Stand: 31.07.2019 10:47 Uhr

Zukunft von Senvion hängt am seidenen Faden

Seit Monaten schon zittern und bangen rund 1.000 Senvion Mitarbeiter in Osterrönfeld und Büdelsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde), rund 400 Mitarbeiter in der Zentrale in Hamburg und etwa 200 in Bremerhaven um ihre Arbeitsplätze. Anfang April meldete der Windkraftanlagenhersteller Insolvenz in Eigenverantwortung an. Seitdem ist es eine Hängepartie für die Mitarbeiter - von Monat zu Monat. Und die Betriebsversammlung am Dienstag brachte auch keine Entwarnung.

Kurzes Aufatmen am Dienstag - doch die Sorge bleibt

Bei der Versammlung gab es zwar einen kleinen Lichtblick: Die Gehälter können einen weiteren Monat finanziert werden, bis Ende August. 35 Millionen Euro brauchte Senvion und konnte es nach NDR Schleswig-Holstein Informationen noch einmal berappen. Doch auch wenn Senvion die Lage für August stabilisieren konnte, wird sich die Situation langfristig keineswegs entspannen. Das Unternehmen braucht weiter Geld, um seine Zukunft zu sichern. Die Gewerkschaft IG Metall drängt darauf, dass Senvion als Ganzes verkauft wird - ein Investor ist aber noch nicht in Sicht. Der Recherchen nach gibt es zwar Interessenten, die wollen aber nur lukrative Unternehmensteile übernehmen, verraten Insider.

Ausblick: Was, wenn kein Investor gefunden wird?

Bei der Betriebsversammlung soll es auch schon darum gegangen sein, was wäre, wenn die Rettung nicht klappt. Für den Fall, dass kein Käufer gefunden wird, kündigte Senvion bereits an, über Sozialpläne und Interessensausgleiche mit den Arbeitnehmervertretern zu verhandeln. Nach der gut einstündigen Betriebsversammlung strömten die Mitarbeiter aus der Halle, die auf einem Gelände gegenüber des Firmengebäudes extra angemietet worden war. Verwirrte, ausdruckslose und nachdenkliche Gesichter waren die Mehrheit.

"Was mache ich hier und wie lange noch?"

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Senvion informierte seine Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung am Standort Osterrönfeld über die aktuelle Lage.

Wirklich viel sagen wollten die wenigsten. "Naja, es geht jetzt erst mal einen Monat weiter", murmelt ein Mann kurz und knapp. "Wie würden Sie sich denn fühlen?!", war die Reaktion einer Frau, die verständlicherweise gereizt auf die Frage reagierte, wie es ihr gehe. Ein anderer schüttelt in Gedanken versunken den Kopf und meint: "Immer zum Ende des Monats steigt die Unsicherheit und man fragt sich jeden Tag bei der Arbeit: 'Was mache ich hier, wie lange geht das noch weiter?'" Sein Kollege neben ihm nickt zustimmend.

Findet sich innerhalb der nächsten Woche kein Investor, dann war es das

Viel deutlicher formulieren es Gewerkschaft und Arbeitsminister Bernd Buchholz (FDP). Der Minister stellte klar: "Nach wie vor hofft wohl die Geschäftsleitung auf einen Investor, der auf das gesamte Unternehmen bietet. Das wäre für alle das Beste, aber die Situation ist, dass sich für Teile des Unternehmens kein Investor findet und für das ganze eben auch nicht." Der Arbeitsminister sagte, dass selbst wenn Senvion von einer anderen Firma übernommen werden würde, er sich nicht vorstellen könne, alle Arbeitsplätze erhalten werden könnten. Wie viele gerettet werden können, sei im Moment unklar, aber auch der Standort Osterrönfeld wäre dann sicher nicht unerheblich betroffen, so Buchholz.

Martin Bitter von der IG Metal Rendsburg Eckernförde sagt ohne Umschweife: "Wenn sich in den nächsten vier Wochen kein Investor findet, dann ist Schluss für Senvion." Das wäre dann das Ende für 4.000 Arbeitsplätze weltweit - für die 1.600 in Schleswig-Holstein, Hamburg Bremerhaven.

Senvion schon lange in Schieflage

Senvion erwirtschaftete seit mehreren Jahren keine Gewinne mehr. Windkraftanlagen wurden nicht pünktlich abgeliefert und kamen nicht ins Laufen, was unter anderem zu Strafzahlungen führte. Deswegen hatte der Windradhersteller Mitte April für beide deutsche Gesellschaften Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Kurz darauf zog das Unternehmen nach eigenen Angaben einen 100-Millionen-Kredit an Land, der die Fortzahlung der Mitarbeiter in den folgenden Monaten sichern sollte. Doch schon damals betonte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Bernhard Band, dass weitere Investitionen nötig seien, um aus der misslichen Finanzlage herauszukommen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.07.2019 | 12:00 Uhr

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