Stand: 11.05.2020 21:19 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Schlachthof will Betrieb hochfahren - und droht mit Klage

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Der Schlachthof in Bad Bramstedt hat seinen Betrieb am vergangenen Montag eingestellt.

In ganz Deutschland infizieren sich immer mehr Mitarbeiter von Schlachthöfen mit dem Coronavirus. Die Fleischindustrie steht zunehmend in der Kritik. In Schleswig-Holstein ist der Vion-Schlachthof in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg) betroffen, der seinen Betrieb seit einer Woche unterbrochen hat. Nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein sind inzwischen 130 Mitarbeiter und deren Angehörige positiv auf das Virus getestet worden. Viele von ihnen wohnen in einer Sammelunterkunft in Kellinghusen (Kreis Steinburg).

Geht es nach Schlachthofbetreiber Vion, kann die Quarantäne der Beschäftigten offenbar gar nicht schnell genug beendet werden. Vion fordert nach Angaben des Kreises Steinburg, dass die negativ getesteten Mitarbeiter wieder zur Arbeit gehen dürfen - und droht dem Kreis offenbar mit einer Klage.

77 Positiv-Fälle in Sammelunterkunft

In der ehemaligen Kaserne in Kellinghusen leben 108 Mitarbeiter eines Subunternehmens des Schlachthofs - mit der Deutschen Schlacht und Zerlegung (DSZ) hat Vion einen Werkvertrag abgeschlossen. Die Beschäftigten sind seit einer Woche isoliert. Der Kreis hatte sie in Quarantäne geschickt, weil allein 77 positiv Getestete in dieser Sammelunterkunft leben. Die beengte Wohnsituation hat die Ausbreitung des Coronavirus in der Unterkunft nach Einschätzung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) möglicherweise begünstigt.

Ex-Mitarbeiterin von Subunternehmen erzählt

NDR Schleswig-Holstein haben viele Hinweise erreicht, dass die große Zahl an Infizierten in der Unterkunft kein Zufall sei. Empfehlungen des Bundesarbeitsministeriums, wonach "grundsätzlich" eine "Einzelbelegung von Schlafräumen vorzusehen" sei, würden nicht befolgt. Eine ehemalige Mitarbeiterin von Vions Subunternehmen DSZ, die nach eigenen Angaben bedroht wird und Kontakt zu vielen Ex-Kollegen hat, sagt, dass eine Doppelbelegung der Zimmer in Kellinghusen auch derzeit üblich sei: "Es gibt nicht so viele Zimmer."

Seit vergangenem Freitag suchen Vion und die DSZ nach Informationen von NDR Schleswig-Holstein Hotels in Bad Bramstedt und Umgebung, um ihre Mitarbeiter in Einzelzimmern unterbringen zu können. "Es hat erst eine Masseninfektion gebraucht, damit dort jetzt gehandelt wird", sagt Marcel Mansouri von der Gewerkschaft NGG.

Videos
01:23

Landrat Wendt über Vion: "Ich bin empört"

Betreiber Vion fordert nach Angaben des Kreises Steinburg, dass die negativ getesteten Mitarbeiter des Schlachthofs in Bad Bramstedt wieder zur Arbeit gehen dürfen. Landrat Torsten Wendt ist sauer. Video (01:23 min)

Landrat Wendt: "Das ist unverantwortlich"

Das Subunternehmen des Vion-Schlachthofs hat die Unterkunft für die Beschäftigten angemietet. Auf die Frage, ob in der Unterkunft alle Vorschriften eingehalten würden, hatte Vion zuletzt auf die Verantwortlichkeit eben dieses Subunternehmens verwiesen - auch gegenüber Steinburgs Landrat Torsten Wendt (parteilos): "Nun meint Vion auf einmal, dass man sich für die Menschen einsetzen möchte und droht dem Kreis mit einer entsprechenden Klage. Ich kann das nicht verstehen und finde das unverantwortlich." Die Gewerkschaft NGG spricht von organisierter Verantwortungslosigkeit.

Auch auf dem Weg zur Arbeit gibt's ein Infektionsrisiko

Das Risiko einer Infektion sei einfach zu hoch, als dass negativ getestete Mitarbeiter aus der Sammelunterkunft wieder zur Arbeit nach Bad Bramstedt gehen dürften, sagt Landrat Wendt. Sowohl in der Unterkunft als auch in dem Bus, mit dem die Beschäftigten nach Bad Bramstedt gefahren werden, könnten sie sich infizieren. Für private Transporte wie diese gibt es zudem laut Wendt keine konkreten Corona-Regeln wie im öffentlichen Nahverkehr.

Garg: Arbeitsschutzbehörde hat keinen Zugriff

Kontrollieren könne man die Abstands- und Hygieneregeln in der Unterkunft nicht, sagte Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) NDR Schleswig-Holstein. Die staatliche Arbeitsschutzbehörde (StAUK) habe keinen Zugriff darauf, weil sie vom Arbeitgeber angemietet sei, so Garg: "Das ist eine sehr weit verbreitete Praxis bei dieser Form der Unterbringung."

Mussten Mitarbeiter trotz Symptomen weiterarbeiten?

Die Frage ist jedoch, ob die Behörden vielleicht doch eingreifen können - aus Pandemieschutzgründen. Denn auch im Werk selbst soll es Probleme geben. Nach NDR Informationen sollen mehrfach Mitarbeiter unter Druck gesetzt worden sein weiterzuarbeiten, obwohl sie über Corona-Symptome geklagt und ihre Vorarbeiter davon in Kenntnis gesetzt hatten.

Ex-Beschäftigte: "Es wird mit Rausschmiss gedroht"

"Es wird einem nicht geglaubt, wenn man krank ist", sagt die Ex-Mitarbeiterin des Subunternehmens. "Es wird mit Rausschmiss gedroht oder damit, dass wir keinen neuen Vertrag bekommen."

Die DSZ hat am Montagabend um mehr Zeit für eine Stellungnahme gebeten. Sie will sich nun am Dienstag äußern. Vion reagierte auf NDR Anfragen bis Montagabend nicht.


12.05.2020 20:33 Uhr

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es von Seiten der Gewerkschaft NGG, in der Sammelunterkunft in Kellinghusen teilten sich etwa 90 Menschen ein Bad und eine Küche. Einen Tag später erklärte die Gewerkschaft, bei den Zahlen habe man sich vertan.

 

Weitere Informationen

Corona: Zahl infizierter Schlachthofmitarbeiter steigt

10.05.2020 17:00 Uhr

Mittlerweile sind 128 Mitarbeiter eines Schlachthofs in Bad Bramstedt positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Produktion ruht, die Unterkunft der Belegschaft steht unter Quarantäne. mehr

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Die Auswirkungen der Pandemie des Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein dauern an. Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zu dem Thema. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.05.2020 | 19:30 Uhr

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