Corona-Pandemie ohne Partner: Gemeinsam einsam sein

Stand: 30.01.2021 06:00 Uhr

Anja ist 37 und Single. Corona heißt für sie Einsamkeit und Verzicht auf körperliche Nähe, aber auch sich selbst anders kennenlernen und neue Hobbys entdecken.

von Vera Vester

Jeder weiß, wie es sich anfühlt, darüber reden will kaum einer: übers Single sein. Dabei ist niemand von uns mit Partner zur Welt gekommen, wir alle waren schon ohne oder sind es noch. Ob bewusst gewählt oder unglücklich damit, ob jung oder alt, ob nur kurz oder schon seit Jahren - Single sein scheint für viele ein Tabuthema. Nicht für Anja aus Kiel. Aber irgendwie dann doch, denn ihren Nachnamen will sie an dieser Stelle nicht lesen. Anja ist 37, heterosexuell, seit drei Jahren Single. Letzteres wäre sie gerne nicht mehr. Vor allem jetzt nicht - in einer Zeit, in der alles dicht hat und in der das Wort Kontaktbeschränkungen gefühlt schon dreimal zum Wort des Jahres hätte gewählt werden können.

Keine Chance, jemanden kennenzulernen

Eine Frau mit einem Ansteckmikrofon guckt in nach rechts. © NDR Foto: NDR
Die Kielerin Anja ist 37 und Single. Während der Corona-Pandemie ist das mehr Fluch als Segen.

"Ich kann als Single ja spontane Entscheidungen treffen, ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen, kann heute auf der einen Veranstaltung sein und morgen wieder woanders. Ich kann dann noch weiterziehen, in die Kneipe gehen und bin niemandem Rechenschaft schuldig", nennt Anja Gründe für ein Leben ohne festen Partner. Doch: "Alle Vorteile, die das Singleleben mir bietet, kann ich gerade aber nicht ausleben." Normalerweise würde sie Männer bei Veranstaltungen kennenlernen, über Freunde, in einer Kneipe oder auf der Kieler Woche - all das gibt es derzeit nicht. "Für mich bedeutet das Stagnation, mir fehlen zehn Monate, in denen ich mir etwas mit jemandem hätte aufbauen können", sagt sie und wird nachdenklich. "Das sind zehn Monate meines Lebens, fast ein ganzes Jahr, in dem ich keine Chance hatte jemanden zu treffen." Weil alles dicht hat, kann die 37-Jährige die Vorzüge als Single nicht genießen - aber auch ihr Singledasein nicht beenden. Im Englischen würde man wohl sagen "double trouble".

Daten in Corona-Zeiten

Aber im 21. Jahrhundert gibt es ja noch Möglichkeiten, Kontakte herzustellen - zum Beispiel über Dating-Apps wie Tinder, die nach eigenen Angaben im Schnitt mehr als sechs Millionen zahlende Nutzer weltweit hat - Tendenz steigend. Auch Anja "tindert" normalerweise. Im Sommer, zwischen erster und zweiter Corona-Welle, als alles etwas lockerer war, hatte sie sogar zwei, drei Dates. Aber jetzt mit den Kontaktbeschränkungen sei das keine Option. "Wenn ich überhaupt jemanden treffe, sehe ich ja lieber meine Familie und Freunde, bevor ich jemand Fremdes treffe, von dem ich gar nicht weiß, ob wir uns verstehen." Dabei wäre es gerade jetzt in dieser besonderen Zeit wichtig, jemanden an seiner Seite zu haben, "mit dem man seine Sorgen und Ängste teilen kann. Der da ist, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt. Jemand, der einem Sicherheit und auch Ruhe geben kann", sagt die Kielerin.

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Prognose: Im Jahr 2040 lebt jeder vierte Deutsche alleine

Dass sie mit dem Alleinsein nicht allein ist, zeigen einige Zahlen. 2018 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 41,4 Millionen private Haushalte. 42 Prozent davon sind Ein-Personen-Haushalte, das entspricht also 17,3 Millionen Menschen, die alleine in einer Wohnung leben - was jedoch nicht zwangsläufig bedeutet, dass diese Personen auch Single sind. Schleswig-Holstein liegt im Vergleich mit anderen Bundesländern im Mittelfeld: Dort gab es im vorvergangenen Jahr 1,47 Millionen Privathaushalte, wovon 41,8 Prozent Ein-Personen-Haushalte waren - das entspricht 615.000 allein wohnenden Menschen. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes sollen diese Zahlen weiter steigen: Die Behörde rechnet damit, dass im Jahr 2040 jeder vierte Deutsche alleine lebt.

Isolation begünstigt Einsamkeit

Mit Einsamkeit kennt sich auch Nathalie Schnoor aus. Sie ist Sozialarbeiterin in Kiel und publiziert zum Thema. Schon vor der Corona-Pandemie hatte die 32-Jährige bei ihren Recherchen festgestellt, dass es bisher wenig Forschung dazu gibt. "Denn Einsamkeit ist nur bedingt messbar. Ob jemand sozial isoliert ist, kann man objektiv daran messen, wie viele Kontakte die Person hat. Einsamkeit aber ist ein subjektives Gefühl. Ich kann also sogar viele Kontakte im Alltag haben, mich aber trotzdem einsam fühlen", erklärt sie. Und umgekehrt gilt: Wer wenige Kontakte hat, muss sich nicht zwangsläufig einsam fühlen - auch wenn Isolation Einsamkeit begünstigt.

Eine Frau guckt in die Kamera und lächelt. © Nathalie Schnoor Foto: Nathalie Schnoor
Nathalie Schnoor arbeitet an einem Ratgeberbuch zum Umgang mit Einsamkeitsgefühlen.

Ob sich jemand einsam fühlt, hat laut Schnoor außerdem weniger mit dem Alter als viel mehr mit der allgemeinen Lebenssituation zu tun. "Faktoren wie Familienstand und Einkommen spielen eine Rolle, aber auch, ob ich gesund und mobil bin", sagt die Sozialarbeiterin. Wer sich einsam fühlt, kann depressiv werden. Um dem vorzubeugen, helfe vor allem - und Corona lässt ja auch kaum etwas anderes zu -, die Pflege der Beziehung zu sich selbst. "Man muss sich immer wieder mit sich selbst beschäftigen, sich selbst stärken. Wenn das eigene Denken von Optimismus geprägt ist, ist das der beste Schutz", sagt Schnoor.

Mehr Aufmerksamkeit für Singles

Einpersonenhaushalt  Foto: Alexander Heinz
In Schleswig-Holstein gibt es rund 615.000 allein wohnende Menschen.

Sprechen wir als Gesellschaft denn zu wenig über Einsamkeit? Während Großbritannien schon Anfang 2018 die erste Ministerin für Einsamkeit hatte und Belgien im vergangenen Jahr mit einem extra "Knuffelcontact" für Singles Schlagzeilen machte, scheint hierzulande der Fokus während der Pandemie auf anderen Gruppen zu liegen. "Da geht es viel um Familien, Eltern und Kinder. Ja, Bildung ist wichtig, aber es spricht nie jemand über Menschen, die alleine sind", sagt Single Anja aus Kiel. Warum das so sei, darüber kann sie nur mutmaßen: "Vielleicht weil alle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten verheiratet oder in Partnerschaften sind und das in deren Lebensrealität nicht so präsent ist. Nicht nur von der Regierung auch insgesamt fände ich es gut, wenn man mehr auf Menschen guckt, die alleine sein."

Sich selbst umarmen

Sie selbst fühlt sich manchmal nicht nur allein, sondern auch einsam. Anja hat mittlerweile aber Strategien gefunden, damit umzugehen. Sie hat angefangen, Rennrad zu fahren und Schach zu spielen - mit virtuellen Gegnern. "Ich hab auch alles mögliche über die Börse gelernt, manchmal steigere ich mich auch in Themen total rein, um irgendwas zu tun zu haben", sagt sie und lacht. "Nur der körperliche Kontakt, der fehlt mir schon total." Der fällt momentan nicht nur weg, weil sie keinen Partner hat, sondern auch, weil sie die wenigen Menschen, die sie trifft, auf Abstand halten muss. "Körperliche Nähe kann man nur schwer ersetzen, Sport hilft ein bisschen." Sogar sich selbst zu umarmen, soll helfen, habe sie gelesen. Und es probiert. Ihr Ding sei das aber nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.01.2021 | 19:30 Uhr

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