Stand: 01.12.2019 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

HIV-positiv: Berührungsängste beim Zahnarzt

"Ich bin HIV-positiv. Ist das ein Problem?" Nicht in jeder Zahnarztpraxis wird diese Frage verneint. Obwohl keine besonderen Schutzmaßnahmen nötig sind.

Hildegard W. ruft in einer schleswig-holsteinischen Zahnarztpraxis an. Die 73-Jährige hat Herzklopfen. Im Gespräch mit der Sprechstundenhilfe spielt sie mit offenen Karten:  "Ich bin HIV-positiv. Ist das ein Problem?" Kein Problem, sagt die Mitarbeiterin der Arztpraxis am Telefon. Hildegard W. bekommt einen Termin am folgenden Tag - allerdings am Ende der Sprechstundenzeit. Die Patientin soll drei bis vier Stunden Wartezeit einplanen. Die Begründung: Der Behandlungsraum müsse extra für sie vorbereitet werden. 

Ungleichbehandlung HIV-positiver Patienten: Keine Seltenheit

Das sei ganz klar eine Diskriminierung, sagt Ute Krackow, Geschäftsführerin des Landesverbands der Aidshilfen in Schleswig-Holstein - und kein Einzelfall. Es komme immer wieder vor, dass HIV-positive Menschen in Zahnarztpraxen auf Ablehnung stoßen, Termine ans Ende der Sprechstundenzeit gelegt werden oder Patienten gar nicht behandelt werden. "Es gab gerade erst wieder einen Fall in Neumünster, wo ein Mann mit starken Zahnschmerzen von einem Bereitschaftszahnarzt weggeschickt wurde", sagt Krackow.

Aidshilfen: Zahnärzte nicht auf aktuellem medizinischen Stand

Hildegard W. ist schon froh, wenn sie am Telefon nicht grob abgewimmelt wird. Mit 50 Jahren hat sie von ihrer Infektion erfahren, angesteckt hatte sie sich bei ihrem damaligen Ehemann. Seitdem hat sie häufig erlebt, dass das Personal in Krankenhäusern und insbesondere in Zahnarztpraxen unsensibel auf ihre Erkrankung reagierte. "Zum Teil wurde gesagt: Wir können uns keine HIV-Patienten leisten, dann bleiben die anderen Patienten weg."

Diese Ängste seien völlig unbegründet, sagt Krackow. Insbesondere Patienten, die von ihrer HIV-Infektion wissen und in Behandlung sind, könnten andere in Zahnarztpraxen nicht mehr anstecken. Die Medikamente unterdrückten die Viren so stark, dass sie gar nicht mehr nachweisbar seien. Zahnärzte seien allerdings noch auf dem wissenschaftlichen Stand der 80er- und 90er-Jahre, so Krackow.

Bundeszahnärztekammer: Keine besonderen Maßnahmen für HIV-Patienten nötig

Das Robert Koch-Institut schätzt, dass sich im vergangenen Jahr etwa 50 Schleswig-Holsteiner mit dem HI-Virus angesteckt haben. Selbst diejenigen, die von ihrer Infektion nichts wissen, deren Viruslast also noch nicht durch Medikamente unterdrückt ist, seien keine Gefahr für Zahnärzte, Mitarbeiter oder andere Patienten, so die Bundesärztekammer.

Bild vergrößern
Für den Lübecker Zahnarzt Hinrich Raecke ist der HIV-Status von Patienten unerheblich.

Die Kammer bestätigt, dass es in einigen Zahnarztpraxen Unsicherheiten im Umgang mit HIV-Patienten gebe. Gemeinsam mit der Deutschen Aidshilfe versucht die Ärztekammer, über den Umgang mit HIV aufzuklären - zum Beispiel darüber, dass für die Behandlung HIV-positiver Patienten keine zusätzlichen Hygiene- oder Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen.

Für den Lübecker Zahnarzt Hinrich Raecke spielt der HIV-Status seiner Patienten keine Rolle. "Handschuhe, Mundschutz, eine Brille, die Sterilisation der Instrumente und Desinfektion der Flächen - das reicht völlig aus." Für ihn macht es überhaupt keinen Sinn, Patienten nur zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Zimmern zu behandeln.

Das Ergebnis der Stichprobe: Viel Offenheit, teils auch Vorbehalte

Bild vergrößern
Seit mehr als 20 Jahren lebt Hildegard W. mit ihrer HIV-Infektion. Inzwischen ist sie Vorsitzende der Lübecker AIDS-Hilfe e.V. und berät auch andere Betroffene.

Auch Hildegard W. weiß um den aktuellen Stand der Forschung. Schließlich ist sie Vorsitzende der Lübecker AIDS-Hilfe e.V. und berät auch andere Betroffene. Sie hat schon vor einiger Zeit einen Zahnarzt gefunden, mit dem sie sehr zufrieden ist - eine Empfehlung einer ebenfalls HIV-positiven Freundin. Der heutige Anruf in der Zahnarztpraxis war einer von mehreren Testanrufen.

Das Ergebnis nach der Stichprobe: In drei Fällen wurde der Termin wegen der HIV-Diagnose ans Ende der Sprechstunde gelegt - in einem Fall wurde der Termin ohne klare Begründung auf einen anderen Tag verschoben. Zwölfmal gab es kein Problem mit dem HIV-Status der Patientin. Die Vorbehalte gab es sowohl in Praxen in größeren Städten wie auch auf dem Land.

Hoffnung auf mehr Entspanntheit mit dem Thema HIV

Das Fazit der HIV-positiven Rentnerin: Sie hat den Eindruck, dass Zahnärzte und Sprechstundenhilfen heutzutage offener für HIV-Patienten sind - und auch besser informiert als noch vor ein paar Jahren: "Das hat sich total verändert, das finde ich gut." Krackow vom Landesverband der Aidshilfen wünscht sich, dass mehr und mehr Ärzte begreifen, dass sie HIV-positive Patienten behandeln können wie alle anderen: "Ich hoffe, dass mehr junge, informierte Ärzte nachwachsen, die entspannter mit dem Thema umgehen können."

Weitere Informationen

Trotz HIV: Polizei darf Bewerber nicht ablehnen

18.07.2019 18:00 Uhr

Kann ein HIV-Infizierter als Polizist arbeiten? Ja, sagt das Verwaltungsgericht Hannover. Die Polizeiakademie muss eine zuvor abgelehnte Bewerbung eines 29-Jährigen erneut prüfen. mehr

HIV-infizierte Mitarbeiter: 50 Firmen appellieren

12.06.2019 18:00 Uhr

Es ist ein Aufruf zu Respekt und Selbstverständlichkeit im Arbeitsalltag gegenüber HIV-positiven Menschen: Mehr als 50 Unternehmen, Verbände und Organisationen haben eine Deklaration unterzeichnet. mehr

HIV und AIDS: Mehr Infektionen bei Älteren

27.11.2018 20:15 Uhr

Die Zahl der HIV-Infektionen bei Älteren nimmt zu. Den Ausbruch der Immunschwäche-Krankheit AIDS kann eine frühzeitige Therapie verhindern. Ein HIV-Test bringt Gewissheit. mehr

Deutsche Aids-Hilfe warnt vor Neuinfektionen

23.07.2018 06:20 Uhr

Die Zahl der Aids-Neuinfektionen ist in mehreren Ländern wieder gestiegen. Das sagte Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe auf NDR Info. Grund sei eine unzureichende Prävention. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 01.12.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

05:05
Schleswig-Holstein Magazin
01:22
Schleswig-Holstein Magazin