Zwei Frauen in Trachtenkleidern tanzen an einem Strand auf der Insel Amrum.

Amrumer Trachtenfrauen tanzen gegen den Corona-Frust

Stand: 24.12.2020 11:05 Uhr

Amrum ist während der Corona-Pandemie ziemlich leer. Die Touristen bleiben aus. Um für die Insulaner und viele andere Menschen Glücksmomente zu schenken, haben die Trachtenfrauen an einer Tanz-Challenge teilgenommen.

von Janina Harder

Seit dem Lockdown ist es sehr ruhig auf Amrum geworden. Die Strände der Nordseeinsel sind leer. Auch all die anderen Orte, die im Winter immer beliebte Anlaufpunkte für Touristen sind, bleiben verwaist: der Strandbohlenweg, die Vogelkoje, die St. Clemens-Kirche in Nebel, der Amrumer Leuchtturm oder die Dünen. Wegen des Beherbergungsverbots gibt es praktisch keine Gäste auf der Insel. Zwar dürfen noch Tagestouristen und Zweitwohnungsbesitzer nach Amrum kommen, aber die Geschäfte dürfen aufgrund des Lockdowns ohnehin nicht öffnen. Und so bleiben die Touristen aus.

Insulaner sind unter sich

"So viel Ruhe hatten wir noch nie. Wir sind komplett unter uns", sagt Marret Dethlefsen, Vorsitzende der Insel-Trachtengruppe. Dieses Jahr passiere das nun wegen der Pandemie schon zum zweiten Mal. "Ansonsten kenne ich diese vollkommene Ruhe nur aus meiner Kindheit, als wir drei Monate lang Touristensaison auf Amrum hatten und den Rest des Jahres nur unter Insulanern waren." Da hatten sie allerdings auch noch andere Einkommensquellen, waren nicht so stark vom Tourismus abhängig wie heute. "Bei vielen Amrumern sind die Einnahmen während des Lockdowns bei Null", sagt Marret Dethlefsen.

Das Video - ein Lichtblick während der Pandemie

Da keine Touristen da sind, keine Ferienhäuser geputzt und Betten gemacht werden müssen, haben die Amrumer viel freie Zeit. So kam es, dass Marret Dethlefsens Schwester ihr vorschlug, dass die Frauen der Amrumer Trachtengruppe "doch mal bei dieser Challenge mitmachen" könnten. Gemeint war die "Jerusalema Dance Challenge"- ein viraler YouTube-Hit in der Coronazeit. Diese soll den Menschen während der Pandemie Glücksmomente schenken, sie daran erinnern, dass in dieser Pandemie niemand allein mit seinen Sorgen sein soll, alle im gleichen Boot sitzen.

Die freie Zeit kreativ genutzt

Schließlich nutzten insgesamt 14 Amrumer Trachtenfrauen ihre freie Zeit, um kreativ an dieser Challenge mitzumachen. Sie sorgten für Aufsehen, als sie zum Song "Jerusalema" des südafrikanischen Künstlers Master KG tanzten und das Ergebnis ins Netz stellten. Jeweils zwei Frauen und zwei Amrumer Weihnachtsmänner tanzten an vielen ausgewählten, momentan verwaisten, aber sonst beliebten Touristenorten auf der Insel. Die Botschaft: "Wir zeigen allen Amrum-Fans, wir sind noch da, vergesst uns und unsere schöne Insel nicht", sagt Marret Dethlefsen. "Wir werden bald auch wieder für euch da sein dürfen, in besseren Zeiten."

Likes aus Schweden und Australien

Das Video kommt an in den sozialen Netzwerken und wurde auch schon in Schweden und Australien geliked und kommentiert. Viele User sprechen den Amrumer Frauen ihren Dank aus - auch dafür, dass sie für viele ein Lichtblick inmitten der Pandemie sind. "Wir freuen uns schon, Euch und unsere Lieblingsinsel wiederzusehen, wenn die Pandemie vorbei ist", kommentieren viele. "Toll, das macht einfach total gute Laune", sagen andere.

Video kommt gut an

"Wir hätten nie damit gerechnet, dass das Video so gut ankommt und so viele Menschen erreicht", sagt Britta Lindner. Die Amrumerin ist Lehrerin an der Öömrang Skuul und Weltmeisterin im Line Dance. Sie hat den 13 anderen Trachtenfrauen die Tanzschritte beigebracht. "Alle hatten Lust und waren hoch motiviert", sagt die Tänzerin. Deshalb habe es nach ein paar Mal üben auch schon gut geklappt." Zu den Proben haben sich die Frauen coronakonform zu zweit getroffen oder vorm Bildschirm per Videochat geübt. Seit Beginn der Pandemie konnten die Trachtenfrauen sich nicht mehr treffen, nicht mehr wie sonst zusammen auftreten und die Amrumer Volkstänze tanzen. Die Jerusalema-Aktion hat sie einander wieder näher gebracht - aus der Distanz und zu gänzlich anderen Klängen und Rhythmen. "Ein schöner Gegensatz, der erstaunlich harmonisch wirkt", findet auch Britta Lindner.

Freude, sich auf andere Weise zeigen zu können

Große Resonanz gibt es nicht nur von Amrum-Fans in den sozialen Netzwerken, sondern auch von den Insulanern selbst. Inselchronist Jens Quedens findet das Video toll und auch die Amrumer Pastorin Martje Brandt lobt die Aktion der Trachtenfrauen: "Da ist so richtig der Knoten aufgegangen", sagt Martje Brandt. "Dass sie wieder die Trachten angezogen haben und endlich wieder zu sehen waren, nachdem sie das ganze Jahr über nicht auftreten durften, war sehr wertvoll für die Gruppe." Die Freude darüber und eine Lebendigkeit und Fröhlichkeit habe sich sofort transportiert. Das sei ihnen im Video anzusehen.

Die Hoffnung auf Normalität

Eine Durststrecke haben die Amrumerinnen und Amrumer noch vor sich. Die Pandemie und der Lockdown werden sicherlich noch einige Zeit andauern, ist man sich bei den Trachtenfrauen sicher. Es gibt viele, die Kredite aufnehmen müssen, um über die Runden zu kommen, wenn die Gäste nicht auf die Insel kommen dürfen. Aber das Video hat sie zusammengebracht, obwohl sie coronakonform auf Distanz geblieben sind. Es hat die Leistung einzelner zu einem großen Ganzen zusammengeführt. Mit der Videobotschaft gibt es Hoffnung auf der Insel, der Krise zu trotzen und weiterhin durchzuhalten - damit am Ende wieder alles normal werden kann. Und zu dieser Normalität gehören eben auch die schmerzlich vermissten Gäste der Nordseeinsel.

Weitere Informationen
Dieter Kalisch, mit 80 Jahren der älteste Vogelwart an der deutschen Nordseeküste. © NDR/Jung u. Rathjen Filmproduktion
29 Min

Vom Techniker zum Vogelwart

Seit einem halben Jahrhundert dokumentiert Dieter Kalisch die Veränderungen an der Nordspitze von Amrum. 29 Min

Blick auf Wittdün und den Kniepsand von einer Aussichtsdüne auf Amrum © NDR Foto: Irene Altenmüller

Amrum: Kleine Insel, riesiger Strand, viel Natur

Ruhe und Natur statt Trubel und Nachtleben: Amrums Strand ist breit und kilometerlang, die Dünen laden zum Wandern ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 23.12.2020 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein Junge sitzt mit den Händen vor dem Gesicht an einer Häuserwand voller Graffiti. © Chromorange Foto: Walter G. Allgöwer

Corona und Soziales: Wenn Menschen ein Stück Heimat wegbricht

Jugendclubs geschlossen, Sozialkaufhäuser dicht, Bingo-Abende fallen aus: Der Sozialausschuss im Landtag hörte am Donnerstag zu. mehr

Videos