Corona-Impfzentren starten: Der Beginn vom Ende der Pandemie?

Stand: 04.01.2021 17:59 Uhr

Der langersehnte Startschuss ist gefallen: In Schleswig-Holstein beginnen die Corona-Impfzentren ihre Arbeit. Zwar gibt es Unsicherheiten - doch die Beteiligten sind positiv gestimmt.

von Maja Bahtijarević

Nahezu jeder kennt es: Ärmel hochkrempeln, ein kurzer Stich in den Oberarm und schon ist alles durch. Aber natürlich schwingt bei dieser besonderen Impfung ganz viel anderes mit: Gefühle wie Hoffnung und Zweifel, Bedenken und Zuversicht. Aber auch Pathos und Demut sind an diesem Tag vorhanden. Am Montagmorgen an der Kieler Förde stehen die überwiegend positiven Dinge im Mittelpunkt, denn hier am Schwedenkai werden die ersten Dosen in einem Impfzentrum gegen das Coronavirus gespritzt. Ein Schritt, auf den zumindest die Mehrheit der Norddeutschen seit langer Zeit wartet: Eine repräsentative bundesweite Studie der Universität Hamburg hatte zuletzt ergeben, dass 63 Prozent der Norddeutschen bereit sind, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

Der Zweifel und die Hoffnung

Eigentlich geht man davon aus, dass diejenigen, die sich entschlossen haben, hierherzukommen, der Impfung gegenüber positiv gestimmt sind. Warum auch sollte ein Impfgegner hier auftauchen? Die Impfung ist keine Pflicht, kein "Zwang", wie es populistische Stimmen gerne und fälschlich formulieren. Die Entscheidung ist jedem selbst überlassen. Und dennoch findet sich auch einige Unsicherheit bei den Menschen: Noch nie wurde ein Impfstoff in einer solchen Geschwindigkeit zur Zulassung gebracht. Dennis Kramkowski ist der medizinische Leiter an diesem Tag im Kieler Impfzentrum - und keinesfalls beunruhigt.

"Langzeiterfahrungen haben wir noch nicht mit dem Impfstoff, aber dieses Prozedere der mRNA ist ja schon über Jahrzehnte bekannt. Jeden Tag werden in den Zellen im eigenen Körper ein Vielfaches an mRNA hergestellt, es ist also nichts Neues, nichts was irgendwie weltbewegend ist. Was weltbewegend ist, ist, dass man es erstmalig geschafft hat, Impfstoff in dieser Form in die Zellen hineinzubekommen, um dort eine Immunreaktion hervorzurufen, damit die Antikörper aufgebaut werden." Dennis Kramkowski, Allgemeinmediziner

Im Kieler Impfzentrum ist bisher eine Impfstrecke aufgebaut - das heißt, eine Ärztin oder ein Arzt geht durch die Kabinen und setzt etwa 60 Patienten die Dosen. Nach Informationen von Kramkowski kann bis auf sieben Impfstrecken aufgestockt werden. Bei einer Vollauslastung könne man dann theoretisch bis zu 1.000 Menschen am Tag impfen. "Natürlich ist auch ein guter Ablauf hier wichtig, und das hängt natürlich eng damit zusammen, wie viel Impfstoff wir hier bekommen", sagt Dennis Kramkowski. "Wenn die ganze Welt Impfstoff braucht, dann gibt es halt auch einfach Engpässe - das war zu erwarten." Man könne zwar schlecht kalkulieren, aber ein großes Problem sieht der Allgemeinmediziner Kramkowski darin nicht. "Ich freue mich, dass es endlich losgeht und dass wir eine Perspektive haben."

Am letzten Dienstag vor Silvester hatte die Terminvergabe für die Impfzentren begonnen, jeden Dienstag wird für die darauf folgende Woche geplant. Antje Neubert erzählt, wie sie um Punkt 8 Uhr am Rechner saß und die Webseite des Gesundheitsministeriums aufrief. "Ich habe sofort einen Termin bekommen - um 8.04 Uhr war ich durch", erinnert sie sich, "das ging sehr gut." Für die Online-Anmeldung hatte sie sich aus einem bestimmten Grund entschieden. "Ich habe mir schon gedacht, dass Menschen in dieser Altersklasse eher die Telefon-Hotline anrufen", verrät die 47-Jährige.

Sie bekommt einen der ersten Termine, die im Kieler Impfzentrum vergeben werden. Innerhalb von etwa drei Stunden sind an dem Tag alle Termine für die erste Impfwoche vergeben, so groß ist der Ansturm. Viele bekommen keinen Termin, sind verärgert oder enttäuscht. "Da hatte ich ja besonders viel Glück", sagt die Neubert mit leuchtenden Augen. Aber sie ist noch nicht an der Reihe - den Termin hat sie für ihren Vater Hans gemacht.

Die Bedenken und die Zuversicht

"Ich gehe ja auch jedes Jahr zur Grippeschutzimpfung, das hat bisher auch immer geholfen." Hans Osterrod, erster Corona-Impfpatient im Kieler Impfzentrum

Luca Causemann, Horst Osterrod und Antje Neumann (v.l.n.r.) stehen im Schwedenkai vor dem Impfzentrum.  Foto: Maja Bahtijarevic
Horst Osterrod ist in Begleitung von seiner Tochter Antje Neubert (l.) und seiner Enkelin Luca Causemann ins Kieler Impfzentrum gekommen. Er hat einen der ersten Termine.

Hans Osterrod hat nicht einen Moment gezögert, ob er sich impfen lässt. "Ganz im Gegenteil, man hat ja darauf gewartet", sagt er, nachdem sein Oberarm die erste offizielle Dose Serum im Kieler Impfzentrum aufgenommen hat. Der 80-Jährige hat schon zahlreiche Stents und Bypässe, und auch die Diabetes zählt auf sein Risiko-Konto ein. Ein Vorerkrankungsregister, das viele Schleswig-Holsteiner teilen - und das bei vielen ein mulmiges Gefühl auslöst. Was ist, wenn sich der Impfstoff mit den eigenen Medikamenten, die man täglich nehmen muss, nicht verträgt? Langzeiterfahrungen werden erst gesammelt - doch was ist, wenn Komplikationen auftreten? Osterrod hat da absolut keine Bedenken: Seine Anamnese hat er mit seinen Anmeldeunterlagen mitgebracht, vor der Impfung hat es eine ärztliche Abklärung gegeben.

"Ich glaube es gibt kein Arzneimittel, das derzeit so intensiv beleuchtet worden ist wie dieser Impfstoff", sagt Mediziner Kramkowski. Das, was bisher bekannt ist, sei ähnlich zu den Erkenntnissen aus vorherigen Impfstoffen und Impfungen. "Es gibt lokale Reaktionen, die auftreten können, wie ein mildes Krankheitsgefühl, das innerhalb von Stunden - spätestens nach ein, zwei Tagen - wieder verschwindet", erklärt der Arzt. Kopfschmerzen und Fieber könnten kommen, in ganz seltenen Fällen allergische Reaktionen, auf die die Ärzte aber reagieren könnten. "Ansonsten ist nichts zu erwarten." Osterrod war an diesem Tag der erste in der Reihe, es gab keine Komplikationen. Von Anmeldung bis zum Antritt des Nach-Hause-Weges seien etwa 30 Minuten vergangen, sagt Antje Neubert, die ihren Vater Hans mit ihrer 19-Jährigen Tochter Luca begleitet. Den nächsten Impftermin hat Osterrod in drei Wochen, erst danach ist nach Angaben von Arzt Kramkowski der vollständige Impfschutz da.

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Der Pathos und die Demut

"Wir werden es schaffen, uns unsere Freiheit wiederzuholen." Heiner Garg, Gesundheitsminister SH

Es waren anstrengende Monate, die an den Kräften gezehrt haben - bei allen. Die Politiker standen dabei mit im Fokus des Geschehens, haben teils wochenweise in stundenlangen Sitzungen mit viele Faktoren von Gesundheitssystem, Wirtschaft, Schulen und Grundrechten jongliert. Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) steht an dem Tag, als die Impfzentren in Schleswig-Holstein ihre Arbeit aufnehmen, mit optimistischem Ton vor der Presse. "Im Dezember habe ich gesagt: 'Das ist der Anfang vom Ende der Pandemie' und ich hoffe, dass es uns gelingt, zügig große Teile der Bevölkerung durchzuimpfen", sagte der Minister bei der offiziellen Eröffnung des Kieler Impfzentrums am Montagmorgen. Es sei ein großer Kraftakt. "Ich bin den Kommunen sehr dankbar dafür, wie das in Schleswig-Holstein funktioniert und wünsche den anderen Bundesländern, dass es genauso geht wie hier."

Auch Kramkowski sieht positiv auf den kommenden Abschnitt, allerdings betont er auch, dass es keine ernstzunehmende Alternative gibt. "Man muss ehrlicherweise mal sagen: Es ist das Einzige, das wir haben, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen. Ich freue mich, dass das so zügig entwickelt und von der Staatengemeinschaft so unterstützt worden ist, damit der Impfstoff so schnell hergestellt werden konnte."

Nach dieser Priorität wird geimpft

  • Höchste Priorität

  • Personen ab 80 Jahren
  • Personen, die in stationären Einrichtungen für ältere oder pflegebedürftige Menschen behandelt, betreut oder gepflegt werden oder tätig sind
  • Pflegekräfte in ambulanten Pflegediensten
  • Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen wie Intensivstationen, Notaufnahmen, Rettungsdienste, als Leistungserbringer der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, Impfzentren und in Bereichen mit infektionsrelevanten Tätigkeiten
  • Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen, die Menschen mit einem hohen Risiko behandeln, betreuen oder pflegen (etwa Hämato-Onkologie und Transplantationsmedizin)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.01.2021 | 18:00 Uhr

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