Eine Bilder-Collage zeigt vier Frauen: Anja Babbe-Wulff (oben links), Claudia Baldus (unten rechts), Friederike Kühn (oben rechts) und Katja Seevers (unten links). © NDR

Führungsfrauen aus SH: "Gemischte Teams führen besser"

Stand: 08.03.2021 13:06 Uhr

Frauen führen nur etwa 30 Prozent der Unternehmen im Land. Vier Frauen in leitenden Positionen überlegen, woran das liegt. NDR Schleswig-Holstein hat mit Unternehmensgründerin Katja Seevers, Versicherungschefin Anja Babbe-Wulf, Klinik-Direktorin Claudia Baldus und IHK-Präses Friederike Kühn gesprochen.

von Anne Passow

Ein Geschäftspartner will sich nicht auf einen Vertrag einlassen, weil er nicht mit einer Frau verhandeln will. Eine Frau muss sich vor einer rein männlich besetzten Auswahlkommission behaupten. Der Bankberater spricht nur mit der männlichen Begleitung über den Kredit - nicht mit der Kreditnehmerin. Eine Frau wird vor versammelter Mannschaft mit einer sexuellen Anspielung abgewertet. Auch im 21. Jahrhundert berichten schleswig-holsteinische Unternehmenschefinnen im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein noch von solchen Erlebnissen. Sie betonen aber auch, dass solche Vorkommnisse zur Ausnahme gehörten. "Es gibt noch einige, meist ältere Herren, die mit Frauen als Chefinnen ein Problem haben. Aber bei allen unter 50 Jahren ist das überhaupt kein Thema mehr", sagt Katja Seevers.

"Ich denke nicht in Geschlechterkategorien"

Die 49-Jährige ist Geschäftsführerin von Superseven, einem Unternehmen aus Börnsen (Kreis Herzogtum Lauenburg), das sich auf plastikfreie Verpackungen spezialisiert hat. Das Unternehmen mit heute etwa 15 Mitarbeitern gründete sie 2017 mit zwei Mitstreitern. Mann oder Frau in Führung, das sei überhaupt nicht wichtig, meint Seevers. "Ich mache das zu keinem Thema, ich denke nicht in Geschlechterkategorien, sondern in Menschen."

Etwa 30 Prozent der Unternehmen in SH in Frauenhand

Aber auch Seevers erlebt, dass Frauen in Führungspositionen auch in Schleswig-Holstein noch in der Minderheit sind. Die aktuellsten Zahlen dazu hat die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK) im Dezember 2018 zusammengestellt. Damals standen in knapp 30 Prozent der Unternehmen weibliche Chefs an der Spitze. Diese Zahlen decken sich in etwa mit aktuellen Bundesdaten. Deutschlandweit sind laut dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) nur 28 Prozent der mittleren und höheren Führungspositionen von Frauen besetzt.

Nach den Daten der VdU sind andere Länder beim Thema Frauen in Führung weiter. Vergleicht man den Frauenanteil in den Vorständen der führenden Unternehmen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden und den USA, landet Deutschland auf dem letzten Platz - mit gerade einmal 12,8 Prozent. Kein einziges Großunternehmen wird in Deutschland laut dem VdU von einer Frau geführt.

"Über den Tellerrand gucken"

Porträt von Friederike C. Kühn, Präsidentin der IHK Schleswig-Holstein und Präses der IHK zu Lübeck. © IHK zu Lübeck
Friederike Kühn ist Präses der IHK zu Lübeck und Geschäftsführerin ihrer Werbeagentur in Bargteheide.

Friederike Kühn, Präses der IHK zu Lübeck und Geschäftsführerin ihrer Werbeagentur in Bargteheide (Kreis Stormarn), will das ändern und mehr Frauen im Norden in Führung bringen. Sie sagt: "Gemischte Teams führen immer besser." Anja Babbe-Wulf, Landesdirektorin der Itzehoer Versicherungen, stimmt dem zu. Sie betont, sie habe dafür gesorgt, dass ihr Führungsteam zur Hälfte aus Frauen und zur Hälfte aus Männern bestehe. "Ich brauche beide. Frauen haben meist mehr Empathie. Sie können besser über den Tellerrand gucken, das große Ganze sehen. Sie schaffen es, ehrgeizig zu sein - und trotzdem den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen", sagt Babbe-Wulf.

IHK-Präses Kühn: Unternehmen tun unheimlich viel

Porträt von Anja Babbe-Wulf, der Landesdirektorin Ost der Itzehoer Versicherungen. © Anja Babbe-Wulf
Anja Babbe-Wulf ist Landesdirektorin der Itzehoer Versicherungen.

Laut dem VdU macht ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen Unternehmen erfolgreicher. Der Verband zitiert eine internationale Befragung von 12.000 Unternehmen in 70 Ländern. Diese zeige: Fast zwei Drittel der Unternehmen, die auf eine Geschlechterdurchmischung in der Firmenleitung setzen, konnten ihre Gewinne steigern. Das wissen anscheinend auch die Firmen in Schleswig-Holstein. "Die Unternehmen hier bei uns tun unheimlich viel, um mehr Frauen in die Führung zu bekommen", sagt IHK-Präses Kühn und erzählt: "Sie schicken Frauen zum Beispiel deutlich früher ins Ausland, damit sie damit durch sind, wenn die Familienplanung beginnt."

Firmen böten immer häufiger flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit zum Homeoffice an, damit Familie und Beruf besser vereint werden könnten. "Es gibt Coachings, es gibt Mentoren, die den Frauen zur Seite gestellt werden. Manchmal denke ich schon: Warum bekommen wir trotz der ganzen Dinge, die wir machen, nicht mehr Frauen in Führung ?", so Kühn.

Kommunizieren Frauen und Männer anders?

Woran liegt es? Verkaufen sich Frauen schlechter als Männer? "Bei Bewerbungen ist es erfahrungsgemäß so, dass Männer sich bewerben, wenn sie von zehn geforderten Punkten fünf können. Wenn Frauen neun können, zögern sie noch, weil sie eine Anforderung nicht erfüllen", berichtet Kühn.

Kommunizieren Frauen und Männer unterschiedlich? Anja Babbe-Wulf sagt: "Es gibt zwei unterschiedliche Kommunikationsmuster: die vertikale und die horizontale. Viele Männer neigen zur vertikalen Kommunikation, also der von oben nach unten. Viele Frauen kommunizieren eher horizontal, also auf Augenhöhe."

Beruf und Familie sind große Herausforderungen

Porträt von Professor Dr. med. Claudia Baldus. © UKSH Kiel
Claudia Baldus ist Direktorin der Klinik für Innere Medizin II Hämatologie und Onkologie am UKSH und Prodekanin der Medizinischen Fakultät der CAU.

Und sind Frauen eben doch die, die, wenn eine Familie da ist, zu Hause das Meiste stemmen? Fakt ist: Kommt Familie hinzu, wird es oft eng für Chefinnen. Das erlebt auch Claudia Baldus in ihrem Team. Die 48-Jährige ist Direktorin der Klinik für Innere Medizin II Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und Prodekanin der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Immer wieder würden sich Frauen mit Familie gegen eine Chefposition entscheiden. "Es ist einfach eine wahnsinnige Belastung, Klinikalltag, Forschung und Familie unter einen Hut zu bringen und alles auch noch gut zu machen", meint Baldus. Es sei absolut okay, wenn sich Frauen - oder auch Männer - für die Familie entschieden. "Aber man muss einfach überall grundsätzlich Strukturen schaffen, die es Frauen möglich machen, Chefin zu sein, auch wenn sie Familie haben."

"Es muss ein Umdenken stattfinden"

Was also muss geschehen, damit mehr Frauen im Norden in Führung kommen? Anja Babbe-Wulf meint: "Frauen, die Chefin werden wollen, müssen das auf jeden Fall sagen." Während Männer das eher täten, seien Frauen da häufig noch zögerlicher und würden auf ein Angebot warten.

Annalena Baerbock (Bild: NDR/Wolfgang Borrs) © NDR/Wolfgang Borrs Foto: Wolfgang Borrs
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Friederike Kühn meint, es müsse auch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden. Es gebe noch immer viel zu häufig die Situation, dass die Führungsfrau von ihrem Umfeld vermittelt bekäme, eine Karrierefrau und eine Rabenmutter zu sein. Wenn es keine Unterstützung von Partner gebe, wenn Nachbarn und Freunde die Karriereavancen kritisch sähen, "dann wird das auch nichts", sagt Kühn. Und: Wenn eine Frau in einem Unternehmen nicht weiterkommt, dann könne sie ihr Schicksal auch selbst in die Hand nehmen, meint sie weiter und berichtet: "Als ich mit Mitte 20 meine Werbeagentur gekauft hatte, saßen überall noch Männer in den Entscheidungsetagen. Im ersten Jahr hatte ich neun Wettbewebspräsentationen. Die habe ich alle verloren. Die Ideen daraus wurden dann allerdings von anderen Agenturen umgesetzt."

"Wir brauchen die Quote"

Porträt von Katja Seevers, CEO von SUPERSEVEN Gmbh. © SUPERSEVEN GmbH
Katja Seevers gründete 2017 mit zwei Mitstreitern das Unternehmen "Superseven" in Börnsen.

Katja Seevers von Superseven ist dafür, die Frauenquoute einzuführen, um über alle Branchen hinweg gemischte Führungsetagen hinzubekommen. In vielen Ländern und Branchen, sagt sie, gehöre es vor Geschäftsabschluss dazu, dass man zusammen ausgeht. "Und da gibt es vor allem männliche Themen: Es wird viel getrunken. Es wird vielleicht auch nachts noch eine Belustigung aufs Zimmer geschickt. Da stören Frauen. Frauen verbringen ihre Feierabende anders. Deshalb brauchen wir die Quote."

Claudia Baldus vom UKSH sieht die Quote kritisch. "Keine Frau will eine Quotenfrau sein. Wenn es Branchen gibt, die einen Frauenmangel in der Führung haben, dann sollte eine Frau bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt werden", meint sie. In Baldus Abteilung gebe es dieses Problem allerdings nicht. "Die Medizin ist sehr weiblich, ich würde schätzen, in meiner Abteilung gibt es 60 Prozent Frauen - auch in der Führung. Wir müssen schon eher auf unsere Männerquote aufpassen", sagt die Prodekanin.

"Alle nehmen Elternzeit"

Es scheint sich also etwas zu ändern. Stück für Stück. Genau wie Frauen im Job ausfielen, wenn Kinder kommen, seien es heute auch die Männer, berichtet Baldus. "Die nehmen alle Elternzeit." Als sie anfing in ihrem Fachgebiet, da war das noch anders. "Da waren alle Lehrstühle mit Männern besetzt", nennt sie ein Beispiel. Die Professorin war, gemeinsam mit einer Kollegin aus Halle, deutschlandweit die erste Frau, die einen Lehrstuhl für Innere Medizin mit Schwerpunkt für Hämatologie und Onkologie einnahm. Baldus erinnert sich an einen Chef, "bei dem haben alle gekuscht. Das wäre heute gar nicht mehr möglich. Das würden sich die Assistenzärzte gar nicht mehr gefallen lassen, Männer wie Frauen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.03.2021 | 10:00 Uhr

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