Stand: 10.02.2019 14:23 Uhr

Wie junge Klavierspieler zu Organisten werden

von Peer-Axel Kroeske

Es war mitten im Sommer, als Pia Rabeler für ihren ersten großen Einsatz zu proben begann. Draußen waren es 25 Grad, und die 16-Jährige saß an der Orgel der Kirche St. Laurentius in Kating - und übte "O du Fröhliche". An ihrer Seite war immer wieder der erfahrene Kirchenmusiker Christian Hoffmann aus Tönning - er ist Nordfrieslands Kirchenkreiskantor. Weil ein Organist ausgefallen war, hatte er sie frühzeitig gefragt, ob sie den Weihnachtsgottesdienst übernehmen könne. Sechs Choräle plus Vor- und Nachspiel. Pia hatte die Kirche dann zum Üben oft für sich allein. Ein tolles Gefühl, sagt sie: "Dieser riesige Raum, da ist schon eine emotionale Ebene." Weihnachten spielte sie dann vor mehr als 200 Menschen in ihrer Heimatgemeinde.

Orgel-Workshop für Klavierspieler in Ostenfeld

"Gimmick des 18. Jahrhunderts"

Nun stehen die angehende Organistin und der Leiter des Workshops mit Annika, Mareike, Mia, Jannes und Thade im Innenraum der Ostenfelder Boye-Lorenzen-Orgel von 1776, während Hoffmann die komplexe Mechanik erklärt. Die 13- bis 17-jährigen spielen alle bereits seit mehreren Jahren Klavier. Mit Monika Möller ist auch eine erwachsene Pianistin dazu gestoßen. Vorkenntnisse seien nötig, sagt Hoffmann. Die Orgelneulinge ziehen die Register - und verändern so die Klangfarbe des Instruments von der "Trompete" bis zum Cymbalum, das Glockenschläge imitiert. "Ein Gimmick des 18. Jahrhunderts", sagt Hoffmann. Die vergleichsweise kleine Orgel kann ihren Klang reichhaltig variieren. Der leicht verzögerte Ton irritiert die jungen Pianisten etwas. Neuland betreten sie vor allem mit ihren Füßen: Die Pedale sorgen für die tiefen Töne.

Schule, Hobbys und Sport machen Konkurrenz

Die Kirche kann derzeit zwar noch auf genügend Organisten zurückgreifen, meint Hoffmann. "An Festtagen wie Ostern oder Weihnachten fehlen uns aber weitere Kräfte," stellt der Kreiskantor fest. Außerdem scheiden natürlich altersbedingt einige Organisten aus. Gleichzeitig sei der Nachwuchs durch Schule mit Nachmittagsunterricht und Hobbys nicht mehr so leicht wie früher verfügbar. Das bestätigt der 14-jährige Jannes aus Treia. Er hat Interesse, bekommt schon seit seinem fünften Lebensjahr Klavierunterricht, wäre damit der ideale Kandidat. Aber er spielt auch in zwei Handballmannschaften. Das bedeutet: dreimal wöchentlich Training. Sonntags sind oft Spiele.

Unterricht zum Sonderpreis

Die Nordkirche erleichtert deshalb mit der "Aktion Orgelbank" den Weg: Interessierte zahlen nur 10 Euro pro Stunde und damit nur ein Drittel des regulären Unterrichtspreises. Der Kurs für den "kleinen Orgelschein" geht über 39 Stunden innerhalb von zwei Jahren. "Die Pedale werden nur am Rande geprüft," versichert Hoffmann. Die nächste Stufe wäre die sogenannte C-Prüfung. Dieser zweijährige Kurs für nebenamtliche Kirchenmusiker beinhaltet Chorleitung, Stimmbildung, Musikgeschichte, Gehörbildung und Liturgiekunde. Für die Profi-Stufen B und A sind jeweils acht bzw. vier Semester Studium erforderlich.

Gefragter Nebenjob

Der 20-jährige Malte Wienhues aus Husum, ein Schüler Hoffmanns, ist mit seinen Kenntnissen inzwischen ein gefragter Mann. "Jeden Sonntag. Husum, Tönning, Eiderstedt. Irgendwo bin ich immer," berichtet er. Hinzu kommen Hochzeiten und Beerdigungen. Und Heiligabend kann er sich vor Anfragen gar nicht retten. Das lohnt sich dann auch als Zuverdienst für sein geplantes musikalisches Studium. Je nach Kenntnisstand zahlt die Kirche etwa zwischen 14 und 25 Euro pro Stunde, sagt Christian Hoffmann. Und da auch etwas Vorbereitung erforderlich ist, wird die dreifache Länge des Gottesdienstes abgerechnet.

Zwar wiederholen sich viele Lieder, stellt Malte Wienhues fest. Aber es sei auch Fingerspitzengefühl gefragt. "Man muss auch auf den Anlass achten. Bei einer Beerdigung wird sicher anders gespielt als auf einer Hochzeit. Und es hängt auch davon ab, wie groß die Gemeinde ist."

Abschlusskonzert in Stereo

Am Abend strömt Publikum in die Ostenfelder St.Petri-Kirche. Das kleine Abschlusskonzert des Workshops findet im Rahmen der Reihe "Musik in Ostenfeld" statt. Seit einem Jahr werden beide Orgeln in der Kirche zu Konzerten wieder regelmäßig bespielt. Es gibt nämlich noch eine weitere: die Sauer-Orgel von 1905 über den hinteren Reihen. An der spielt der Nachwuchs, während Christian Hoffmann über dem Altar die Boye-Lorenzen-Orgel bearbeitet - ein gelungener Start für die Jugendlichen in die vielfältige Welt der Orgelmusik.

Das nächste Konzert in Ostenfeld bestreitet am 8.3. Manuel Gera, der Organist vom Hamburger "Michel". 16 Uhr "Bach für Kinder", 19 Uhr "Die Kunst der Improvisation" an beiden Orgeln.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 11.02.2019 | 20:05 Uhr

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