Stand: 23.07.2020 05:00 Uhr

Nachgefragt: Wird Heimarbeit zur Dauerlösung?

Studienergebnisse zeigen: Die überwiegende Mehrheit von Unternehmen in Deutschland hat in der Corona-Krise verstärkt auf Homeoffice gesetzt, um Mitarbeiter vor einer Infektion mit Covid-19 zu schützen. Laut einer repräsentativen Umfrage des ifo-Instituts, die im Mai veröffentlicht wurde, nutzten zu dem Zeitpunkt bundesweit rund drei Viertel der Unternehmen verstärkt die Heimarbeit. Die Chefin der Arbeitsagentur Schleswig-Holstein, Margit Haupt-Koopmann, sagte jüngst im Interview mit NDR Schleswig-Holstein, dass etwa ein Viertel aller Betriebe im Land in der Corona-Krise ganz oder teilweise auf Homeoffice umgestellt haben. Auch nach der Corona-Krise würden Arbeitnehmer wahrscheinlich häufiger von zu Hause arbeiten, ist sich Haupt-Koopmann sicher. NDR Schleswig-Holstein hat bei Unternehmen nachgefragt, welche Erfahrungen sie in den vergangenen Monaten gemacht haben und wie sie sich die Zukunft mit Heimarbeit vorstellen.

Eine Frau sitzt am Laptop, auf dem eine Videokonferenz zu sehen ist. © Colourbox Foto: Aleksandr

AUDIO: Homeoffice und Co.: Was nach Corona bleibt (1 Min)

Gut machbar für IT-Unternehmen oder Telekommunikationsanbieter

Einige Firmen konnten deutlich einfacher auf Homeoffice umstellen als andere. So hat die knk Gruppe mit Hauptsitz in Kiel nach Angaben der Sprecherin Uta Ely alle 200 Mitarbeiter zu Beginn der Corona-Pandemie ins Homeoffice geschickt. Das Unternehmen vertreibt unter anderem Verlagssoftware. "Schon vor Corona arbeiteten rund zehn Prozent der Mitarbeiter täglich von zu Hause aus und hatten insgesamt viel Erfahrung mit mobilem Arbeiten", erklärt Ely. Jetzt arbeitet immer noch ein Drittel der Mitarbeiter von zu Hause. Auch bei Versicherungen wie der Provinzial Nord in Kiel befinden sich laut Heiko Wischer zurzeit etwa 650 der etwa 1.000 Mitarbeiter im Homeoffice.

Stadtverwaltung Flensburg hat Remote-Lizenzen vervierfacht

Ähnliche Zahlen kommen von den Stadtwerken Kiel: Dort sind 50 Prozent der Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Tätigkeiten von zu Hause arbeiten können, im Homeoffice - nach Angaben der Stadtwerke sind das 200. Auch bei der HanseWerk-Gruppe konnten praktisch alle Verwaltungs- und Kundenservicemitarbeiter zu Beginn der Pandemie in die Heimarbeit wechseln - laut Unternehmenssprecher sind es jetzt mit 300 noch die Hälfte. Stand heute arbeiten auch bei der mobilcom-debitel GmbH mit Sitz in Büdelsdorf inklusive der Töchterfirmen die Hälfte der 600 Beschäftigten in den eigenen vier Wänden. Die Stadtverwaltung Flensburg hat nach Angaben eines Sprechers beim Homeoffice auch deutlich aufgestockt: So gab es vor Beginn der Pandemie etwa 120 sogenannte Remote-Lizenzen, mittlerweile sind es rund 400.

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Eine Frau sitzt an einem Laptop, auf dem ein Mann beim Videochat zu sehen ist. © Colourbox Foto: Aleksandr

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Nicht jedes Unternehmen ist "Homeoffice-tauglich"

Anders sieht es bei der Sterac Transport & Logistik GmbH in Braak aus: Laut Geschäftsführer Gerald Rackebrandt sind von den rund 130 Beschäftigten zunächst 35 ins Homeoffice gewechselt - mittlerweile sind es nur noch sechs. "Im Controlling oder in der Buchhaltung ist die Arbeit von Zuhause möglich", erklärt Rackebrandt und fügt an: "Der gewerbliche Bereich, unter anderem mit den Lkw-Fahrern, fällt hingegen komplett raus."

Ähnlich schwierig ist die Homeoffice-Lage beim Recyclingunternehmen Remondis. Nach Angaben von Pressesprecher Michael Schneider machen bei der Region Nord Niederlassung in Lübeck Fahrer und Lader einen Großteil der Mitarbeiter aus, die nicht ins Homeoffice wechseln können. In den Remondis-Niederlassungen wurden demnach im Schnitt maximal ein Drittel der Mitarbeiter in die Heimarbeit geschickt. Mittlerweile arbeiten sie nun wieder vor Ort - in getrennten Schichten. In der Regionalverwaltung in Meldorf sei der überwiegende Teil der Beschäftigten ebenfalls zurück. "Verwaltungsarbeiten könnten zu Hause erledigt werden, Recycling hingegen findet noch nicht digital statt", sagt Schneider.

Gerichtstermine finden im Gerichtssaal statt

Auch abseits von Unternehmen ist es schwierig, zum Beispiel bei der Justiz. So waren beim Landgericht Itzehoe während der Pandemie-Hochphase nach Angaben von Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer Kollegen wechselweise im Homeoffice - jetzt ist es niemand mehr. Das Problem: Bis die elektronische Akte 2022 eingeführt wird, ist vieles noch in Papierform - und Gerichtstermine müssen eben im Gerichtssaal abgehalten werden. "Sitzungs-und Anhörungstermine erweisen sich über Videodienste eher selten als sinnvoll darstellbar," meint Milhoffer.

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Wie groß war der finanzielle und technische Aufwand?

Bei Sterac mussten Gerald Rackebrandt und sein Team erst mal aufrüsten: Rund 20.000 Euro hat die Spedition nach eigener Aussage in Laptops, Drucker und die Arbeitsplätze für die Heimarbeit investiert. Bei der Flensburger Stadtverwaltung waren es einschließlich Hardware sogar 500.000 Euro. Bei der Provinzial Nord musste vor allem die IT-Abteilung wochenlang die technische Nachrüstung organisieren, berichtet Unternehmenssprecher Heiko Wischer. Auch bei Dräger in Lübeck waren die IT-Mitarbeiter mit der Einrichtung von Kollaborationsplattformen beschäftigt. Laut Remondis war der Aufwand vor Ort relativ gering - es brauchte demnach lediglich ein paar LAN-Kabel und Umzugskartons für das Equipment.

Welche Vorteile bietet Homeoffice?

Ursprünglich war es der eine Vorteil, der viele Unternehmen dazu gebracht hat, ihre Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken: Der Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus. Nach einigen Monaten Erfahrung finden die Firmen in Schleswig-Holstein aber noch mehr Gründe: Fahr- und Wegezeiten für die Mitarbeiter würden sich zum Beispiel reduzieren, sagt die Sprecherin des Drägerwerks in Lübeck, Melanie Kamann. "Auch die eine oder andere Betreuungssituation könne sicherlich leichter gemeistert werden." IT-Entwickler könnten von zu Hause konzentrierter arbeiten, glaubt Nadine Mette von mobilcom-debitel. Die Mitarbeiter wären insgesamt zufriedener, die sogenannte Work-Life-Balance verbessere sich.

Nachteil bei der Heimarbeit: Kein Büroschnack möglich

Auch wenn viele Unternehmen von positiven Rückmeldungen ihrer Mitarbeiter berichten - negative Aspekte gibt es ebenso viele. Bei der Softwarefirma knk in Kiel war die Umstellung für viele der Beschäftigten nicht allzu schwierig, wie Sprecherin Uta Ely berichtet. Trotzdem: Auch hier mussten die Mitarbeiter besondere Herausforderungen bewältigen, indem sie zum Beispiel zusätzlich zu ihrer Arbeit ihre Kinder betreuen mussten. Der größte Nachteil - und da sind sich alle Unternehmen, die wir befragt haben, einig: Der fehlende persönliche Kontakt mit den Arbeitskollegen und den Kunden. Bei knk hat man deswegen unter anderem virtuelle Kaffeepausen eingeführt. Trotzdem sei "die unmittelbare Interaktion durch Video-und Telefonkonferenzen nicht einfach zu ersetzen", bilanziert der Sprecher der Provinzial Nord, Heiko Wischer.

Bei einer Tasse Kaffee über Themen austauschen

Es sei sehr wichtig, die "kleinen täglichen Probleme in der Küche zu besprechen", betont Gerald Rackebrandt von Sterac. Deswegen erlebe man es bei Dräger in Lübeck, dass sich viele Mitarbeiter auch freuen, wieder im Büro arbeiten zu können, um sich spontan bei einer Tasse Kaffee über Themen auszutauschen, so Sprecherin Melanie Kamann. Ein weiterer Nachteil: Technikprobleme. "Nicht überall in Schleswig-Holsten ist stabiles Internet vorhanden, und das firmeneigene System ist nicht für 30 oder mehr Homeoffice-Arbeitsplätze ausgelegt", stellt der Sterac-Geschäftsführer fest.

DGB Nord-Chef: Es muss Regeln geben

Uwe Polkaehn © dpa - Bildfunk Foto: Bodo Marks
Uwe Polkaehn, Chef des DGB Nord, fordert Regeln fürs Homeoffice.

Wie viel Homeoffice in den Unternehmen möglich ist, unterscheidet sich von Branche zu Branche. Für den Chef des DGB Nord, Uwe Polkaehn, steht aber fest: Ohne festgelegte Arbeitsbedingungen und Regeln gehe es nicht. "Darauf muss man wirklich achten, denn die Beschäftigten berichten davon, dass Homeoffice auch bedeutet, pausenfrei zu arbeiten und zum Beispiel nebenbei zu essen." Arbeitszeiterfassung sei unabdingbar, macht Polkaehn klar. Außerdem müsse der Arbeitgeber für gute Bedingungen im heimischen Büro sorgen - "am Küchentisch sollte keiner arbeiten müssen", sagt der DGB Nord-Chef.

Er unterstützt nach eigener Aussage den Vorstoß von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), das Recht auf Homeoffice gesetzlich zu verankern. "Es darf keine Pflicht sein", macht Polkaehn klar, aber wenn es Homeoffice gibt, müsse es festgelegte Regeln geben. So sei die mögliche bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Beispiel ein großer Vorteil der Heimarbeit, aber auch hier müsse die Kinderbetreuung geregelt sein.

Trotz Widrigkeiten: Homeoffice verschwindet nicht mehr aus Arbeitsalltag

Weder Uwe Polkaehn noch eins der befragten Unternehmen in Schleswig-Holstein glaubt, dass die Arbeitssituation nach der Pandemie wieder so sein wird wie vor der Pandemie. Da wo es geht, soll Heimarbeit möglich gemacht werden, so die einhellige Meinung der Unternehmen. "Das wird nicht in dem bisherigen Ausmaß der Pandemie passieren, aber auf jeden Fall höher als zuvor", glaubt Nadine Mette von mobilcom-debitel.

Die Möglichkeiten, von zu Hause zu arbeiten, werden auch steigen, weil sich "die technischen Innovationen stetig verbessern", betont Constanze Burkhardt von HanseWerk. Beim Landgericht Itzehoe gibt es zunächst keine große Homeoffice-Zukunft - wenn, dann müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen vom Ministerium angepasst werden, so Sprecherin Milhoffer. Sonst lässt sich aber festhalten, dass nicht nur die Zahlen diverser Studienergebnisse, sondern auch die Erfahrungen der Unternehmen in Schleswig-Holstein zeigen: Die Arbeit am heimischen Schreibtisch wird keine Ausnahme mehr bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.07.2020 | 08:00 Uhr

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