Pascal und Sarah Willms schauen in die Kamera. © NDR Foto: Frauke Hain

Wenn ein kleines Herz aufhört zu schlagen

Stand: 24.03.2021 20:02 Uhr

Manchmal liegen Schwangerschaft, Glück, Geburt, Trauer und Abschied nah beieinander - so wie bei Sarah und Pascal Willms. Sie haben ihr Baby verloren. Die Trauer sitzt tief und lässt sich schwer teilen: Wer nicht betroffen ist, kann den Schmerz oft kaum nachvollziehen.

von Frauke Hain

Freja. So haben Sarah und Pascal Willms ihre kleine Tochter genannt. Gelebt hat sie nur vier Stunden. Zur Welt gekommen ist sie am Ende der 24. Schwangerschaftswoche. Auf der Beerdigung versucht die Mutter, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Sie liest vor aus einem Brief an ihre Tochter:

"In den letzten Monaten hast du mein Leben durcheinander gewürfelt. So viele Gefühle, zu denen es immer ein Gegenstück gab und die sich immer wieder abgewechselt haben. Freude und Trauer. Hoffnung und Verzweiflung. Mut und Angst. Aber da war ein Gefühl, das anders war. Dieses Gefühl war von Anfang an da und wurde nie abgelöst: die Liebe." Sarah Willms: Brief an meine kleine Freja

Es ist knapp zwei Jahre her, dass Sarah und Pascal Willms aus Sieverstedt (Kreis Schleswig-Flensburg) ihre Tochter verloren haben. Der 29-jährigen Erzieherin kommt es vor wie vorgestern. "Ich begreife immer noch nicht diese Endgültigkeit. Ich kann das immer noch nicht begreifen - dass sie einfach nicht da ist. Manchmal denke ich an sie und dann fühlt sich das an, als wäre sie gar nicht weg. Und dann fällt es einem wieder ein - dass sie nicht wiederkommt und dann haut einen das voll um", erzählt sie mit Tränen in der Stimme. Das Paar hat gelernt, mit der Trauer und dem Schmerz zu leben.

Sechs Engel aus Stein stehen auf einer Tischplatte. © Pascal Willms Foto: Pascal Willms
AUDIO: Das Tabuthema Fehlgeburten (3 Min)

Familientherapeutin Heinen: "Trauer ist der Weg zur Heilung"

Dabei geholfen hat Elke Heinen vom Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister Schleswig-Holstein aus Schleswig. Die Familientherapeutin hilft Paaren bei der Trauerbewältigung. "Trauer ist der Weg zu Heilung. Wer so etwas dramatisches erlebt, so einen gravierenden Verlust, dann muss das irgendwie im Leben seinen Platz finden können. Und Trauer ist das Instrument, was unsere Seele zur Verfügung hat, mit diesem Verlust umzugehen. Manchmal kommen Eltern, die ihr Kind im ersten Drittel der Schwangerschaft verloren haben", erklärt Heinen. Es spiele keine Rolle, ob eine Frau im frühen Stadium der Schwangerschaft ihr Kind verliert oder erst sehr viel später. Heinen erlebt, dass werdende Eltern heutzutage viel früher eine enge Bindung zu ihrem Baby aufbauen. Ein Drittel aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt, die meisten davon in den ersten drei Monaten.

Informationen und Hilfe für verwaiste Eltern

Unterstützung und Hilfe finden Betroffene in Schleswig-Holstein beim Verein Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister. Er vermittelt Selbsthilfegruppen und Kontakt in den Regionen.

http://www.vesh.de/
Telefon (04621) 952 60 70

Angst, Überforderung und Wut

Als Sarah Willms ihrem Mann an Weihnachten 2018 von der Schwangerschaft erzählt, hat das Paar bereits einen Sohn. Die Freude auf das zweite Kind ist riesig. Im Sommer soll es zur Welt kommen. In der 13. Schwangerschaftswoche setzen bei Sarah Willms zum ersten Mal Blutungen ein, die sie durch die ganze Schwangerschaft begleiten.

"Irgendwann hat man sich nicht mehr darüber erschrocken - es war normal, dass die ganze Zeit Blut kam. Nur wenn es zu viel wurde, ist man ins Krankenhaus gefahren, um zu gucken, ob sie überhaupt noch lebt", erzählt sie. "Ich hab so viel gefühlt: Angst. Ich war überfordert und ich war wütend, weil ich nicht wusste - warum. Und keiner konnte uns sagen, was los ist. Das Schlimmste war, nicht zu wissen, ob es ihr gut geht, weil ich noch keine Kindsbewegungen hatte - das war wahnsinnig belastend."

Auch für den werdenden Vater Pascal Willms ist es eine schwere Zeit. "Ich habe funktioniert, habe mich um den Großen gekümmert und zu Hause alles am Laufen gehalten. Ich konnte nicht viel nachdenken", erzählt der 33-jährige Soldat.

Zwischen Hoffen und Bangen

Dass die Schwangerschaft alles andere als normal verläuft, ist den beiden bewusst. Sie haben im Hinterkopf, dass sie ihr Baby verlieren könnten, erzählen sie. "Aber wir haben immer gedacht, wir schaffen das", sagt Sarah Willms. In der 19. Schwangerschaftswoche platzt die Fruchtblase - viel zu früh. Die Ärzte raten, die Geburt einzuleiten. Die werdenden Eltern lehnen ab. "Das Ziel war, zur 25. Woche zu kommen, weil man dann die Lungenreifespritze geben kann", erklärt Sarah Willms. Durch das fehlende Fruchtwasser ist die Lunge nicht gut ausgebildet. In der 24. Schwangerschaftswoche setzen bei Sarah Willms aber die Wehen ein. Am Dienstag nach Ostern 2019 um kurz nach 16 Uhr kommt Freja zur Welt. Als die Ärzte sie erst wegbringen und dann mit ihr zurückkommen, weiß das Paar, dass die kleine Tochter nicht leben wird. Die Zeit des Kennenlernen und Verabschieden ist nur kurz. Und Sarah Willms hat bei der Geburt so viel Blut verloren, dass sie notoperiert werden muss.

Frau und Mann erleben unterschiedlich

"Ich saß dann da alleine - ganz alleine - mit Freja auf meiner Brust. Ich hatte dann auch Angst um Sarah, weil sie so viel Blut verloren hatte, dass ich nicht wusste - was passiert jetzt. Ich will nicht meine Tochter und meine Frau verlieren", erinnert sich Pascal Willms an zwei Stunden voller Ungewissheit. Während er erzählt, bricht seine Stimme. "Irgendwann hat sie meinen Finger festgehalten. Diese ganz kleine Hand hat meinen Finger gehalten. Sie hat mir viel Kraft gegeben, in der Zeit, wo ich da alleine war."

Die Mutter erinnert sich so: "Ich hab in dem Moment überhaupt nicht an mich gedacht. Ich habe nur gedacht - jetzt schiebt ihr mich weg von meinem Kind. Ich wäre lieber verblutet und hätte noch mit ihr da so gelegen, um die Zeit mit ihr zu haben." Als sie aus dem OP kommt, bleiben ihr knapp zwei Stunden mit ihrer Tochter, bevor sie stirbt. Beide haben den Verlust ihres Kindes anders erlebt.

Der Perspektivwechsel ist schwierig

In der Trauergruppe lernen Paare, dass das individuell Erlebte einen Unterschied für den Verarbeitungsprozess ausmacht. "Wenn die Paare verstehen, dass sie etwas unterschiedliches erlebt haben, dann entsteht ein großes Verständnis füreinander. Den Perspektivwechsel bekommen die allermeisten von alleine nicht hin", sagt Elke Heinen. Außerdem trauere jeder Mensch anders. Sarah und Pascal Willms hilft es, viel über den Tod von Freja zu sprechen. "Und wir haben viel zusammen geweint, wenn wir über sie gesprochen haben", erzählt Pascal Willms.

Eltern müssen sich um die Beerdigung kümmern

Der 33-jährige Vater kümmert sich um den Papierkram - und organisiert die Beerdigung. "Ich habe nur funktioniert", erzählt er. "Wo alles durch war, dann kam der Punkt, wo die Dämme gebrochen sind und diese Trauer ein bisschen mehr hoch kam." Früher konnten verlorene Kinder, egal in welcher Schwangerschaftswoche, nicht beerdigt werden. Sie wurden im Klinikmüll entsorgt. Mittlerweile sind Eltern in Schleswig-Holstein sogar dazu verpflichtet, ihr Kind zu bestatten, wenn es erst nach der Geburt verstirbt - oder wenn es tot geboren wird und mehr als 500 Gramm wiegt. Elke Heinen hat einen Leitfaden geschrieben, der den Eltern, die die Beisetzung selbst organisieren müssen, in den schweren Stunden einen Überblick geben soll. Betroffene finden Unterstützung und Hilfe bei Seelsorgern und in Trauergruppen.

Trauer und Schmerz verändern sich

"Gerade als das passiert war, hatte ich das Gefühl, dass ich so traurig bin, dass ich selbst sterben könnte vor Traurigkeit. Jetzt bin ich natürlich immer noch tottraurig - aber es ist irgendwie anders", erzählt Sarah Willms. Und sie versucht ihr Gefühl zu beschreiben: "Es ist, als wäre da eine Hülle drumherum oder alles irgendwie dumpfer. Man stumpft ab und lernt irgendwie damit zu leben." Jetzt gehört die Trauer zum Alltag dazu. "Ich habe auch das Gefühl, dass ich nie einhundert Prozent glücklich sein kann. Sondern dass 99 Prozent glücklich sein, jetzt meine neuen 100 Prozent sind. Weil dieses eine Prozent wird nicht wiederkommen."

Ein kreisrunder Metallkerzenständer, in dem in einem Kreis Teelichter brennen. © Pascal Willms Foto: Pascal Willms
Pascal Willms hat im Auslandseinsatz in Afghanistian in einer Kapelle sechs Kerzen angezündet: für die verstorbenen Kinder der Eltern aus der Trauergruppe.

Sie denkt täglich an ihre Tochter. Ihrem Mann geht es anders, er denkt nicht jeden Tag an sie. "Für mich ist ein Gefühl entstanden, dass Freja Platz gemacht hat für Matti, unseren Jüngsten. Also ein Teil von ihr lebt in Matti weiter. Das sehe ich auch, wenn ich ihn strahlen sehe. Und das hat mir viel geholfen", erzählt Pascal Willms.

Mit der Zeit verändern sich Trauer und Schmerz

Elke Heinen erklärt: "Man kann die Trauer nicht umgehen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, um die Seele wieder zur Ruhe kommen lassen zu können. Und es kann nicht beschleunigt werden, es braucht seine Zeit." Es ist individuell wie Menschen damit umgehen. Im Laufe der Zeit verändern sich Trauer und Schmerz. "Es ist wichtig für die Eltern, dass sie einen Raum haben, in dem sie sich austauschen können über das was sie erlebt haben", sagt Heinen. Diesen Raum kann eine Trauergruppe geben. Den Eltern macht Elke Heinen bewusst, dass das verlorene Kind seinen Platz im Leben der Eltern behalten kann und soll - auch wenn es tot ist. "Auch mit schönen Erinnerungen - mit dem was zwischen dem Paar passiert ist, mit all der Liebe und all der Hoffnung, dass das Positive erhalten bleibt."

Totes Kind hat Platz im Leben der Eltern

"So wie ich dich für kurze Zeit voller Liebe unter meinem Herzen trug, trage ich dich jetzt für immer voller Liebe in meinem Herzen. Und ich weiß, dass dein Licht immer für mich leuchten wird. Mama" Sarah Willms: Brief an meine kleine Freja

Freja hat ihren Platz im Leben von Familie Willms. Sarah Willms freut sich, wenn Menschen sich trauen, sie auf ihr Schicksal anzusprechen. Und wenn Pascal Willms gefragt wird, wie viele Kinder er hat, dann sagt er: drei - zwei Jungs und eine Tochter, aber die lebt nicht mehr. Für das Paar steht schnell fest, dass es sich noch ein Kind wünscht. Kurz nach Frejas Tod wird Sarah Willms wieder schwanger. Im Februar 2020 wird Matti geboren. Wenn die vier zusammen auf den Friedhof gehen, legen sie Freja Plätzchen aufs Grab. Die beiden Jungs wissen, dass sie eine Schwester haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 24.03.2021 | 20:05 Uhr

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