Stand: 15.12.2019 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Weihnachten 8.500 Kilometer weg von zu Hause

von Maja Bahtijarević

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Das, was so viele Küchenschränke füllt, ist für Hanna und David neu: der Becher vom Weihnachtsmarkt als Souvenir.

Der Heider Weihnachtsmarkt ist ein Ort, an dem sich Besucher wohlfühlen können: Zwischen Punsch und "Alter Oma" - das ist Eierlikör mit Kakao - locken Mutzen und Crêpes, in der Mitte des Marktplatzes werfen Eisstockspieler um den Sieg, und die festlich geschmückten und beleuchteten Christbäume sorgen für Weihnachtsstimmung. Wäre da nur nicht dieser eisige Nordseewind, hier, nahe der Küste im Kreis Dithmarschen. "Mir ist kalt", sagt Lynn und lächelt verlegen, fast schüchtern. Trotz relativ milden sieben Grad jagt der Wind frostige Kälte in die Glieder. "Hier ist es immer kalt", erwidert Hanna ungerührt, während sie die Kapuze ihres Daunenmantels tiefer ins Gesicht zieht. An der sympathisch klingenden Aussprache hört man gleich, dass ihre Muttersprache eine ganz andere ist: Lynn und Hanna sind im September mit zehn Kommilitonen hergekommen, um an der Fachhochschule Westküste für ein Jahr Elektro- und Automatisierungstechnik mit Schwerpunkt Management zu studieren. Ihre Heimat liegt fast auf der anderen Seite der Welt, rund 8.500 Kilometer Luftlinie entfernt: im Osten Chinas. 

Weihnachten fern der Heimat

Regen aus allen Richtungen

Lynn und Hanna heißen eigentlich Chen Yilin und Hu Xiaohan. Für Europa haben sie sich aber die neuen Namen überlegt - welche, die für deutsche Ohren besser zu verstehen und fürs deutsche Gedächtnis besser zu merken sind. Unsere Sprache lernen die Studentinnen, beide Anfang 20, seit drei Jahren und versuchen hier, sich untereinander nur auf Deutsch zu unterhalten. "In Hangzhou sind es auch sieben Grad", nimmt Yang Lehao alias Georg das Thema wieder auf, jetzt aber im Schutz einer beheizten Punschhütte und einem Glas mit dampfendem Inhalt vor sich auf dem Tisch stehen. "In Hangzhou ist aber weniger Regen, und hier kommt der Regen aus allen Richtungen!" 

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Über die Kultur lernen

Seit 2013 besteht eine Kooperation der FH Westküste für Technik und Wirtschaft in Heide, der Fachhochschule Lübeck und Zhejiang University of Science and Technology. Sie ist die Basis für das Austauschprogramm, an dem die jungen Studenten teilnehmen. Bastian Lindenbauer von der Heider Hochschule betreut sie und erzählt von der deutschen Kultur - zum Beispiel beim Nikolaus-Kaffee einige Tage zuvor. "Da haben wir gelernt, wer Nikolaus überhaupt war und was es mit dem Brauch auf sich hat. Das fanden sie spannend."

Weihnachten in China: Kommerz statt Tradition

Lindenbauer selbst hat in China gelebt und dort studiert, kennt Sprache und Mentalität. "Weihnachten ist den Chinesen gar nicht fremd, aber eher aus kommerzieller Sicht", weiß Lindenbauer. Was er damit meint: Das Fest, das in der westlichen Welt wohl die wichtigste Rolle spielt, findet in Ostasien in der traditionellen Form fast gar nicht statt. China als sozialistische Volksrepublik gilt als atheistischer Staat, Christen bilden dort eine sehr kleine Minderheit.

Trotzdem sei Weihnachten ein wichtiges Thema, sagt David, der mit chinesischem Namen Wang Zhili heißt. "Manche Menschen stimmen dem zu, manche Menschen lehnen es ab", berichtet er. Es sei ein Tag, der sich von den anderen unterscheide, an dem man sich gegenseitig etwas schenkt oder mit Freunden essen geht. Es gebe sogar einen kleinen Weihnachtsmarkt in Shanghai. "Da sind aber fast nur Ausländer", sagt Georg. Dass jemand Einheimisches die Geschichte hinter Weihnachten kennt oder das Fest sogar feiert, das passiere sehr selten. Dennoch bewege Weihnachten die Gesellschaft. "Die wichtige Frage ist, ob es zu westlich ist", sagt David. Kaum überraschend für ein restriktives Staatssystem, das sich in vielem von der westlichen Welt abschottet und großen Wert auf eigene Traditionen und strikte Kontrolle legt.

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Über die Feiertage wollen die Studenten wegfahren - nach Prag und Finnland.
Wegfahren zu Weihnachten

Das Weihnachtsfest verbringen die chinesischen Studenten in Europa. Um nach Hause zu fliegen, reicht die Zeit nicht, und für einige ist es sowieso finanziell nicht drin - wenn auch die Sehnsucht nach Zuhause bei dem einen oder anderen zeitweise groß ist. "Letzten Monat hatte ich viel Heimweh, weil ich viel zu tun hatte und Stress an der FH war", verrät David. "Wir hatten viele Hausaufgaben, und da habe ich viel an meine Familie gedacht." Für die Feiertage haben sich die Studenten überlegt, wegzufahren - manche wollen nach Prag, andere nach Finnland. "Denen ist hier noch nicht kalt genug", scherzt Lynn und bringt die anderen zum Lachen. In Heide bleibt keiner, auch wenn sie Gefallen an dem kleinen Ort an der Westküste gefunden haben. "Hier sind nicht so viele Menschen auf der Straße, hier fühle ich mich sicher", sagt Hanna.

Das Konzept "Weihnachtsmarkt" gefällt

In China ist man andere Dimensionen gewohnt: Hangzhou, die Hauptstadt der Provinz, in der ihre Hochschule liegt, hat neun Millionen Einwohner - sechs davon im städtischen Bereich, erzählt Lindenbauer. Es ist sehr schwer, sich diese Größe vorzustellen, wenn man auf dem Heider Weihnachtsmarkt steht. Hanna ist davon allerdings sehr begeistert. "Ich finde es hier sehr schön", sagt sie, "hier gibt es junge und alte Menschen - das gibt es in China nicht." Dort sei das Angebot für die Älteren nicht so gut, sie seien oft ausgeschlossen. "Hier aber sind alle zusammen. Das gefällt mir sehr."

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Essen ist Gemeinschaftssache

Wenn es ums Essen geht, fällt gleich auf, dass dies für die Studenten eine sehr bedeutende Disziplin sein muss: Hat jemand etwas auf dem Teller, wird es ganz selbstverständlich mit jedem geteilt, und neue Dinge werden gerne probiert. Lindenberger lacht: "Ja, das ist ein ganz großes Ding in China. Da schiebt man sich den Teller gegenseitig zu, jeder isst von jedem." An das Essen der Mensa in Heide mussten sich die jungen Menschen erst gewöhnen: Ohne ihre heimischen Gewürze schmeckte für sie das ein oder andere sonderbar. Doch hier auf dem Weihnachtsmarkt sind sie sich einig: "Champignons mit Knoblauchsoße, das ist soooo gut!", ruft Hanna begeistert, mit weit aufgerissenen Augen.

Dithmarscher Grünkohl erinnert an Zuhause

Und wie sieht es mit einer Portion Grünkohl aus, der Dithmarscher Spezialität? Lindenbauer ist gespannt auf die Reaktion. "Das haben sie noch nicht probiert," sagt er, "mal gucken, was sie sagen. Ich vermute, es schmeckt ihnen." Und tatsächlich, der Grünkohl kommt sehr gut an. "Das ist echt lecker", sagt Sheng Yannan, die hier Mia heißt. "Das schmeckt wie unser "Suan Cai", nur anders als in China, wegen der Gewürze." So beschert Dithmarscher Grünkohl den chinesischen Studenten unverhofft ein bisschen Heimat.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.11.2019 | 08:00 Uhr

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