Laschet in der Wahlarena: Mehr Inklusion und mehr Klimaschutz?

Stand: 16.09.2021 07:08 Uhr

Nach Grünen-Politikerin Annalena Baerbock und SPD-Politiker Olaf Scholz war nun CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet in der Wahlarena - und musste sich am Mittwochabend auch persönliche Vorwürfe gefallen lassen. Seine Unterstützer sind jedoch zufrieden.

von Constantin Gill

"Was ist jetzt los, ne Demo?", wundert sich ein Gast, der noch vor der Lübecker Kulturwerft steht. Denn es strömen grüppchenweise junge Leute mit Plakaten die Straße entlang. Angeführt von Bildungsministerin Karin Prien (CDU), die zum Zukunftsteam des Kanzlerkandidaten Armin Laschet gehört.

Laschets Auftritt "superwichtig"

Aus dem ganzen Land sind Mitglieder der Jungen Union vertreten. Laschets Auftritt sei "superwichtig", sagen sie. Er könne die "Wende einleiten". Landesgeschäftsführer Paul-Timo Glindhaus hat die Tour zum Veranstaltungsort organisiert. Jetzt verteilt er Bändchen für das anschließende Public Viewing. "Hervorragend" sei die Stimmung im Bus gewesen, erzählt er. Dass Laschet in den Umfragen hinter Scholz liegt, nehme man "mittlerweile eher als Ansporn". Aus einer mitgebrachten Lautsprecherbox tönen Eurodance, Schlager - und "Don't stop believing."

Sprechchöre für den Kandidaten

Mitglieder der Jungen Union stehen mit Plakaten vor der Wahlarena. © NDR Foto: Constantin Gill
Aus dem ganzen Land sind Mitglieder der Jungen Union gekommen.

Die JU-Landesvorsitzende Birte Glißmann heizt ihre Mitglieder mit dem Megafon an und gibt Anweisungen. Verschiedende Gesänge, in denen jeweils die Worte "Armin" und "Kanzler" enthalten sind, werden ausprobiert. Am Ende setzt sich das eingängige "Armin Laschet wird Kaaaanzler" durch.

Im Frühjahr hatten mehrere Kreisverbände der Jungen Union in Schleswig-Holstein noch Landschef Daniel Günther aufgefordert, sich für Markus Söder als Kandidat einzusetzen. Und nicht für Armin Laschet. Davon ist heute keine Rede mehr. "Mittlerweile hat jeder verstanden, dass jetzt gekämpft werden muss", sagt Paul-Timo Glindhaus.

Kunstblut auf der Straße

Mitglieder der Klimaschützer von "Extinction Rebellion" lassen sich auf der Straße mit Kunstblut übergießen. © NDR Foto: Constantin Gill
Mitglieder der Klimaschützer von "Extinction Rebellion" lassen sich auf der Straße mit Kunstblut übergießen.

Dann gibt es doch noch eine Demo: Mitglieder der Klimaschützer von "Extinction Rebellion" lassen sich auf der Straße aus Solidarität mit Berliner Hungerstreikenden mit Kunstblut übergießen - genau dort, wo Armin Laschets Wagen jeden Moment vorfahren soll. Die Polizei bleibt geduldig und trägt schließlich die Demonstranten auf den Bürgersteig. Unterdessen bekundet die Junge Union weiter unbeeindruckt: "Armin Laschet wird Kaaanzler."

Bekenntnis zu mehr Vielfalt

Langsam rückt der Beginn der Sendung näher, noch immer ist kein Kanzlerkandidat in Sicht. Eine Landtagsabgeordnete klatscht zu Helene Fischer mit. Das Megafon wird wieder eingeschaltet, der Schlachtruf wird noch einmal geprobt.

Dann ist Laschet da. Der Kanzlerkandidat schreitet das Spalier der Unterstützer ab, dann geht es schnell nach drinnen. Und dort kommen die Zuschauer gleich zur Sache. Befragen Laschet zur Cannbis-Freigabe, zu Wohnungspreisen und Rassismus. Bei letzterem berichtet Laschet aus seiner Zeit als Integrationsminister und verspricht, er werde ein Bundeskanzler sein, "der sich mit jedem anlegt, der Rassismus predigt." Er habe die feste Absicht, dass sich Diversität in der Bundesregierung und etwa in der Verwaltung widerspiegele. Die Anti-Diskriminierungsstelle könne "eine Stärkung vertragen", sagt Laschet.

Dann ist ein Mann im Rollstuhl mit seiner Frage dran: Jörg Gerken aus Lübeck. Er berichtet von Menschen mit Behinderung, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. Laschet bekennt sich zu mehr Inklusion: "Jeder Mensch kann etwas einbringen." Den Einsatz Gerkens für Betroffene nennt Laschet "bewundernswert".

Fragen auch zu schwachen Umfragewerten

Überhaupt gibt der CDU-Kanzlerkandidat sich zugewandt, sagt Sätze wie "Ich verstehe das Anliegen", "das geht ans Herz" oder "das macht mich betroffen", bevor er antwortet. Auch als eine Sozialarbeiterin einen Rechtsanspruch für von häuslicher Gewalt Betroffene auf einen Platz im Frauenhaus fordert, will Laschet zunächst die Arbeit in den Frauenhäusern würdigen - doch die Sozialarbeiterin fordert ungeduldig eine konkrete Antwort. Laschet sagt zu, sich für bessere, bundeseinheitliche Standards einzusetzen.

Angriffe beim Thema Klimaschutz

Scharfe Angriffe muss Laschet etwa beim Thema Klimaschutz abwehren - er verteidigt sich und betont, in Nordrhein-Westfalen habe er den Kohleausstieg beschlossen. Auch wenn es den Klimaschützern nicht schnell genug gehe.

Persönlich wird es, als ein Besucher Laschet auf die schwachen Umfragewerte bei der K-Frage anspricht. Wenn es ihm um die Menschen gehe, wie auf einem Wahlplakat zu lesen sei - warum sei er dann nicht längst als Kanzlerkandidat zurückgetreten? "Was hielten Sie von der Idee, wenn wir das die Menschen am 26.9. entscheiden lassen?" kontert Laschet.

Geteilte Meinungen nach der Sendung

Als die Sendung zuende ist und die Besucher nach und nach das Studio verlassen, sind die Reaktionen gemischt. Manche fanden Laschet nicht konkret genug, kritisieren, er habe ausweichend geantwortet. Der Lübecker Jörg Gerken dagegen ist zufrieden. Laschets Bekenntnis zu einer besseren Inklusion von Behinderten sei "überzeugend rübergekommen."

Bei der Jungen Union hat Armin Laschet an diesem Abend für Begeisterung gesorgt. Er habe sich "sehr gut geschlagen", findet Landesgeschäftsführer Paul-Timo Glindhaus. Der Kanzlerkandidat hat seine Unterstützer nach der Sendung noch besucht und sich für den Rückenwind bedankt. Karin Prien twittert, der Auftritt sei "saustark" gewesen.

Derweil beginnen die Techniker in der Lübecker Kulturwerft nach dieser letzten Wahlarena mit dem Abbau.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.09.2021 | 12:00 Uhr

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