Stand: 07.06.2020 11:37 Uhr

Wie ein Kieler Original aus Abfall Marionetten baut

Werkbänke, Sägen, Werkzeuge und insgesamt 1.000 bunte Marionetten, die an ihren Fäden von der Decke hängen: Ein Keller am Rande des Kieler Stadtteils Gaarden ist die Werkstatt von Peter Beyer. Mittendrin sitzt der Mann mit den langen, grauen Haaren und einer runden Brille und schnitzt aus Holz eine Hand: "Sowas kann ich stundenlang machen. Nach einer zündenden Idee arbeite ich auch schon mal die ganze Nacht durch. Das hat etwas Meditatives", sagt er, während er sich auf die filigrane Arbeit konzentriert.

Die Idee kam im Jugendalter

Geboren wurde Beyer in Frankfurt am Main. Nach der Scheidung seiner Eltern zog er als Kind mit seiner Mutter nach Kiel. Die Ferien verbrachte er oft bei seinem Vater im Süden: "Da haben wir häufig Ausflüge gemacht und sind irgendwann mal zufällig in einem Puppentheater in Rothenburg ob der Tauber gelandet. Die Vorstellung war so toll gemacht, so detailreich gespielt und lustig. Irgendwie ist da der Blitz bei mir eingeschlagen", lacht Beyer.

Noch am selben Abend schrieb er dem Puppenspieler einen Brief und bat um Tipps zum Marionettenbau und -spiel. "Abgeschickt hab ich den zwar nie, aber von dem Tag an war klar, dass ich Marionetten bauen will. Ich hab mir dann gleich Modeliermasse gekauft und angefangen, Köpfe zu formen."

Erstmal was "Richtiges" gelernt

Was mache ich eigentlich nach der Schule? Diese Frage stellte sich irgendwann, als er zurück in Kiel war. "Am liebsten hätte ich sofort beim Figurentheater Lübeck angefangen. Aber die konnten damals kaum was zahlen. Und ich wollte auch erstmal was Richtiges lernen", erinnert sich Peter Beyer. Er absolvierte schließlich eine Ausbildung zum Tischler. Später studierte er Sozialwesen. Vom Marionettenbauen kam er in all den Jahren nie los: "Ich hab es dann Menschen an der Volkshochschule beigebracht und an Schulen mit Kindern und Jugendlichen Marionetten gebaut. Und ich hab einfach auch viel mein eigenes Ding gemacht, hier einfach gebaut für mich alleine."

Vor einigen Jahren wandelte sich das Leben von Peter Beyer komplett: Der zweifache Familienvater verlor seinen Job in einer sozialen Einrichtung. "Ganz viele Menschen in meinem Umfeld haben dann gesagt: Mensch, warum machst Du das mit den Marionetten eigentlich nicht hauptberuflich? Gute Frage! Das hätte ich eigentlich schon viel früher machen sollen", sagt der Kieler rückblickend. Er machte sein Hobby zum Beruf.

90 Prozent der Puppen sind aus Abfall

Eine Marionette mit langer Nase hängt in der Werkstatt von Peter Bayer. © NDR Foto: Sebastian Parzanny
Aus alt mach neu: Diese Marionette besteht zum Großteil aus Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln.

Irgendwann fing Peter Beyer an, seine Marionetten aus Verpackungsmüll zu bauen - heute ist das seine Spezialität: "Andere Menschen sehen nur den Griff einer Spülmittelflasche, die Verpackung eines Trinkjoghurts, ausrangierte Ölkanister oder alte Damenschuhe. Ich sehe darin Gesichter oder Köpfe. Vor mir ist wirklich nichts mehr sicher", lacht der 57-Jährige. Seine Freunde wissen das natürlich längst und stellen ihm regelmäßig "passenden" Müll einfach vor die Tür.

Aber was macht diese Faszination für ihn aus? "Naja, eine Marionette darf ja alles sagen. Auch Dinge, die man als Mensch nicht sagen darf. Das ist doch toll." Und dann gibt es eine spontane Kostprobe: Beyer springt auf, schnappt sich das Spielkreuz einer der Puppen und verstellt seine Stimme: "Hahaha, ich bin Rudi, die Ratte, und von mir bekommen die Leute dumme Sprüche! Hahaha", hallt eine dreckige Lache durch den Keller.

Großer Auftritt im Revolverheld-Musikvideo

Der bisher größte Auftrag für den Marionettenbauer kam von der Hamburger Band Revolverheld: Für das Musikvideo zum Song "Lass uns gehen" baute er die Bandmitglieder als Marionetten nach - und hatte nur drei Wochen Zeit: "Die größte Herausforderung war, die Puppen wirklich so aussehen zu lassen wie die Jungs von der Band. Außerdem hab ich die Instrumente und eine kleine Bühne gebaut. Ich habe Tage und Nächte durchgebaut und die nervösen Anrufe der Manager irgendwann einfach nur noch ignoriert", erzählt Beyer mit einem Lächeln - und freut sich wie ein Kind, wenn er erzählt, wie begeistert die Bandmitglieder waren: "Als die Jungs sich selbst zum ersten Mal als Marionetten gesehen haben, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr raus." Das bescherte dem Marionettenbauer sogar einen Auftritt bei einem Revolverheld-Konzert in Kiel: Die echte Band auf der großen Bühne, daneben die kleine Bühne mit ihren Ebenbildern, die Peter Beyer spielte.

Marionetten bauen bis zum Ende

Eine Reihe von Marionetten hängt in der Werkstatt von Peter Beyer. © NDR Foto: Sebastian Parzanny
Von Marionetten bekommt Beyer nicht genug: 1.000 Stück hängen in seinem Haus.

Dieses Jahr war bisher deutlich ruhiger für Peter Beyer: Wegen der Corona-Pandemie wurden viele Veranstaltungen abgesagt, für die er gebucht war. Projekte aus der Film- und Werbebranche liegen auf Eis. Aber es gibt ein Projekt, das demnächst umgesetzt werden soll und über das sich das Kieler Original ganz besonders freut: "Für das Geomar Helmholtz-Zentrum wird es kurze Videos geben, in denen meine Marionetten komplizierte wissenschaftliche Dinge einfach erklären."

Bekommt Peter Beyer denn eigentlich nie genug vom Marionettenbauen? "Auf gar keinen Fall! Ich baue bis zum Ende weiter. Bis Du meinen Kopf laut auf der Platte aufschlagen hörst!", sagt Beyer lachend und zeigt auf seine Werkbank.

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Theater Lübeck © picture alliance/imageBROKER Foto: Stefan Hargus

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 08.06.2020 | 20:20 Uhr

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