Stand: 04.12.2018 11:39 Uhr

Wie ein Schweizer Käse - Flickenteppich Mobilfunknetz

Von Nils Hansen

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Als Bauunternehmer nur selten zu erreichen: Carsten Flatterich aus Ramstedt.

Unruhe, Unbehagen und vor allem die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Diese Gefühle kennen vor allem junge Leute, wenn plötzlich das kleine LTE-Symbol am oberen Displayrand des Smartphones verschwindet. Stattdessen steht an gleicher Stelle ein kleines „3G“ oder ein “E“ beziehungsweise "Edge" - oder gar ein "G" - dann muss man sich auf eine sehr langsame Verbindung einstellen. In den Städten Schleswig-Holsteins funktioniert der Empfang des mobilen Internets meistens. Schleswig-Holsteiner, die auf dem Land wohnen, kennen das mulmige Gefühl besser, wenn Videos, Bilder und Internetseiten beim Warten auf den nächsten Dorfbus einfach nicht laden wollen. So mancher ist dann einfach mal nicht erreichbar, für andere bedeutet schlechtes mobiles Internet jedoch auch heftige Einschränkungen im Beruf.

Vorteil: Nägel trocknen besser ohne Handy in der Hand

Einmal hat sich Ilona Black für ihr kleines Nagelstudio in Haurup bei Handewitt (Kreis Schleswig-Flensburg) ein Lesegerät für EC-Karten gekauft. Richtig funktioniert hat das Gerät im Geschäftsbetrieb aber nie, denn es benötigt eine Verbindung ins mobile Internet. Guten Empfang hat die Nageldesignerin nur bei sich im Schlafzimmer in ihrer Wohnung über dem kleinen Geschäft. Da sie mit den EC-Karten ihrer Kundschaft aber nicht in andere Zimmer verschwinden möchte, verstaubt das Gerät bei ihr nun. Deshalb können ihre Kunden nach wie vor nur mit Bargeld bezahlen, sagt sie. Einen Vorteil habe aber der weiße Fleck auf der Datenkarte, scherzt Ilona Black. Während der Nagelbehandlungen können ihre Kunden nicht aufs Handy schauen - und damit auch ihre frisch gemachten Nägel nicht zerstören. Laut Ilona Black bieten in Haurup nur ein paar Provider ausreichende Qualität. Einige Hauruper fühlten sich deshalb auch im Alltag abgeschnitten. 

"Unterwegs kein Internet zu haben, bedeutet Isolation"

Diese Alltagsprobleme gibt es auch im nordfriesischen Wisch. Sobald Doris Petersen das Haus verlässt, geht nichts mehr auf ihrem Smartphone. Nicht einmal die Messenger-Dienste funktionieren, für die gar keine gute Internetverbindung nötig ist. Vor allem auf dem Arbeitsweg ins drei Kilometer entfernte Nachbardorf fühlt sich Doris Petersen abgeschnitten. Das wäre für sie nicht weiter schlimm, wenn sie dabei nicht ständig an ihren 91-jährigen Vater denken würde, der sie in diesen Minuten im Notfall nicht kontaktieren könnte. Sollte ihm etwas zustoßen, würde sie es unter Umständen erst zu spät mitbekommen.

Wichtige Nachrichten werden persönlich übermittelt

Nicht weit von Wisch entfernt liegt Ramstedt (Kreis Nordfriesland). Dort ist das Netz auch nicht besser. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt Anja Flatterich ein Bauunternehmen. Wenn Carsten Flatterich in der Gegend unterwegs ist, könne man ihn nur selten erreichen, sagt Anja Flatterich. Manchmal rufen die Kunden verzweifelt bei ihr im Büro an, weil sie eigentlich etwas Wichtiges mit ihrem Mann auf der Baustelle besprechen möchten oder Warenlieferungen ankündigen. Dann muss Anja Flatterich ins Auto steigen und von ihrem Büro aus auf die Baustellen in der Umgebung fahren. Dort hofft sie, ihren Mann anzutreffen, um ihm die Neuigkeiten persönlich zu übermitteln.

Mit dem Auto zum Netzempfang

Carsten Flatterich kennt inzwischen alle Punkte in seiner Umgebung, an denen die Verbindungsbalken auf seinem Smartphone-Bildschirm auftauchen. Dort versucht er jeden Tag, immer mal wieder hinzufahren, um auf dem neuesten Stand zu bleiben - alles eine Sache der Organisation. Wenn in der Zeitung vom nächsten Mobilfunkstandard 5G die Rede ist, kann er nur lachen. Er wäre froh, 1G zu haben, scherzt er.

Als 18-Jährige: abgeschnitten vom Rest der Welt

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Lilly Hansen kennt gutes Internet auf dem Smartphone nur von dem WLAN zu Hause.

Auch Lilly Hansen fühlt sich manchmal abgeschnitten. Sie ist 18 Jahre alt und wohnt in Schausende bei Glücksburg (Kreis Schleswig-Flensburg). Dort ist es idyllisch. Große Naturschutzgebiete mit einer mächtigen Steilküste prägen das Bild auf der Halbinsel Holnis. Sie wohnt mit Blick auf die dänische Küste in direkter Nähe zum Meer. Das sei ein Traum, sagt sie. Ein Albtraum sei allerdings das Netz. Von ihrem Haus aus kann sie bis auf die Küste Dänemarks schauen. Das gleiche mache offenbar ihr Handy - denn das wählt sich häufiger ins dänische, als ins deutsche Netz ein. Das Skurrile: Dann sei sogar die Verbindung besser, als bei ihrem deutschen Anbieter, sagt Lilly und lacht dabei. Das alles können ihre Freunde aus der Stadt nur schwer nachvollziehen, sagt sie. Denn sie kennen diese Netzprobleme nicht. Wer Lilly Hansen erreichen möchte, brauche also eine große Portion Glück. Es werde Zeit, flächendeckend - in ganz Deutschland - gutes mobiles Netz aufzubauen, so dass man überall das Internet problemlos nutzen kann, fasst Lilly Hansen die schlechte Situation in Schausende und in vielen weiteren ländlichen Orten zusammen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.12.2018 | 12:00 Uhr

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