Stand: 14.06.2019 00:00 Uhr

Blutspenden: "Schwierig sind die Sommerferien"

Bild vergrößern
Prof. Dr. Jürgen Ringwald, Ärztlicher Direktor der Institute für Transfusionsmedizin in Lütjensee und Schleswig.

Der 14. Juni ist Weltblutspendetag. Blutspendedienste wie das Deutsche Rote Kreuz und Transfusionsmediziner werben an diesem Tag regelmäßig für mehr Bereitschaft zur Blutspende - vor allem bei jungen Menschen. Prof. Dr. Jürgen Ringwald leitet die Institute für Transfusionsmedizin des DRK-Blutspendedienstes Nord-Ost in Lütjensee und Schleswig. Im Interview mit NDR.de warnt er vor den Folgen des demografischen Wandels und möglichen Versorgungsengpässen.  

Herr Professor Ringwald, warum sind Blutspenden so wichtig?

Jürgen Ringwald: Weil es ohne Blutspenden in der modernen Medizin immer noch nicht geht. Man sagt, mit einer Blutspende kann man bis zu drei Leben retten.

Wozu werden Blutkonserven hauptsächlich benötigt?

Ringwald: Für Notoperationen oder Organtransplantationen. Aber der größte Teil der Blutpräparate geht an Patienten mit Krebserkrankungen. Bei Hochdosis-Chemotherapien und Stammzellentherapien kommt es zu Schädigungen des Knochenmarks, die man in Kauf nehmen muss, um den Patienten zu retten. Und diese Phase kann der Patient nur überstehen, wenn man ihm das gibt, was er selbst nicht bilden kann: rote Blutzellen und vor allem Blutplättchen. Gäbe es keine oder nicht genügend Blutkonserven, müssten solche Patienten sterben. Blut ist weiterhin nicht ersetzbar. Und es ist Standard auf der ganzen Welt, dass man freiwillig und unentgeltlich Blut für andere spendet.

Ist in Deutschland die Bereitschaft Blut zu spenden gestiegen oder gesunken?

Ringwald: Die Spendenfreudigkeit geht leider zurück. Die Zahl der Vollblutspenden, also der klassischen Spenden, bei denen jeweils 500 Milliliter Blut abgenommen werden, ist zwischen 2011 und 2018 von 5 Millionen auf 3,8 Millionen pro Jahr zurückgegangen.

In welcher Altersgruppe ist die Bereitschaft zu spenden ausgeprägter: bei jüngeren oder bei älteren Menschen?

Ringwald: Junge Menschen gewinnt man nicht so leicht und schnell zum Blutspenden, denn die meisten bewegen sich unter gesunden, fitten Menschen, die keinen Bezug dazu haben. Und die älteren Spender verlieren wir. Wir haben in Deutschland die Zulassung für die Blutspende zwar bis zum Erreichen des 73. Lebensjahres ausgeweitet, aber im Alter werden viele Menschen krank und fallen als Spender aus. In den Kliniken wird darauf schon reagiert. Man versucht sehr, sehr sparsam mit Bluttransfusionen umzugehen, weil man sich zunehmend dessen bewusst wird, wie schwierig es wird, die Versorgung angesichts des demografischen Wandels - weniger Spender, aber mehr Alte und Kranke - aufrechtzuerhalten.

Könnte es absehbar zu Versorgungsengpässen kommen?

Ringwald: Momentan wird der Bedarf an Fremdblut durch die Blutspendedienste in Deutschland noch zu hundert Prozent gedeckt. Kritisch wird es, wenn die sogenannten Babyboomer, also die Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen 1955 bis 1969, aus dem Spendenalter rausfallen und ins Patientenalter kommen. Was gut ist in Deutschland: Die Blutspendedienste arbeiten zusammen und helfen sich gegenseitig. Wenn es in Hamburg oder Schleswig-Holstein knapp wird mit Blutkonserven, können wir in Niedersachsen nachfragen oder auch in Bayern. So schaffen wir es, die Krankenhäuser auch in Krisenzeiten mit Blutkonserven zu versorgen.

Wann kommt es zu Engpässen?

Ringwald: Danach kann man seit mehr als 20 Jahren die Uhr stellen: Der Mai mit den vielen Feiertagen bis in den Juni hinein ist regelmäßig kritisch. Da machen wir oft an den Wochenenden zusätzliche Blutspendetermine, um genügend Blut zu bekommen. Schwierig sind auch Weihnachten, Ostern und die Sommerferien, wenn die Spender im Urlaub sind. Wobei da häufig auch in den Kliniken die vorhersehbaren Eingriffe zurückgefahren werden.

Videos
06:09
Visite

Bluttransfusionen: Wie Ärzte Risiken senken

Visite

Nach einer Bluttransfusion können lebensgefährliche Nebenwirkungen auftreten. Um das Risiko zu senken, sollen überflüssige Transfusionen vermieden werden. Video (06:09 min)

Blutspenden werden beim DRK nicht vergütet. Wird das so bleiben?

Ringwald: Geld darf nicht der Anreiz sein, dass jemand Blut spenden geht. Jedem muss klar sein, dass Patienten dahinterstecken, die ohne das Blut nicht überleben könnten, und dass das auch ganz schnell jemanden aus der eigenen Familie treffen könnte. Das ist dann häufig die Zeit des bösen Erwachens.

Was könnte man sonst für Anreize schaffen? In Tschechien gibt es Gutscheine für Massagen und Sauna, in Polen freie Tage.

Ringwald: Wir geben auch Gutscheine und kleine Geschenke, aber der Anreiz darf nicht zu groß sein. Regelmäßige Spender haben natürlich auch einen gesundheitlichen Nutzen. Jeder Spender weiß, dass er keine gefährlichen Infektionskrankheiten hat, dass sein Blutdruck und sein Blutbild in Ordnung sind. Wir hier am Institut in Lütjensee bieten zum Beispiel jedem, der regelmäßig dreimal im Jahr kommt, eine Art Gesundheitscheck an mit ein paar zusätzlichen Laboruntersuchungen, etwa auf Cholesterin oder Harnsäure.

Welche Blutgruppen sind besonders gefragt?

Ringwald: Die wichtigste Blutgruppe des AB0-Systems ist die Blutgruppe 0. In dieser Gruppe bilden die Erythrozyten, also die roten Blutkörperchen, auf der Oberfläche keine Eiweiße, gegen die zum Beispiel bei einer Transfusion Antikörper gebildet werden könnten. Die Blutgruppe 0 ist für fast alle Menschen die Universalspende. Sie wird auch im Notfall gegeben, wenn man gar nicht genug Zeit hat zu überprüfen, welche Blutgruppe ein Patient hat. Deshalb sind die "Nuller" die begehrtesten und werden von uns zusätzlich ein-, zweimal im Jahr angeschrieben und um eine zusätzliche Spende gebeten.

Wie sicher sind Blutspenden?

Ringwald: Es ist wesentlich gefährlicher, mit dem Fahrrad durch eine Großstadt zu fahren als eine Blutspende zu leisten. Eine Blutentnahme von 500 Millilitern ist für einen Menschen mit gesundem Herz-Kreislauf-System ungefährlich. Auch die Sicherheit für die Empfänger ist seit dem Skandal um HIV-verseuchte Konserven Ende der 80er-Jahre enorm gestiegen, da ist im Rahmen des Transfusionsgesetzes viel Geld investiert worden. Die Methoden, mit denen wir heute in der DNA nach Viren suchen können, sind so ausgefeilt, dass das Risiko, durch eine Blutübertragung Hepatitis C oder HIV zu bekommen, auf 1:20 Millionen bis 1:40 Millionen zurückgegangen ist.

Wie schnell muss eine Vollblutspende verarbeitet werden?

Ringwald: Innerhalb von 24 Stunden. Kritisch ist diese Zeitspanne vor allem für das Blutplasma. Die Enzyme verlieren ihre Wirkung, wenn sie bei Raumtemperatur gelagert werden. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass Plasma innerhalb von 24 Stunden bei minus 30 Grad schockgefroren wird. Danach ist es zwei, drei Jahre haltbar. Die roten Blutkörperchen sind bei Kühlschranktemperatur bis zu 49 Tage haltbar. Wirklich kritisch sind die Blutplättchen, die Thrombozyten, die sind allerhöchstens fünf Tage lagerbar, weil sie bei Raumtemperatur gelagert werden müssen. Und die sind auch das Problem an langen Feiertagswochenenden, weil wir stetig Nachschub brauchen.

Was ist der kürzeste Weg zur Blutspende?

Ringwald: Auf der Website vom DRK-Blutspendedienst findet man die Anlaufstellen für die einzelnen Bundesländer. Es gibt auch eine bundesweite Hotline. Wichtig ist, dass man sich gesund fühlt, nicht gerade in Südostasien, Afrika oder Südamerika im Urlaub war und dass man seinen Personalausweis dabei hat. Ohne Identitätsnachweis wird niemand zur Blutspende zugelassen. Das gibt das Transfusionsgesetz vor. Dann gibt es eine Voruntersuchung und einen Fragebogen, außerdem muss ein Arzt sein Okay geben, dass gespendet werden darf.

Wie weit sind Forschungen zu Kunstblut?

Ringwald: Davon träumt man schon sehr lange, aber es ist schwierig. Es gibt zwar ein Enzympaar, das im Darm angesiedelt ist und Blut der Gruppe A in Blut der Gruppe 0 umwandeln kann. Aber es ist etwas anderes, Kleinstmengen im Labor zu züchten oder Kunstblut in Serie zu produzieren. Das wird sicher nicht in den nächsten zehn bis 20 Jahren passieren. Die Natur hat eben einiges geschaffen, was der Mensch nicht wirklich kopieren kann.

Das Interview führte Ines Bellinger

Weitere Informationen

Ratgeber: Das müssen Sie wissen

Viele Patienten sind auf eine Bluttransfusion angewiesen. Doch nur rund drei Prozent der Bevölkerung spenden Blut - Tendenz abnehmend. Fakten rund um die Blutspende. mehr

Weltblutspendertag: Spender aus MV geehrt

Zwei Blutspender aus Mecklenburg-Vorpommern sind am Freitag in Berlin ausgezeichnet worden. An dem Weltblutspendertag sollte auf die Bedeutung des Themas aufmerksam gemacht werden. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 14.06.2019 | 06:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:49
Schleswig-Holstein Magazin

Künftig Doppelspitze bei der SPD?

Schleswig-Holstein Magazin
02:37
Schleswig-Holstein Magazin
01:06
Schleswig-Holstein Magazin

Youth Sailing Champions League in Kiel

Schleswig-Holstein Magazin