Zu viel Bürokratie: Landwirt holt sich Spezialfirma ins Haus

Stand: 27.02.2021 14:59 Uhr

Nur den Acker bestellen und die Kühe versorgen - so sieht Landwirtschaft schon seit Jahrzehnten nicht mehr aus. Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist ein Unternehmen - und dazu gehört auch viel Bürokratie.

Die Vorgaben und Gesetze, die Landwirte erfüllen und kennen müssen, sind teilweise kaum zu überblicken. Viele Landwirte greifen deshalb inzwischen auf Spezialfirmen zurück, die die Büroarbeit für sie erledigen.

Heider Spezialfirma hilft Landwirt

Ralf Hartmann-Paulsen vom Kartoffelhof in Hasenkrug (Kreis Segeberg) hat sich Hilfe bei der Firma Agronet aus Heide geholt. Das Unternehmen betreut 300 Landwirte bei der Büroarbeit. Geschäftsführerin Christiane Meyer guckt sich beispielsweise für Paulsen einen zwölfseitigen Anforderungskatalog einer Supermarktkette an. Es geht um Chemie, um Rückstände, um Pflanzenschutz. "Das sind ganz schön viel Anforderungen und ganz schön viele Themen, die für einen landwirtschaftlichen Betriebsleiter überhaupt nicht zum täglichen Leben gehören", sagt sie. Ralf Hartmann-Paulsen betont: "Meine Aufgabe ist es eigentlich die Kultur über das Jahr zu begleiten und zu gucken, ob es den Kartoffeln gut geht, ob irgendwas im Argen liegt, ob ich dann reagieren muss. Und die Zeit würde ich nicht finden, wenn ich die ganze Bürokratie selber machen müsste."

Jeden Schritt genau dokumentieren

Auf Paulsens Hof werden 6.000 Tonnen Kartoffeln jährlich geerntet und verpackt. Wer Lebensmittel verpackt, wird nach einem Qualitätstandard geprüft. Ralf Hartmann-Paulsen muss jeden Schritt seiner Kartoffel genau dokumentieren. Es geht um Hygiene, um Gefahren bei der Herstellung. Dafür hat er mittlerweile ein ganzes Büro und eine Sekretärin. "Nur die Qualitätssicherung sind mittlerweile 600 Dokumente. Wir haben mal mit einem Ordner angefangen", berichtet Hartmann-Paulsen.

Aufpassen, wo die Häkchen sitzen

Christiane Meyer hilft bei der Bearbeitung der Dokumente. Ein Häkchen an der falschen Stelle kann viel Geld oder eine Förderung kosten. Auch bei den EU-Gesetzen, die jeder Landwirt erfüllen muss, hilft sie. Und sie bereitet den Landwirt auf die nächste Betriebskontrolle vor.

Zum Teil sind die Nachweise, die eingefordert werden, auch absurd, betont Hartmann-Paulsen. So muss er neuerdings nachweisen, dass seine Kartoffeln fälschungssicher sind. "Das hat sich mal jemand für den Käse auf der Pizza ausgedacht. Und nun wird das über alles gestülpt", erzählt der Landwirt und erklärt: "Das ist unsinnig, weil eine Kartoffel ein Urprodukt ist."

Immer genug zu tun

Die vielen Vorschriften lassen auch Christiane Meyer manchmal nachdenklich werden. Es sei eine traurige Entwicklung, dass Landwirte heutzutage so viele gesetzliche Regeln und Qualitätsabforderungen erbringen müssten, dass sie zu ihrer eigentlichen Arbeit kaum noch kämen, sagt sie. An dieser Lage wird sich wohl zunächst nicht viel ändern. Was für Christiane Meyer und ihr Unternehmen heißt: Arbeit gibt es wohl immer mehr als genug.

 

Weitere Informationen
Eine Bild-Collage zum Thema Ökolandbau in Schleswig-Holstein. © NDR
4 Min

Öko-Landwirtschaft in SH: Fläche, Anteil, Betriebe

Das Thema Bio-Landwirtschaft spielt in Schleswig-Holstein eine immer größere Rolle. Ulrike Drevenstedt erklärt den Öko-Landbau und liefert aktuelle Zahlen rund um Agrarbetriebe. 4 Min

Landwirte demonstrieren mit Traktoren durch die Stadt Kiel.

Warum Landwirte und Umweltverbände in SH noch streiten

In Niedersachsen gab es innerhalb weniger Monate eine Einigung zwischen Naturschützern und Bauern. In SH gibt es kaum Annäherung - warum? mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.02.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine Luftaufnahme des Eckernförder Panoramas. © Eckernförde Touristik & Marketing GmbH Foto: Stefan Borgmann

Modellregion Eckernförde: Ab Montag kommen die Touristen

In Eckernförde darf ab kommendem Montag wieder vieles öffnen, zum Beispiel die Innengastronomie. Welche Regeln gelten? mehr

Videos