Stand: 01.11.2016 17:46 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Wie eine Douglasie zum Großmast für "Lisa" wird

von Katrin Kampling

Es ist ziemlich kalt und zugig in der großen, alten Halle auf der Wallhalbinsel in Lübeck. Die Luft ist staubig. Sägespäne wirbeln durch den Raum. Jonathan Thurn trägt trotzdem T-Shirt. Er steht auf einer kleinen Plattform und bearbeitet einen 25 Meter langen Baumstamm mit einem elektrischen Hobel. 25 Meter - das ist so hoch wie ein achtstöckiges Gebäude. Der 17-Jährige macht in Lübeck ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege - und arbeitet gerade daran, dass aus einem knapp einen Meter dicken Baumstamm einen Großmast für das Segelschiff "Lisa von Lübeck" wird.

Tipps vom Profi-Zimmermann

Neben Jonathan steht ein Mann in schwarzer Zimmermannskluft aus Cord. Eric Janssen ist der technische Anleiter der Jugendbauhütte in Lübeck. Er erklärt Jonathan und den anderen FSJlern, worauf sie bei ihrer Arbeit achten müssen. Jonathan setzt den Hobel ab. "Es wird irgendwie nicht so schön glatt, wie ich es gern hätte, aber ich weiß nicht warum", sagt er irritiert. "Du hast den immer ein bisschen zu dir gekippt und nicht ganz waagerecht gehalten", erklärt Janssen und deutet auf die Kerben im Holz. "Dann entstehen diese Treppen hier." Noch arbeiten sie an der Oberfläche des Stammes und es kommt auf kleine Fehler nicht an. Rund ein Drittel des Holzes muss runter. Doch bald müssen alle Handgriffe sitzen - die Gruppe hat nur einen Versuch. Denn ein Baum wie diese 110 Jahre alte Douglasie wächst nicht in jedem Wald. Die Douglasie war die letzte ihrer Größe, die der Lübecker Förster Eckhard Kropla entbehren konnte.

Stellenweise klingt es wie Pappkarton

Dass die "Lisa von Lübeck" einen neuen Großmast braucht, ist schon länger klar. Vor rund zwei Jahren gaben die Mitglieder der Gesellschaft Weltkulturgut Hansestadt Lübeck dem Mast einen neuen Anstrich - und entdeckten dabei das Problem. "Wenn man gegen den Mast klopft, klingen einige Stellen wie Pappkarton", erinnert sich Bootsbaumeister Heino Schmarje. "Das konnten wir nicht so lassen." Also habe er die Stellen ausbessern lassen - und beschlossen: Ein neuer Mast muss her. Brechen wird der aktuelle zwar noch lange nicht, sagt der Bootsbaumeister. "Aber der Mast wird ja nicht besser und die faulen Stellen nicht kleiner, sondern höchstens größer."

Von Anfang an dabei

Die Mitglieder der Gesellschaft Weltkulturerbe hatten vor mehr als zehn Jahren die "Lisa von Lübeck" gebaut, nach dem Vorbild der historischen Kraweel-Hanseschiffe aus dem 15. Jahrhundert. Schmarje war als Bootsbaumeister von Anfang an mit dabei. Dass er sich auch um den neuen Mast kümmert, ist für ihn selbstverständlich. "Ich habe das ganze Schiff gebaut, dann werde ich auch den Mast bauen", sagt er. "Das Schiff ist wie mein Kind."

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Wenn sie nicht segelt, ruht die Lisa an ihrem Liegeplatz an der Wallhalbinsel in Lübeck.
Lebenssaft muss raus

Dass Schmarje die Douglasie für den neuen Mast hat fällen lassen, ist schon anderthalb Jahre her. Denn der Stamm musste erst einmal ein Jahr lang in der Trave liegen, um dann richtig getrocknet zu werden. "Das hört sich natürlich ein bisschen verworren an", meint Schmarje, "aber man muss den Baum wässern, damit der Lebenssaft rausgeht. Und das geht am besten im Wasser." Lebenssaft, das ist die harzige Flüssigkeit, mit der der Baum seine Blätter ernährt. Ein Jahr lang lag der Baum in der Trave, direkt neben dem Liegeplatz der "Lisa". Danach noch ein halbes Jahr an Land, um zu trocknen. Ohne diesen Umweg wäre der Stamm beim Trocknen gesplittert. Dann wäre er als Mast nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Jetzt ruht der massive Stamm in der Halle auf der Lübecker Wallhalbinsel.

"Cool, am Mast zu arbeiten"

Zimmermann Eric Janssen legt eine Holzlatte auf den Baumstamm. Ein dicker Streifen Rinde ist bereits abgehobelt, mit der Latte schaut er, ob Jonathan und seine Kollegen die Strecke gerade geschliffen haben. "Ein bisschen könnte da noch weg", sagt Janssen. "Da ist eine kleine Lunke, dahinter dann wieder ein Berg, da kann noch jemand hobeln." Die fünf FSJler wussten schon vor Beginn ihres Jahres in Lübeck, dass sie helfen würden, einen Mast für die "Lisa" zu bauen. Für die Hamburgerin Pauline Medebach war das ein Grund, warum sie nach Lübeck wollte. "Ich fand das ziemlich cool, dass wir an einem Mast arbeiten würden", erzählt sie. "Ich freue mich immer noch darüber, dass ich diesen FSJ-Platz bekommen hab."

12 Tonnen Holz am Stück bewegen

Die größte Herausforderung bei ihrer Arbeit wird allerdings nicht sein, das Holz schön glatt und rund zu bekommen - sondern als Gruppe den massiven Stamm umzudrehen. Er wiegt gerade etwa 12 Tonnen. Zimmermann Janssen lacht. Sie wüssten noch nicht genau, wie sie das anstellen wollen. "Da müssen wir noch ein bisschen experimentieren", sagt er und sinniert dann: "Vielleicht mit Kettenzügen, vielleicht auch mit unserem Gabelstapler und mit Hebeln." Sicher ist aber schon: Am Ende soll ein Kran den Mast auf die "Lisa von Lübeck" hieven - geplant ist das für Ende 2017. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 01.11.2016 | 20:05 Uhr

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