Stand: 22.12.2019 06:00 Uhr

Weihnachten hinter dicken Gefängnismauern

von Maja Bahtijarevic

Der Inhaftierte "Felix Wagner" steht in der JVA Neumünster neben einem Weihnachtsbaum und schaut Richtung Fenster. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
Nur ein geschmückter Tannenbaum bringt etwas weihnachtliche Atmosphäre in den Besuchsraum des Gefängnisses.

Weihnachten in der Justizvollzugsanstalt Neumünster zeigt sich als geschmückter Christbaum im Besuchsraum des Gefängnisses. In den roten Kugeln spiegelt sich die Lichterkette, am unteren Nadelsaum steht eine kleine Krippe aus Holz auf dem Boden. "Im Hafthaus gibt es auch noch ein paar Lampen als Schmuck - aber sonst nichts", sagt ein 24-jähriger Mann mit kurzen blonden Haaren, den wir hier Felix Wagner nennen - zum Schutz seiner Persönlichkeitsrechte.

Und noch etwas lässt auf Weihnachten schließen: Auf dem Speiseplan für den 24. Dezember steht Hähnchenkeule mit Rotkohl - etwas Besonders. Die essen die Insassen im Kreise ihrer Haftkollegen. Ohne Familie. Das ist, was den Inhaftierten wohl am meisten an die Nieren geht. "Mein Wunsch wäre, Heiligabend bei meiner Kleinen zu sein", verrät Wagner.

Heiligabend: Fernsehen gucken in der Zelle

Der Alltag der Gefangenen folgt einer klaren Struktur. Jeder Tag hinter den dicken Mauern mit Klingendraht ist auf die Minute genau getaktet: Aufstehen, Essen, Arbeit - alles hat seine bestimmte Zeit. Daran ändere auch Weihnachten nicht viel, sagt der junge Mann. "Man sitzt in seiner Zelle und guckt einfach Fernsehen", sagt Wagner den Tagesablauf von Heiligabend vorher. Die Gefangenen haben einen allgemeinen Anspruch auf vier Stunden Besuch im Monat plus zwei Stunden extra für Kinderbesuch. Die Zeiten dafür sind an bestimmten Wochentagen festgelegt, allerdings nicht dienstags. Heiligabend ist eine Ausnahme, die gesamte Monatsbesuchszeit steigt dadurch aber nicht.

Wagner erwartet nicht, dass jemand kommt. "In der Zeit, in der das Telefon geht, ruft man natürlich die Familie an, wünscht ihnen frohe Weihnachten." Am 24. und 26. Dezember gibt es einen Gottesdienst, die Telefonseelsorge ist für die Gefangenen rund um die Uhr erreichbar. Manche der Inhaftierten würden die wenige Freizeit gemeinsam verbringen wollen, vermutet Wagner. "Da setzt man sich lieber zusammen und backt ein paar Kekse, anstatt da irgendwie im Haftraum zu hängen und Depressionen zu schieben." Seit etwa Mitte Mai sei er hier, nachdem er auf der Flucht in Bayern verhaftet wurde, erzählt Wagner.

Besuche unterm ehemaligen Kirchengewölbe

"Felix Wagner" sitzt im Besucherraum der JVA Neumünster einsam an einem Tisch. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
Der Besuchsraum der JVA ist ungewöhnlich hoch und lichtdurchflutet, da er in der ehemaligen Kirche untergebracht ist.

Der Besuchsraum, in dem Wagner jetzt sitzt und Einblicke in sein Leben erlaubt, ist ein ungewöhnlich hoher Raum mit großen Fenstern. Die Sonne wirft lange Lichtkegel auf den Holzfußboden, der in einem früheren Leben Gläubige statt Gefangene trug: Bevor die JVA Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet wurde, war das Haus eine Kirche. Unter dem denkmalgeschützen schlichten Gewölbe hat Wagner an einem kleinen Tisch Platz genommen. "So Kleinsachen" fasst er das zusammen, was ihn ins Gefängnis gebracht hat. Das Lächeln eines Ertappten huscht über sein Gesicht, als wisse er genau, dass er damit maßlos untertreibt. "Bewährungswiderruf und Raubüberfall", beichtet er. "Ich hatte zwei Strafen - einmal eine neunmonatige Reststrafe und ein Jahr und zwei Monate Erwachsenenstrafe."

Paragraf 35: Therapie statt Haft

Wenn alles gut laufe, käme er Mitte Februar aus der Haft, sagt Wagner. "Therapie statt Haft: Das ist, wenn man draußen viel mit Drogen zu tun hatte - viel konsumiert hat, oder auch Straftaten deswegen begangen hat. Oder auf Drogen Straftaten begangen hat", erklärt er. "Dann kann man sozusagen den Paragraf 35 beantragen". Sein Antrag wurde bewilligt: Statt länger im Gefängnis zu bleiben, bekommt er eine Therapie und danach noch Bewährung.

"Und dann heißt es: Sich entweder benehmen - oder man fährt halt wieder ein." Das vergangene Mal schaffte Wagner es nicht, sich zu bewähren. "Die ersten zwei Mal, da war ich ja noch jünger, da hat mich das nicht ganz so interessiert, was ich so gemacht hab," schließt er aus seiner Erfahrung. "Aber seitdem ich meine Kleine hab - und ihr Geburtstag war ja auch jetzt erst im Oktober, und dann noch Weihnachten…", sagt er und fügt an: "Dann denkt man schon mehr darüber nach."

Nur mit wenigen über Gefühle sprechen

Der JVA-Häftling "Felix Wagner" sitzt Richtung Kirchenwand blickend an einem Tisch im Besucherraum. © NDR Foto: Maja Bahtijarevic
Über private Themen spricht Felix nur mit sehr wenigen Menschen. Obwohl im Gefängnis manchmal auch Freundschaften entstehen.

Zwischen den Gefangenen entwickle sich hinter den Mauern der JVA auch Zusammenhalt, sagt Wagner, manchmal auch Freundschaften. Sein Privatleben teile er aber nur mit wenigen. "Ich öffne mich nicht vielen Menschen gegenüber", verrät er, "und deswegen ist das bei mir in ganz kleinen Kreisen, wo ich über Familie oder so rede. Oder über Gefühle."

Die Sehnsucht nach seiner Tochter ist ein starkes Motiv

Weihnachten nicht bei seiner Familie sein zu können, sei verletzend, gibt Wagner zu, während er auf seine verschränkten Hände blickt. Er atmet tief ein. "Und ja: Man ist auch sauer auf sich selbst, weil man sich ja selbst in die Situation gebracht hat." Traurig sein bringe ihm aber nichts. "Ich meine, ist ja nicht meine erste Haft," sagt der junge Mann.

Dieses Mal sei es anders, die Sehnsucht nach seiner Tochter gebe ihm ein Motiv. "In anderthalb Monaten bin ich raus, ich bin nächstes Jahr zum Geburtstag da, ich bin zu Weihnachten da, ich bin zu Silvester da. Das bringt mir die Freude viel mehr, als traurig in der Zelle zu sitzen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein von 10 bis 2 | 24.12.2019 | 10:00 Uhr

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