiviertel Jahr noch durchstehen, haben wir es geschafft. Das wird doch machbar sein."

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