Stand: 22.12.2018 08:00 Uhr

Wendepunkt: 25 Jahre Opfer-Hilfe in Elmshorn

von Marie Meyer

Wenn Kinder und Jugendliche Gewalt erleben oder Opfer sexuellen Missbrauchs werden, dann ist für sie und ihre Angehörigen vor allem die Aufarbeitung der Geschehnisse sowie Beratung und Betreuung wichtig. Eine Anlaufstelle haben Betroffene seit mittlerweile 25 Jahren beim Verein Wendepunkt e.V. in Elmshorn. Seit einem Vierteljahrhundert setzt sich der Verein in der Region für einen respektvollen und gewaltfreien Umgang in Erziehung, Partnerschaft und Sexualität ein. In den vergangenen Jahren haben sich die Mitarbeiter um mehr als 12.000 Fälle gekümmert, darunter ging es in 6.000 Fällen um sexuellen Missbrauch.

Anfangs war das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder noch ein Tabu

Es war 1990, als ein Fall von sexuellem Missbrauch in Elmshorn die Menschen erschütterte. Damals hatte sich ein Mann in einem Hochhaus am Ellerndamm an mehreren Kindern aus der Nachbarschaft vergangen. Die betroffenen Kinder hatten sich vor Scham und Angst zunächst nicht getraut, über ihre Erlebnisse zu sprechen. In der Gesellschaft war das Thema ein Tabu. Die vorherrschende Meinung war, die Kinder sollten das Erlebte möglichst schnell vergessen.

Doch nach dem Fall waren Eltern, Schulen und Kitas alarmiert und fragten sich, gibt es noch mehr Opfer? Deshalb gründete Ingrid Kohlschmitt aus Elmshorn zunächst eine Beratungsstelle für Betroffene und drei Jahre später den Verein Wendepunkt. Die Arbeit wird vom Land Schleswig-Holstein, vom Kreis Pinneberg, dem Hamburger Senat sowie einzelnen Städten und Gemeinden finanziert. Unterstützt wird der Verein außerdem durch Spenden von Stiftungen, Vereinen, Firmen und Privatpersonen.

Wendepunkt e.V. wächst und die Aufgaben werden vielfältiger

Das Ziel der Gründerin: Das Unaussprechliche besprechbar zu machen und Anlaufstelle zu sein. Doch nicht nur den Kindern soll geholfen werden, sondern auch den Eltern und pädagogischen Fachkräften. "Aufklärung und Schulung helfen im Umgang mit betroffenen Kindern und sind gleichzeitig entscheidend für die Prävention", sagt Kohlschmitt.

Im Laufe der Jahre kümmert sich der Verein auch um Kinder und Jugendliche, die andere Formen von Gewalt erlebt haben. Es werden Außenstellen in Quickborn und in Schenefeld gegründet. Mittlerweile ist der Wendepunkt auch in Steinburg, Neumünster und Hamburg tätig. 2013 baut der Verein gemeinsam mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Regiokliniken Elmshorn die Interdisziplinäre Trauma-Ambulanz auf.

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Neue Herausforderung: Täterarbeit und Männerberatung

Inzwischen kümmert sich Wendepunkt e.V. auch um jugendliche Täter. "Ein qualifiziertes psychosoziales Hilfsangebot ist der wirksamste Schutz gegen Rückfälle und ist damit gleichzeitig Opferschutz", sagt Geschäftsführerin Kohlschmitt. Außerdem bietet der Verein Gewaltpräventionen an Kitas und Schulen an. Was früher mit der sexuellen Gewalt gegen Kinder ein Tabuthema war, ist heute sexuelle oder häusliche Gewalt gegen Männer. "Das löst ähnliche Widerstände und Abwehrreaktionen wie damals aus.", erklärt Kohlschmitt. Deshalb gibt es seit dem vergangenen Jahr eine Beratung für gewaltbetroffene Männer.

Nach 25 Jahren verabschiedet sich Gründerin Ingrid Kohlschmitt

Das 25-jährige Jubiläum feiern die Mitarbeiter mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn nach 25 Jahren verlässt Gründerin und Geschäftsführerin Ingrid Kohlschmitt den Verein. "Es ist ein schwer Moment. Es fällt mir richtig schwer loszulassen, aber es ist an der Zeit Tschüss zu sagen", erzählt Ingrid Kohlschmitt nach ihrer Verabschiedung. Mehr als 100 Kollegen, ehemalige Kollegen, Vertreter aus Politik und Wirtschaft, Weggefährten und Förderer sind zur Abschiedsfeier nach Elmshorn gekommen.

Sie war das Herz und die Seele des Vereins, sagen Mitarbeiter. Den Wendepunkt ohne Ingrid Kohlschmitt, das kann sich noch niemand so richtig vorstellen. In die großen Fußstapfen tritt jetzt Dirk Jacobsen. Er wird zum Januar 2019 die Nachfolge als Geschäftsführer antreten. Er freut sich auf die Zukunft: "Ich gehe mit großem Respekt und gleichzeitig ganz viel Freude an diese neue Aufgabe." Dirk Jacobsen ist seit mehr als acht Jahren im Verein und war bisher Leiter des Fachbereichs Trauma, Beratung und Erziehungshilfen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.12.2018 | 08:00 Uhr

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