Stand: 26.04.2020 06:00 Uhr

Busunternehmen in der Corona-Krise: Von hundert auf null

Wie so vieles hat die Coronavirus-Krise auch die Reise-Branche zum Stillstand gebracht. "Wir waren die ersten, die betroffen waren und werden die letzten sein, wo es wieder losgeht", ist sich Guido Gröpper sicher. Er ist Geschäftsführer der AK Touristik, einem Unternehmen aus Kiel, das seit 2001 Gruppen-Busreisen anbietet. Die Lieblingsziele seiner Kunden: Italien, Spanien, Frankreich. Kein einziger der acht Reisebusse verlässt hier noch das Depot. Stattdessen hagelt es Stornierungen. "Es haben bisher etwa 2.000 Kunden ihre Reisen storniert. Alle bekommen das Geld zurück oder erhalten Gutscheine, wenn sie möchten. Doch das eigentliche Problem für uns: Wir rennen dem ausgegebenen Geld hinterher - bei Hotels im Ausland, bei Reedereien und Fluglinien", sagt Gröpper.

Außenstände in Höhe von 400.000 Euro

Das angezahlte Geld der Kunden für die gebuchten Reisen ist laut Gröpper bereits ausgegeben - für Flüge, für Flusskreuzfahrten bei den Reedereien, für Hotels oder Eintritte der All-inklusive-Reisen. Und nun gibt es für AK Touristik, dem relativ kleinen Busunternehmen aus Kiel mit etwa 35 Mitarbeitern, kein Geld zurück. "Mich ärgert es, dass wir bei Fluglinien oder Reedereien nicht ernst genommen werden." Frankreich, Italien oder Belgien haben laut Gröpper von den Regierungen die Rückendeckung bekommen, Geld nicht zurückzuzahlen. "Versuchen Sie mal, jemanden dort ans Telefon zu bekommen. Die Büros sind oft einfach geschlossen." Die Außenstände bei AK Touristik liegen jetzt bereits bei 400.000 Euro.

Omnibusverband Nord: Bustouristik ungleich hart betroffen

So wie dem Kieler Busunternehmen geht es auch anderen Firmen, die in Schleswig-Holstein Busreisen anbieten. Der Omnibusverband Nord schätzt, dass es in der Branche etwa 20 bis 25 Anbieter gibt. AK Touristik gehört wie etwa auch Neubauer Reisen aus Flensburg oder Peters Reisen aus Wasbek zu den größeren Busunternehmen. "Die Bustouristik ist noch heftiger betroffen als zum Beispiel das Hotel- und Gastronomiegewerbe", sagt Verbandsgeschäftsführer Joachim Schack. Die Krise wird noch lange dauern. Reiseleiter oder Busfahrer sind in Kurzarbeit. Auch bei der AK Touristik ist ein großer Teil der Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Schack: Zinslose Darlehen ein Muss

"Wir fordern zinslose Darlehen für das private Busgewerbe", sagt Schack. "Wir sind nicht naiv: Die Busgruppen werden die letzten sein, die wieder zugelassen werden." Individualreisen werden seiner Einschätzung nach früher wieder starten - das könnte zumindest ein Lichtblick sein für die Reisebüros im Land, die genauso kämpfen.

Debatte um Gutscheinregelung

Die Außenfassade des Firmengebäudes von AK Touristik.  Foto: Andrea Schmidt
AK Touristik hat etwa 35 Mitarbeiter.

Wie sieht es nun aus für die Kunden? Bekommen Sie das Geld für gebuchte Reisen wieder - oder gibt es Gutscheine? "Gutscheine sind heikel", sagt Schack, "denn sie sind nicht insolvenzgesichert". Gröpper handhabt es wie folgt: "Jeder Kunde, der Geld zurückhaben möchte, bekommt es sofort. Wir freuen uns natürlich aber auch über diejenigen, die sagen, wir treten die Reise zu einem späteren Zeitpunkt an." Am vergangenen Mittwoch hatte die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein darauf hingewiesen, dass sich zahlreiche Kunden beschwert hätten, ihr Geld für gebuchte Reisen nicht zu bekommen. Pauschalreisenden stehe die Erstattung des gesamten Preises zu - und zwar innerhalb von 14 Tagen, so die Verbraucherschützer. In dieser ganzen Debatte ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Gröpper: "Ungewissheit lässt einen erstarren"

Gröppers Arbeitstage in seiner Firma in Kiel-Wellsee sind zurzeit nicht mehr so lang wie früher. "Aber ich bin doppelt so kaputt", gesteht er. Die Sorgen um die Mitarbeiter, das Verantwortungsgefühl für die vielen, häufig älteren (Stamm-)kunden: "Die Ungewissheit insgesamt lässt einen erstarren, lässt einen so träge werden." Der AK-Touristik-Chef hätte die Möglichkeit, ein KfW-Darlehen in Höhe von 500.000 Euro zu bekommen. "Bei einer Verzinsung von drei Prozent hätte ich zehn Jahre Zeit, um zu tilgen. Aber das hilft mir nicht im Ansatz weiter."

Dennoch weiß Gröpper: Er wird es irgendwie schaffen, denn sein Unternehmen war bisher immer gesund und ständig auf Wachstumskurs. In naher Zukunft will er das Reiseangebot vermutlich umstellen: Statt Toskana oder Barcelona werden die Busreisen dann wohl eher vermehrt attraktive deutsche Zielen ansteuern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.04.2020 | 08:00 Uhr

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