Stand: 26.05.2020 21:03 Uhr

Auf der Suche nach dem Corona-Medikament

von Johannes Tran

Nein, ein Freundin von Übertreibungen ist Kristina Lorenzen nicht. Wenn die Biologin über die Suche nach einem Medikament gegen Covid-19 spricht, schürt sie keine Hoffnung auf einen schnellen Erfolg. "Bis wir ein Medikament haben, wird es wahrscheinlich noch Monate, wenn nicht Jahre dauern", sagt sie. An diesem Vormittag ist nicht viel los im European XFEL-Forschungszentrum in Schenefeld (Kreis Pinneberg). Das Coronavirus hat die meisten Forschungsprojekte auf Eis gelegt, viele der Wissenschaftler arbeiten im Homeoffice. In dem Biolabor, in dem sich normalerweise Forscher aus aller Welt tummeln, arbeiten in diesen Wochen nur noch sechs Wissenschaftler. Ihr Ziel: Einen Wirkstoff gegen das Coronavirus zu finden. Kristina Lorenzen ist eine von ihnen.

Zwei Forscher in weißen Kitteln und Schutzbrillen stehen in einem Labor. © European XFEL Foto: Heiner Müller-Elsner
Ein Team von rund 90 Mitarbeitern aus verschiedenen Forschungseinrichtungen suchen nach einem Medikament gegen das Coronavirus.
Medikament soll Corona-Protein ausschalten

Ihre Schuhe quietschen, während sie in einem knielangen Schutzkittel durch die hell erleuchteten Gänge des Labors läuft. In den Regalen stehen beschriftete Gefäße mit durchsichtigen Flüssigkeiten, daneben Maschinen mit unzähligen Kabeln und Schaltern. "Das hier ist unser Inkubationsschüttler", sagt Lorenzen und zeigt auf ein Gerät, das an eine überdimensionale Mikrowelle erinnert. Im Inneren schüttelt die Maschine mehrere Glaskolben mit einer gelblichen Flüssigkeit, auf der Oberfläche bildet sich Schaum. In dem Gemisch befinden sich Bakterien, die ein ganz bestimmtes Protein produzieren sollen: ein Protein, das das Coronavirus braucht, um sich im menschlichen Körper zu vermehren. Die Idee: Wenn es gelingt, dieses Protein mit einem Medikament auszuschalten, kann sich das Coronavirus im Körper nicht mehr verbreiten. Das Immunsystem ist dann stark genug, um das Virus schnell zu zerstören.

90 Forscher suchen Corona-Medikament

Das Biolabor in Schenefeld ist ein Glied in einer langen Kette von Forschungseinrichtungen, die seit Ostern nach einem solchen Medikament suchen. Insgesamt sind rund 90 Forscher an dem Projekt beteiligt, darunter Wissenschaftler vom DESY-Forschungszentrum in Hamburg und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Während die Forscher in Schenefeld das benötigte Protein herstellen, testen die Wissenschaftler am DESY, welche Wirkstoffe dieses Protein ausschalten könnten. "Der Zusammenhalt unter den Forschern ist sehr groß", sagt Lorenzen. "Alle sind motiviert, etwas zu erforschen, das das Leben so vieler Menschen betrifft." Insgesamt stehen rund 5.600 Wirkstoffe auf der Liste der Forscher, zum Beispiel solche, die gegen Malaria zum Einsatz kommen. Der Vorteil: Sie alle sind bereits zugelassen oder stehen kurz vor der Zulassung. "Das ist viel weniger zeitaufwendig, als ein neues Medikament zu produzieren", sagt Lorenzen. Die Entwicklung eines neuen Medikaments gegen Corona könnte mehrere Jahre dauern. Deshalb greifen die Forscher auf bereits bekannte Wirkstoffe zurück - mit ersten Erfolgen.

"Der Aufwand lohnt sich"

17 Wirkstoffe haben sie bis jetzt gefunden, die das vom Coronavirus benötigte Protein ausschalten könnten. Aber ob diese Medikamente am Ende tatsächlich gegen das Virus helfen, sei noch unklar, sagt Lorenzen. In weiteren Tests wollen die Wissenschaftler jetzt herausfinden, wie die Medikamente im Körper genau wirken, wenn man sie dort gegen das Coronavirus einsetzt. Über die Erfolgschancen will Lorenzen dabei nicht spekulieren. "Aber wir würden das hier nicht tun, wenn wir keine Hoffnung hätten." Und selbst wenn am Ende keines der Medikamente gegen Covid-19 helfen sollte, habe sich der Aufwand gelohnt. "Die Erkenntnisse, die wir hier gewinnen, helfen uns auch bei der Entwicklung eines komplett neuen Wirkstoffs." Die Biologin bereitet sich jetzt mit ihrem Team darauf vor, drei weitere Proteine herzustellen - darunter solche, die das Coronavirus braucht, um in die menschliche Zelle einzudringen. Die Hoffnung auch hier: bereits bekannte Wirkstoffe zu finden, die die Proteine binden und damit das Coronavirus ausschalten können. Das Ende der Pandemie wäre aber auch das nicht, sagt Lorenzen. Sie schätzt: Erst ein Impfstoff wird diese Krise beenden, ein Medikament könne das nicht schaffen. "Corona wird uns noch Jahre begleiten."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 26.05.2020 | 19:30 Uhr

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