Eine Mitarbeiterin in einem Schnelltestzentrum hält einen Corona-Schnelltest in den Händen. © picture alliance/dpa/Moritz Frankenberg Foto: Moritz Frankenberg

Corona in SH: Impfstatus vieler Neu-Infizierter unbekannt

Stand: 03.12.2021 05:00 Uhr

In dieser Woche fehlte bei fast 40 Prozent der neuen Corona-Fälle die Information zum Impfstatus der Betroffenen. Die Folge: Wenn die aktuellen Sieben-Tages-Inzidenzen nach Impfstatus ausgewiesen werden, wird schon mal die größte Gruppe gar nicht berücksichtigt. Ein Problem?

von Daniel Kummetz und Sofia Tchernomordik

Etwa 4.560 Menschen haben sich zwischen dem 20. und dem 27. November neu mit dem Corona-Virus infiziert - die Sieben-Tage-Inzidenz lag am vergangenen Sonnabend bei 156,7. Genau zu diesem Stichtag hat die Landesmeldestelle am folgenden Montag die Inzidenzen für diese Zeit nach Impfstatus berechnet. Ergebnis: Sie lag in dieser Zeit für Geimpfte bei 68,5 und bei Ungeimpften bei 175,1. Mehrere Bundesländer veröffentlichen selbst entsprechende Statistiken - oder geben sie - wie Schleswig-Holstein - auf Medienanfrage heraus. Und mit entsprechenden Zahlen wird auch Politik gemacht - und für die Corona-Impfung geworben. Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) warb so auf einer Pressekonferenz am 17. November mit Verweis auf aktuelle Zahlen für die Corona-Impfung und kündigte die wöchentliche Auswertung an.

Heiner Garg spricht auf einer Pressekonferenz © NDR
Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) argumentiert schon mal mit den getrennt ausgewiesenen Inzidenzen für Impfungen.

Auf den ersten Blick vermitteln die Zahlen den Eindruck recht klarer Verhältnisse. Doch eine Überschlagsrechnung von NDR Schleswig-Holstein zeigt: Es gibt eine große Unbekannte. Die Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte lassen sich mit Zahlen aus der Impfstatistik in ungefähre Fallzahlen zurückrechnen. Das Ergebnis: Es gab demnach in diesem Zeitraum Ende November etwa 1.450 geimpfte und etwa 1.400 ungeimpfte Infizierte. Etwa 1.700 Fälle tauchen also gar nicht in dieser Statistik auf - das sind immerhin fast 40 Prozent. Sie sind offenbar nicht eine der beiden Gruppe zuzuordnen.

Gesundheitsämter kommen so schnell nicht hinterher

Doch warum ist das so? Der Leiter der Landesmeldestelle, der Virologe Helmut Fickenscher, erklärt das mit dem Ablauf: Von einem positiven Test weiß zuerst das Labor, das muss es ans Gesundheitsamt melden, der Fall landet im Meldesystem. "Das Labor hat natürlich keine Ahnung vom Impfstatus des Patienten - das ist ja auch für die diagnostische Anforderung überflüssig." Heißt: Bei 1.700 Fällen aus den vergangenen sieben Tagen sind die Gesundheitsämter noch nicht dazu gekommen, den Impfstatus anzufragen. Denn die örtlichen Behörden haben so viele Fälle wie nie in dieser Welle zu bearbeiten.

"Wenn die Fallzahlen nicht so hoch wären, dann hätte das Gesundheitsämter Personal frei, um solche Nachforschungen zu betreiben", sagt Fickenscher. Das heißt aber nicht, dass das nicht passiert. "Bei vielen Personen kommt es zur nachträglichen Erfassung dieser Daten", sagt Fickenscher. Und bei manchen Menschen kommen die Behörden auch nicht weiter, auch wenn sie sofort fragen: "Die Person kann auch sagen: Den Impfstatus kriegt ihr nicht, das sind meine eigenen persönlichen Daten, die rücke ich nicht raus - dann ist das auch völlig okay."

Auswertung verschiedener Bundesländer nicht vergleichbar

Einen bundesweiten Standard wie bei einer Auswertung der Inzidenz nach Impfstatus vorgegangen wird, gibt es nicht. Die Zahlen einzelner Bundesländer sind also nicht unbedingt vergleichbar. In Schleswig-Holstein zählen laut Fickenscher nicht vollständig Geimpfte zu den Ungeimpften - eine Einordnung, die etwa vom RKI kritisch gesehen wird.

Fickenscher: "Impfstatus raten ist unzulässig"

Prof. Dr. Helmut Fickenscher, Leiter Institut für Infektionsmedizin an der Uni Kiel blickt in die Kamera. © NDR Foto: Pavel Stoyan
Der Virologe Helmut Fickenscher leitet auch die Landesmeldestelle und errechnet die getrennten Inzidenzen.

Auch wie mit Menschen umgegangen wird, deren Daten unvollständig sind, ist nicht einheitlich. In manchen Bundesländern werden sie pauschal den Ungeimpften zugerechnet - dann würden in der Beispielwoche Ende November aus den 1.400 ungeimpften Infizierten einfach 3.100 und ihre Inzidenz entsprechend dramatisch steigen. Das lehnt Fickenscher ab: Man könne nur die Daten auswerten, die vorliegen, sagt er. "Würde man annehmen, die seien alle nicht geimpft, würde man die Situation für die nicht-Geimpften schlechter darstellen als sie ist." Deswegen sei es wichtig, das sauber zu machen. "Zu interpretieren, zu raten, halte ich für wissenschaftlich unzulässig."

Es gibt also viele Unsicherheiten und Unbekannte in dieser Statistikauswertung. Hilft sie denn bei der Bewältigung? Das Land betont, sie sei "unter anderem auf Bitten von Medien erstellt worden" und habe für das Ministerium "keine hervorgehobenen Bedeutung". Die Einschätzungen des RKI zur Effektivität der Impfstoffe seien relevanter. Deutlich klarer ist Fickenscher in seinem Urteil: "Diese Art von Auswertung ist tatsächlich nicht notwendig zur Beurteilung der Pandemie."

Pandemie der Ungeimpften? "Keine Schwarz-Weiß-Situation"

Politiker haben oft den Begriff verwendet, es gebe jetzt eine "Pandemie der Ungeimpften". Ist das haltbar, wenn etwa die Hälfte der Fälle inzwischen Geimpfte betrifft? Sowohl Fickenscher als auch das Sozialministerium sind da zurückhaltend. "Das ist keine Schwarz-Weiß-Situation", sagt Fickenscher. Von einem "nur eingeschränkt" tauglichen Begriff spricht das Sozialministerium. Fickenscher sagt: Desto mehr Leute geimpft seien, desto mehr Leute würden auch insgesamt, trotz ihres Impfstatus, infiziert werden. Der Virologe betont aber auch: "Die Wahrscheinlichkeit für die geimpften Einzelpersonen sich zu infizieren, ist deutlich niedriger." Fickenscher zweifelt nicht an der Notwendigkeit der Impfung - sondern dieser Form der Statistik für die Beurteilung der Pandemie.

Weitere Informationen
Ein Tropfen hängt an der Nadel einer Spritze. © dpa-Bildfunk Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nordländer gegen getrennte Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt, gerade bei Ungeimpften. Warum wollen die Nordländer nicht nach Geimpften und Ungeimpften unterscheiden? mehr

Infektionen in Norddeutschland © NDR

Corona: Inzidenzwerte und aktuelle Zahlen

Wie entwickelt sich die Zahl der Corona-Neuinfektionen? Und wo im Norden ist die Sieben-Tage-Inzidenz besonders hoch? mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 01.12.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Mann, umhüllt von einer dänischen Flagge, schiebt sein Fahrrad über einen belebten Platz vor einem Schloss. © picture alliance / Ritzau Scanpix Foto: Niels Christian Vilmann

Dänemark hebt Corona-Beschränkungen trotz vieler Infektionen auf

Bei über 4.700 liegt die Corona-Inzidenz in Dänemark. Trotzdem kündigte die Regierung nun weitere Lockerungen an. mehr

Videos