Stand: 07.04.2018 08:00 Uhr

Wie Fotograf Castelli sein Lübeck bekannt machte

Menschen ändern sich, Gewohnheiten ändern sich, Stadtbilder ändern sich. Die Autoren von NDR.de besuchen sieben Städte in Schleswig-Holstein, um diesen Wandel zu zeigen. Sie tauchen ein in die Stadtarchive von Flensburg, Lübeck, Rendsburg, Pinneberg, Ratzeburg, Husum und Itzehoe - und fördern dabei persönliche Geschichten und historische Aufnahmen zu Tage, die teilweise in großem Kontrast zur Gegenwart stehen.

von Katrin Bohlmann

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Der Lübecker Fotograf Wilhelm Castelli im Jahr 1950.

Die sieben Türme, die Altstadt und natürlich das Holstentor: Das ist Lübeck. Zumindest haben viele die Hansestadt so vor Augen. Daran hat der 1901 geborene Fotograf Wilhelm Castelli großen Anteil. Er hat das Bild von seiner Heimatstadt mit seinen Fotos entscheidend geprägt. Mehr als 40 Jahre lang fotografierte er Lübecker Gebäude, Straßenzüge, Kirchen von innen und außen. Von den späten 1920er-Jahren bis 1970. Auf Fotos, Ansichtskarten und in Sammelmappen hat Castelli Lübecker Stadtmotive verewigt. Auch mehrere Bücher mit seinen Fotos haben Lübecker Museumsdirektoren herausgegeben. Heute sind seine Bilder die wesentliche Grundlage für das Fotoarchiv der Hansestadt.

Die Obertrave in Lübeck. © NDR Foto: Katrin Bohlmann Eine historische Aufnahme der Obertrave in Lübeck. © Fotoarchiv Lübeck

Die Obertrave in Lübeck heute und im Jahr 1938: Die Häuser, die Bäume und auch die Idylle sind geblieben. Mit dem Schieberegler auf diesem Bild und den weiteren großformatigen Fotos können Sie Impressionen von heute mit Castellis Bildern von damals vergleichen.

Fast wäre Castelli in Vergessenheit geraten

Seine Fotos waren damals außergewöhnlich und sind bis heute besonders: Harte Schwarz-Weiß-Kontraste, ungewöhnliche Blickwinkel und herausgehobene Details sind typisch für Castelli-Bilder. "Sein Vorbild war der Fotograf Albert Renger-Patzsch, ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit in den 20er-Jahren", erklärt Kunsthistoriker Thorsten Albrecht. "Castelli hat in Lübeck sehr viel fotografiert - auch in Museen. Er war seit 1930 der Museumsfotograf. So sind sehr viele Postkarten entstanden, die man als Tourist kaufen konnte, wenn man Lübeck besuchte", erklärt Albrecht weiter. Ohne den Kunsthistoriker wäre Castellis Werk fast in Vergessenheit geraten. Der 54-Jährige hat dem Lübecker Fotografen im Mai 2002 eine Ausstellung und einen Katalog gewidmet.

Der alte Bahnhof am Holstentor in Lübeck. © NDR Foto: Katrin Bohlmann Eine historische Aufnahme vom alten Bahnhof in Lübeck. © Fotoarchiv Lübeck

Am Holstentor: Hier hat sich viel verändert. Um 1865 lag der Bahnhof noch viel weiter Richtung Altstadt, vor der Puppenbrücke. Wo damals die Lok herausfuhr, steht jetzt das Hotel "Park Inn", hier von Bäumen verdeckt. Fotograf Castelli hatte die Aufnahme aus dem 19. Jahrhundert im Auftrag der Hansestadt Lübeck reproduziert.

Castellis Vater hatte andere Pläne für den Sohn

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Historische Aufnahme der Drogerie der Familie Castelli: Später wurde aus dem Familienbetrieb ein Fotogeschäft.

Dabei hatte Castelli senior eigentlich andere Pläne für seinen fotobegeisterten Sohn. Er sollte die Drogerie in der Breiten Straße 95 übernehmen. Nach einer Lehre als Fotograf in Hamburg stieg Wilhelm Castelli Junior 1927 zwar in das Geschäft ein - zusammen mit seinem jüngeren Bruder - aber er wandelte die Drogerie nach und nach in ein Fotogeschäft um. "Das hing auch damit zusammen, dass der Amateurbereich damals sehr stark im Kommen war. Es gab Entwicklungen, neue Kameras wie Kleinbildkameras. Und damit war es auch für die breite Masse möglich, selbst Fotos zu machen. Da waren dann Drogerien diejenigen, die das Material zur Verfügung stellten und Abzüge auch herstellten. Genau in diese Sparte ist Castelli dann reingegangen", berichtet Kunsthistoriker Albrecht. Und das Geschäft brummte. Castelli war ein bekannter Name in Lübeck. Die Familie war gesellschaftlich angesehen. Wilhelm Castelli - inzwischen verheiratet - engagierte sich in der Stadt, unter anderem in der Overbeck-Gesellschaft. Ein Verein von Kunstfreunden in Lübeck, den es noch heute gibt.

Der Klingenberg in Lübeck. © NDR Foto: Katrin Bohlmann Eine historische Aufnahme vom Klingenberg in Lübeck. © Fotoarchiv Lübeck

Der Klingenberg heute und um 1880. Den Brunnen gibt es nicht mehr. Interessant: Rechts auf dem alten Foto das Hotel "Stadt Hamburg" mit den beiden Löwen am Eingang - heute stehen genau diese Löwen am Holstentor. Im Hintergrund: der Dom zu Lübeck.

Britische Bomber zerstören Geschäft

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Mit einem eigenen Logo wirbt Castelli in Werbeanzeigen für sein Fotogeschäft.

Neben Haushalts- und Toilettenartikeln wurde die Fotoabteilung zum wichtigsten Standbein der Castellis. Fotoapparate, Objektive, Stative und Filme verkaufte er. In der hauseigenen Dunkelkammer entwickelte er die Bilder seiner Kunden. Und der pfiffige Kaufmann Castelli Junior wusste schon damals, was modernes Marketing ist: Kurze, knackige Sprüche sollten die Kundschaft anlocken. Wie: "Deine Fotosachen - lass' bei Castelli machen" 1929 entwickelte Castelli auch ein Logo: Einen Kreis, in dem ein Fotograf leicht gebückt fotografiert. Dieses Logo ließ er auf Werbeprospekte, Anzeigen und Briefpapier drucken.

Doch dann zerstören britische Bomber im Zweiten Weltkrieg Castellis Geschäft - in der Palmarum-Nacht 1942. Auch Castellis wertvolles Negativarchiv wird vernichtet.

Die Aegidienstraße in Lübeck. © NDR Foto: Katrin Bohlmann Eine historische Aufnahme der Aegidienstrasse in Lübeck um 1938. © Fotoarchiv Lübeck

Blick auf die Aegidienstraße und die Aegidienkirche: Noch ein Bild von Castelli aus dem Jahr 1938. Das Haus ist noch heute ein beliebtes Motiv bei Touristen. Bäume standen schon früher einmal dort, für einige Zeit gab es keine.

Fotografieren wird zum Familienausflug

Aber Castelli gab nicht auf. Nach dem Krieg mietete er ein paar Häuser weiter - gegenüber des Rathauses - in der Breiten Straße 81 neue Geschäftsräume. Vier Filialen entstanden im Laufe der Jahre.

Und nebenbei zog Castelli los und machte neue Aufnahmen von Lübeck. Seine Frau Ilse und die beiden Kinder Bettina und Wilhelm Junior halfen ihm dabei. "Er war ein Familienmensch. Seine Familie musste immer mit. Seine Frau hat ihn stark unterstützt und seine Kinder mussten teilweise die Sachen mitschleppen. Oft war das Fotografieren ein Familienausflug", erzählt Kunsthistoriker Albrecht.

Die Breite Straße in Lübeck. © NDR Foto: Katrin Bohlmann Eine historische Aufnahme vom Castellihaus in der breiten Straße in Lübeck. © Fotoarchiv Lübeck

Breite Straße 95 - heute und um 1960. Hier war die Castelli-Drogerie von 1900 bis 1942 zu Hause. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Geschäft beim Bombenangriff der Briten in der Palmarum-Nacht zerstört. Castelli mietete nach dem Krieg neue Geschäftsräume in der Breiten Straße 81 gegenüber vom Lübecker Rathaus.

Castellis Erbe lebt weiter

Was damals Wilhelm Castelli war, ist heute der Lübecker Fotograf Thomas Radbruch. Er fühlt sich als Nachfolger des großen Meisters. Auch seine Fotos stehen für Lübeck - auf Postkarten, Kalendern und in Foto-Büchern. Als junger Mann hat der heute 72-jährige Castelli getroffen, zusammen mit seinem Opa Ferdinand. "Einmal haben wir uns in einem alten Fotoladen in der Burgstraße gesehen. Mein Opa und Castelli haben gefachsimpelt und ich habe zugehört", erinnert sich Radbruch. Bei einer weiteren Begegnung in einem Café fragte Radbruch Castelli Löcher in den Bauch. Trotzdem die Technik heute komplett anders ist: Castelli blieb ein Vorbild für Radbruch. "Er war schon ein überragender Fotograf."

Castellis Bilder sind die Essenz des Lübecker Fotoarchivs

Heute kennt kaum noch ein Lübecker Castelli. Das Geschäft in der Breiten Straße wurde 1970 geschlossen. Seine Kinder wollten es nicht übernehmen. Der Fotograf konnte seine Leidenschaft für die Fotografie nicht weitervermitteln. Castelli löste sein Fotolabor auf, und beendete damit seine professionelle fotografische Tätigkeit.

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Castelli und seine Frau Ilse: Die Familie begleitete den Lübecker bei seinen Fotosafaris durch die Hansestadt.

Privat fotografierte er weiter und spezialisierte sich auf Bäume. Castelli verkaufte sein seit 1947 aufgebautes Fotoarchiv an seine Heimatstadt. Wehmütig sei er deswegen nicht gewesen, vermutet Thorsten Albrecht. "Er war da ganz pragmatisch. Die aktive Foto-Phase war jetzt abgeschlossen - seine Bilder aber leben weiter." Die Rechte dazu liegen damit bis heute bei der Hansestadt.

Die Castelli-Fotos bilden die Grundlage des historischen Bildarchivs der Stadt Lübeck. Schaut man sich diesen Schatz an, taucht man ein in die Vergangenheit und blickt anschließend ganz anders auf das Lübeck von heute. 1984 starb Wilhelm Castelli mit 83 Jahren. Der Name Castelli bleibt dennoch in Lübeck. Dank der vielen alten Bilder und Postkarten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 08.04.2018 | 13:35 Uhr

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