Jugendliche begehen einen ehemaligen DDR-Grenzübergang.

Wiedervereinigung - Schüler aus SH und MV lernen gemeinsam

Stand: 03.10.2020 15:04 Uhr

Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung haben Schüler aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Zeitzeugen befragt - gemeinsam. In Schlagsdorf haben sie zusammen ihre Ergebnisse präsentiert.

von Phillip Kamke

Gemeinsam schlendern sie durch das Grenzhus in Schlagsdorf (Mecklenburg-Vorpommern). Hier sind Teile der ehemaligen Grenze ausgestellt. Mauern, Stacheldraht, Aussichtstürme. Während der Teilung Deutschlands wäre dieses Treffen nicht denkbar gewesen. Lorenz von Schwanenede und Hauke Wohlers kommen aus Rostock, Clara Freudenreich und Helena Teckenburg aus Lübeck. Sie sind in den vergangenen Wochen gemeinsam mit etwa 30 Mitschülern auf Spurensuche gegangen, haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen, die die Wende hautnah miterlebt haben. "Im Alltag ist die Wiedervereinigung eigentlich kein Thema bei uns Jugendlichen. Durch das Projekt war es sehr spannend, konkrete Einblicke in die Geschichte zu bekommen. Vor allem aus erster Hand", sagt Clara Freudenreich aus Lübeck.

Vier Schüler aus stehen vor dem ehemaligen Grenzzaun in Schlagsdorf (Mecklenburg-Vorpommern) © NDR Foto: Phillip Kamke
Die Lübecker Schülerinnen Clara Freudenreich und Helena Teckenburg und die Rostocker Lorenz von Schwanenwede Hauke Wohlers (v.l.) haben zusammen mit etwa 30 Mitschülern ihre Geschichte erarbeitet.

Ihre Klassenkameradin Helena Teckenburg ergänzt: "Die Bücher im Geschichtsunterricht sind im Vergleich ja eher trocken. Das Projekt macht das Ereignis deutlich greifbarer für uns. Ich habe auch schon viel mit meinen Eltern darüber gesprochen. Mein Vater kam damals aus dem Westen und meine Mutter aus dem Osten. Als Deutschland sich wiedervereinigt hat. waren sie beide in Berlin und haben sich getroffen. Ohne die Wiedervereinigung würde es mich also auch gar nicht geben."

Eltern erzählen von ihrer Vergangenheit

Eine vergleichbare Situation erlebt Hauke Wohlers aus Rostock. Auch seine Eltern haben sich damals nach der Wende kennengelernt. "Mama und Papa haben schon Einiges erzählt. Manchmal bringt mein Vater auch einen Spruch, dass meine Mama es im Westen ja viel besser gehabt hat", grinst der 17-Jährige, und ergänzt: "Dann sagt er aber meistens auch, dass in der DDR auch nicht alles schlecht war."

Schüler wissen Freiheit zu schätzen

Auch wenn sie nicht zuletzt durch ihr Projekt schon Vieles gehört und gelernt haben - so richtig greifbar ist die damalige Situation nicht für die heutige Generation. Das wird den Jugendlichen vor allem dann klar, als sie im Grenzhus in Schlagsdorf vor den meterhohen Überresten stehen, die das Land fast 30 Jahre geteilt haben. Auch der Stacheldraht wirkt auf die Schüler bedrohlich, erzählen sie. "Wenn ich das hier sehe ist es das eine. Aber so einen Zustand kann ich mir heute einfach nicht vorstellen. Ich bin in einer buchstäblich grenzenlosen Freiheit aufgewachsen. Früher hatte Freiheit eine andere Bedeutung als wir es kennen. Nachdem was ich jetzt gelernt habe, weiß ich diese Freiheit noch mehr zu schätzen," sagt Lorenz von Schwanenede aus Rostock.

Lehrerin: "Wir wissen immer noch zu wenig voneinander"

Die Ereignisse vom Mauerfall am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 sind bei den Schülerinnen und Schülern aus Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein tatsächlich unterschiedlich präsent. Das liegt in der Natur der Sache, erzählt Lehrerin Beate Behrens aus Rostock. Sie hat das gemeinsame Projekt geleitet. "Die Schüler aus Mecklenburg-Vorpommern werden von ihren Eltern und Großeltern mit Geschichten konfrontiert. Da werden natürlich andere Geschichten erzählt, häufig auch Diktaturerfahrungen, Einschränkungen von Freiheiten. Und das sind Dinge, die bleiben natürlich haften und die bewegen auch die Kinder. Wir haben festgestellt, dass wir immer noch viel zu wenig voneinander wissen", sagt Beate Behrens.

Auch die Bildungsministerinnen erinnern sich

Bettina Martin, Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern und Karin Prien, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, stehen an der innerdeutschen Grenze in Schlagsdorf. © NDR Foto: Phillip Kamke
Bettina Martin, Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern (links) und Karin Prien, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, sind begeistert von dem Projekt.

Deshalb sind auch die beiden Bildungsministerinnen der Länder, Karin Prien (CDU) aus Schleswig-Holstein und Bettina Martin (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern, bei der Präsentation der Schülerergebnisse in Schlagsdorf mit dabei. Und beide wissen noch ganz genau, wie sie den 9. November 1989 erlebt haben. "Ich habe zu der Zeit in Bonn studiert und die Ereignisse am Fernseher mitverfolgt. Als ich gesehen habe was da passiert ist habe ich sehr lange geweint", sagt Karin Prien. Erst in der vergangenen Woche hat der Landtag in Schleswig-Holstein beschlossen, das Thema Wiedervereinigung noch intensiver in den Unterricht mit einzubinden. Beide Ministerinnen sind sich einig: "Das Projekt hat wieder einmal gezeigt, dass wir die Geschichte weitererzählen und uns erinnern müssen. Denn so etwas darf nicht noch einmal passieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 03.10.2020 | 19:30 Uhr

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