Stand: 05.05.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Besuchsverbot in Pflegeheimen: Sicher, aber einsam

von Anne Passow

Sie haben Kuchen gebacken, sie haben "Happy Birthday" gesungen - aber "es war eben nicht wie sonst", sagt Brigitte Bremer. Die 63-Jährige sitzt in der Schwelle der Terrassentür ihres Hauses in Jersbek (Kreis Stormarn) und erzählt vom Geburtstag ihrer Mutter am Tag zuvor. Es war ein Geburtstag auf Distanz. "Wir haben uns nur von Weitem gesehen, den Kuchen abgegeben und später telefoniert." Bremers Mutter, Irma Timm, ist 94 Jahre alt. Seit sie vor einigen Jahren stürzte und sich einen Wirbel brach, lebt sie im Seniorenwohnpark Klein Hansdorf in Jersbek. Eigentlich ist der nicht mal einen Kilometer entfernt von Bremers Haus - und zu Fuß erreichbar. Doch seitdem in den Heimen wegen der Corona-Situation ein Besuchsverbot gilt, ist kein direkter Kontakt mehr möglich.

"Wir werden von unserer Besucherregelung nicht abweichen"

Das gilt immer noch, obwohl schleswig-holsteinische Pflegeheime seit dem 4. Mai Besuche wieder zulassen dürfen - unter strengen Hygiene-Anforderungen. Doch viele Träger sind skeptisch. "Wir werden von unserer Besucherregelung nicht abweichen", sagt zum Beispiel Mathias Steinbuck vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Der Trägerverband ist auch für die Einrichtung in Klein Hansdorf zuständig. Das Problem, das Steinbuck sieht: Um die Umsetzung der Lockerungen, also zum Beispiel um Hygieneregeln und Garantie, sollen sich die Einrichtungen in Absprache mit den zuständigen Gesundheitsämtern kümmern. "Wenn das schiefgeht, steht nachher die Staatsanwaltschaft bei mir", sagt Steinbuck. Die Verantwortung dafür könne nicht alleine bei den Einrichtungen liegen.

"Sie brauchen das Miteinander"

Das sieht auch Julia Bousboa vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Schleswig-Holstein so. Der Verband macht sich auch für Senioreneinrichtungen stark. Julia Bousboa betont aber auch: "Wir sind für eine vorsichtige Öffnung des Besuchsverbots." Die Bewohner der Senioreneinrichtungen hätten seit Wochen ihre Familie nicht mehr gesehen. "Das tut ihnen nicht gut. Sie brauchen das Miteinander", so Bousboa. Depressionen, eine verstärkte Demenz oder Suizid könnten bei einigen Bewohnern eine Folge sein, wenn der direkte Kontakt zur Familie zu lange nicht stattfinde.

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"Ich will sie nicht gefährden"

Dass im Seniorenwohnpark Klein Hansdorf nun erst mal alles beim Alten bleibt, befürworten aber viele der Angehörigen. "Ich habe bisher eher positive Reaktionen auf unsere Entscheidung bekommen", sagt Steinbuck. Der Fakt, dass das Coronavirus gerade für ältere Menschen sehr gefährlich werden kann, sorgt dafür, dass Besuchsverbote akzeptiert werden. Tatsächlich ist das auch bei Brigitte Bremer und ihrem Mann Reinhard so. "Ich habe das Gefühl, dass meine Mutter mit dem Besuchsverbot relativ sicher ist. Ich will sie nicht gefährden", erklärt Bremer. Ähnlich sieht das Anne Sevecke-Herbst. Ihre Mutter, Elly Sevecke, 95 Jahre alt, lebt ebenfalls im Seniorenwohnpark Klein Hansdorf. Sevecke-Herbst betont: "Wenn ich meine Mutter nur mit großem Abstand und mit Mundschutz besuchen dürfte, dann wäre das sehr seltsam. Fast denke ich, dass dann das Telefonieren besser ist." Außerdem ist Sevecke-Herbst auch als Ärztin in dem Seniorenheim unterwegs und erlebt die allgemeine Situation dort mit. Sie betont: "Eine Situation wie in Rümpel will hier niemand."

"Hart, wenn wir nicht zusammen feiern könnten"

Gleichzeitig fordern die Distanzregeln von den Senioren, dass sie auf das verzichten, was ihnen Energie und Lebensmut gibt: die Nähe zu Kindern und Familie. Berührungen und Umarmungen seien immer wichtig gewesen, zwischen ihr und ihrer Mutter, berichtet Anne Sevecke-Herbst. Am Telefon erzählt sie ihrer Mutter von den Rapsfeldern, die jetzt überall blühen. "Ich habe solche Sehnsucht danach, dass ich dich einfach ins Auto setze und wir das zusammen angucken und erleben können. Ich weiß doch, was du für einen Spaß daran hast", schwärmt sie. "Ja, das wäre schön", antwortet Elly Sevecke. Es muss für dieses Mal bei den Gedanken an den gemeinsamen Ausflug bleiben. Um das nächste Geburtstagsfest ihrer Mutter macht sich Anne Sevecke-Herbst ernst Sorgen. Den letzten Geburtstag habe man groß gefeiert. Immer im Hinterkopf: Es könnte auch der letzte sein. "Der nächste Geburtstag hat also auch wieder eine besondere Bedeutung für uns alle. Das wäre sehr hart, wenn wir nicht zusammen feiern könnten", erzählt Anne Sevecke-Herbst.

"Ich bin guter Hoffnung"

Auch Brigitte Bremer erzählt: "Es ist immer wieder der Gedanke da: Kann ich sie noch mal in den Arm nehmen?" Und ihr Mann, Reinhard Bremer, ergänzt: "Wir bekommen ja mit, wie sie sich fühlt. Das färbt natürlich auch auf uns ab." Irma Timm vermisst ihre Familie. Am Telefon erzählt sie ihrer Tochter von ihrer Geburtstagsfeier mit ihren Mitbewohnern im Seniorenheim: "Es war schön, aber dass ihr nicht da wart, da musste ich immer wieder dran denken." Brigitte Bremer erläutert ihr, warum sie nicht kommen durften. "Das vergisst sie oft. Ich muss es ihr dann eben noch mal erklären."

Die Distanz ist schwierig - für alle. Doch Brigitte Bremer glaubt daran, dass ihre Mutter die Zeit gut übersteht. "Meine Mama ist ein Stehaufmänchen. Sie hat schon so viel geschafft. Ich bin ich guter Hoffnung, dass wir uns bald in den Arm nehmen können."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 05.05.2020 | 05:00 Uhr

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