Stand: 28.12.2018 11:06 Uhr

Was Sie über Wölfe im Land wissen müssen

von Jörn Schaar

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Er polarisiert: Der Wolf ist zurück im Land.

Als im Frühjahr 2007 in Schleswig-Holstein erstmals seit 200 Jahren ein Wolf auftauchte, war die Begeisterung bei vielen Tierfreunden groß. Die Wölfe haben eine wichtige Funktion in der Natur: Sie reißen kranke Wildtiere, halten so Bestände gesund und verhindern Massenvermehrung. Mittlerweile werden immer öfter Wölfe gesichtet. Schafhalter beklagen immer wieder Verluste durch Wolfsrisse, auf der anderen Seite stehen die Wölfe, die vom Gesetzgeber geschützt werden. Die Schäfer sorgen sich um ihre Tiere und ihre Existenz und fordern notfalls den Abschuss von Wölfen, die Schafe reißen. Wolfsexperten halten diese Maßnahme dagegen für sinnlos. Binnen kürzester Zeit würden neue Tiere zuwandern, so Wolfsgutachter Jens Matzen.

Wie viele Wölfe gibt es in Schleswig-Holstein?

Aktuell gibt es laut Umweltministerium weder ein territoriales Rudel noch Paare, die sich in Schleswig-Holstein angesiedelt haben. Mindestens zwei Einzeltiere gelten aber als "resident", weil sie sich länger als sechs Monate in einer Region aufhalten. Für das Monitoring-Jahr 2018/19 steht schon jetzt fest, dass die Zahl der Risse und Sichtungen deutlich zugenommen hat. Das Monitoring-Jahr bezieht sich auf den Zeitraum 1. Mai bis 30. April - also auf das biologische Jahr eines Wolfes. Innerhalb dieser Zeit konnten Wissenschaftler durch genetische Untersuchungen fünf verschiedene Tiere im Land nachweisen. Das Land geht davon aus, dass sich weitere Wölfe im Land aufhalten, die noch nicht durch DNA-Analysen zweifelsfrei identifiziert werden konnten.

Sind Wölfe für Menschen gefährlich?

Wölfe sind große Raubtiere. Menschen sollten ihnen also mit Respekt begegnen. Für gewöhnlich gehen Wölfe von allein auf Abstand zu Menschen. Seitdem es wieder Wölfe in Deutschland gibt, ist noch kein Fall nachgewiesen worden, in denen ein Wolf einen Menschen bedroht oder angegriffen hat. Laut Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) sind selbst Personen, die das Wolfsmonitoring in Deutschland durchführen, sich also oft in Wolfsgebieten aufhalten, noch nie in bedrohliche Situationen mit Wölfen geraten. In den vergangenen rund 100 Jahren gab es europaweit nur einige wenige Fälle von Angriffen. Die waren aber auf Tollwut, Anfüttern oder Bedrohung durch den Menschen zurückzuführen.

Wie verhalte ich mich, wenn ich einem Wolf begegne?

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Es ist selten, aber kommt vor, dass ein Wolf durch eine Ortschaft läuft - wie hier in Norddeich (Kreis Dithmarschen) im September 2017.

Normalerweise machen Wölfe einen Bogen um Menschen, es ist aber schon mehrfach vorgekommen, dass Wölfe sich an Ortschaften annähern oder sie durchqueren. Das ist laut LLUR ein völlig normales Wildtierverhalten. Erst wenn sich ein Wolf mehrfach auf weniger als 30 Meter an einen Fußgänger annähert, ist das Verhalten als kritisch zu bezeichnen - mit Autos und Häusern können die Tiere nichts anfangen. Wenn man einem Wolf begegnet und er nicht von allein das Weite sucht, sollte man ruhig bleiben und rückwärts gehen, dabei laut sprechen. Wenn der Wolf dann nicht verschwindet: stehen bleiben, laut in die Hände klatschen und ihn anschreien. Wer einen Wolf an seiner Nahrung überrascht, sollte jede weitere Annäherung vermeiden und sich sofort zurückziehen. Keinesfalls sollten Wölfe gefüttert werden und in Gebieten, in denen Wölfe vorkommen, sollte man seinen Hund auch nicht ohne Leine laufen lassen.

Wölfe galten doch als ausgestorben. Warum sind sie wieder da?

Wölfe wurden früher verfolgt und ausgerottet, sodass Deutschland für rund 150 Jahre wolfsfrei war. Dann wurden Schutzmaßnahmen umgesetzt, um die Tiere vor dem Aussterben zu bewahren. Der Bestand erholte sich. Von Sachsen aus besiedelten die Wölfe auch andere Bundesländer. 2007 wurde erstmals wieder ein Wolf in Schleswig-Holstein nachgewiesen, seitdem gab es 117 eindeutige Nachweise und fünf bestätigte Hinweise auf Wölfe. (Stand 5. November 2018)

Naturschützer sind begeistert über die Rückkehr des Wolfs - warum?

Ein klares Meinungsbild lässt sich dazu nicht zeichnen. Es gibt Naturschützer, die den Wolf kritisch sehen, etwa auf Eiderstedt. Die Stiftung Naturschutz entwickelt gerade erst eine Haltung zum Wolf in Schleswig-Holstein. Für Heinz Klöser, Sprecher des Landesarbeitskreises Naturschutz des BUND, gehört der Wolf in unseren Lebensraum. Während etwa für Biber und Fischotter die Naturschützer einige Anstrengungen zur Wiederansiedlung unternommen haben, sei das beim Wolf nicht nötig gewesen, sagt Klöser. Es sei faszinierend, dass die Natur die Kraft hat, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, die der Mensch durcheinander gebracht habe, so Klöser. Für ihn kann der Wolf seinen Platz auch in einer Kulturlandschaft finden, wie wir sie heute haben. Klöser sieht Nutztierrisse dabei durchaus als Problem, verweist aber auf die Entschädigungen des Landes für die Tierhalter. Die seien nun in der Pflicht, ihre Tiere besser zu schützen, etwa indem sie sie nachts in Ställen gehalten werden oder sicher eingezäunt stehen. Eine Forderung nach wolfsfreien Zonen sei jedenfalls absurd, meint Klöser, denn das bedeute, ein ganzes Gebiet ringsherum wolfssicher einzuzäunen - und das sei kaum machbar.

Was sagen Landwirte und Tierhalter?

Die machen sich Sorgen um ihre Tiere. 150 Jahre lang konnten sie ohne Angst vor dem Wolf ihre Weiden bewirtschaften, jetzt müssen sie sich umstellen. Viele Schutzmaßnahmen, etwa auf der Halbinsel Eiderstedt im Kreis Nordfriesland, stehen nach Ansicht der Schäfer im Konflikt mit dem Wiesenvogelschutz. So dürfen manche Zäune auf Eiderstedt laut Schäfer Olaf Dirks gar nicht aufgebaut werden, weil die Schäfer sonst gegen bestehende Naturschutzverträge verstoßen würden. Schäfer in Dithmarschen stellen viele kleine Herden für wenige Tage auf Weiden, die die Tiere im Auftrag von Grünlandwirten im Herbst und Winter kurz halten sollen. Dort Zäune zu ziehen sei ein enorm hoher Zeitaufwand, der für die meisten schäfer nicht zu stemmen sei, heißt es.

Wovon leben die Wölfe?

Ein ausgewachsener Wolf braucht pro Tag etwa drei bis vier Kilo Fleisch. Normalerweise jagen sie Rotwild, Rehe oder Wildschweine. Wenn sie leicht herankommen, greifen sie auch gern Haustiere wie Schafe, Ziegen oder junge Kühe an. Sie durchstreifen auf der Suche nach Nahrung Reviere, die zwischen 150 und 330 Quadratkilometer groß sein können. Zum Vergleich: Kiel ist etwa 120 Quadratkilometer groß, Lübeck 214. Der kleinste Kreis in Schleswig-Holstein, Pinneberg, ist mehr als 660 Quadratkilometer groß.

Wie häufig greifen sie Nutztiere wie Schafe an?

Allein in 2018 gab es 60 bis 65 Nutztierrisse (Stand: 18. November). Im Jahr davor waren es Anfang November neun.

Warum reißen Wölfe häufig so viele Schafe?

Laut dem schleswig-holsteinischen Umweltministerium ist die Strategie des Wolfes normalerweise, einzelne Beutetiere von der Herde zu trennen, zu hetzen und schließlich zu erlegen. Das ist sehr anstrengend und so neigen die Wölfe auch dazu, leichte Beute machen zu wollen. Schafe können häufig nicht weit fliehen. Wird ein Schaf gerissen, laufen die anderen panisch auf der Weide herum. Dadurch wird beim Wolf immer wieder der Jagdinstinkt ausgelöst und es kommt bei einem Angriff zu mehreren verletzten oder getöteten Tieren.

Was können Tierhalter tun, um ihren Bestand zu schützen?

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In Brammer hat ein Schäfer 14 tote Tiere aufgefunden. Ob das ein Wolfsriss war, wird noch geklärt.

Die einfachste Möglichkeit besteht laut LLUR in einem hohen Zaun mit mehreren stromführenden Drähten. Ein Wolf, der einmal bemerkt habe, dass der Kontakt mit dem Zaun weh tut, gehe da nicht mehr ran, heißt es auch aus dem Umweltministerium. Schafhalter sehen das anders: Deren Hütehunde könnten so einen Zaun leicht überspringen, das sollte für den Wolf kein Problem sein, sagen sie. Außerdem dauere das Aufstellen der Zäune erheblich länger.

Was bringen Schutzzäune gegen den Wolf?

Der Wolf ist sehr lernfähig. Wenn er ein Hindernis wie einen Zaun entdeckt, sucht er nach einem Weg, ihn zu überwinden. Ein schmerzhafter Stromschlag führt laut Umweltministerium in der Regel dazu, dass der Wolf sich von Zäunen fernhält. Dazu müssen die Landwirte aber am Zaun mähen, um Stromverluste zu vermeiden. Außerdem müssen sie darauf achten, dass der Zaun Bodenkontakt hat, damit der Wolf nicht drunter durch kann. Das Wolfsmanagement rät außerdem dazu, Zäune nicht ohne Stromversorgung stehen zu lassen, damit Wölfe nicht an den stromlosen Zäunen üben können, wie sie daran vorbeikommen. Dabei ist laut dem Artenschutzreferenten im Kieler Umweltministerium, Thomas Gall, die Höhe nicht das Kriterium. Zwar könne ein Wolf mühelos die in Schleswig-Holstein als wolfssicher geltenden 1,05 m stromführenden Zäune überspringen. Er tue es aber in der Regel nicht, weil er gelernt habe, dass dieser Zaun Schmerzen verursacht, so Gall.

Seit Ende November wurden vor allem im Kreis Pinneberg aber immer wieder Schafe hinter vermeintlich wolfssicheren Zäunen gerissen. Darin sieht das Umweltministerium in Kiel ein problematisches Verhalten, das auch an mögliche Nachkommen oder andere Wölfe weitergegeben werden könne. Um erheblichen wirtschaftlichen Schaden abzuwenden ist der Wolf mit der Kennung GW924m inzwischen auch zur Entnahme, also zum Abschuss, freigegeben worden.

Wie läuft die Entnahme des so genannten "Problemwolfs" GW924m ab?

Das Umweltministerium sucht gemeinsam mit dem Landesagdverband nach geeigneten Jägern und wird mehrere Jäger mit der Entnahme beauftragen, die zum schutz vor repressalien anonym bleiben sollen. Noch steht nicht fest, wie die Jäger den Wolf erlegen wollen. Laut dem Geschäftsführer des Landesjagdverbandes, Marcus Börner, haben die Jäger im Land keine Erfahrung mit der Jagd auf den Wolf. Ein weiteres Problem: Ein einziges Tier durchstreift ein sehr großes Gebiet. Es dürfte also schwer werden, das Tier zu erwischen. Die Genehmigung für die Entnahme ist sowohl räumlich als auch zeitlich begrenzt, falls der Wolf in der gegebenen Frist nicht geschossen wird, kann diese aber verlängert werden. Schießen dürfen dabei nur die Jäger, die das Land explizit mit der Entnahme beauftragt hat. Jeder andere, der einen Wolf abschießt, verstößt gegen das Bundesnaturschutzgesetz.

Was passiert, wenn ein beauftragter Jäger einen anderen Wolf als GW924m abschießt?

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist laut Artenschutzreferent Thomas Gall sehr gering: "Es gibt in dem Gebiet keinen Nachweis für einen anderen Wolf, als GW924m. Wir gehen deshalb nicht davon aus, dass sich dort noch ein zweites Tier aufhält." Falls am Ende doch ein anderer Wolf geschossen werde, genieße der beauftragte Jäger einen Vertrauensvorschuss des Landes, so Gall. Rechtliche Konsequenzen seien in diesem unwahrscheinlichen Fall ausgeschlossen.

Wie viele Schutzzäune wurden beantragt?

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Das Land stellt für Schäfer Zäune zur Verfügung. Sie sollen die Nutztiere schützen.

Die Anzahl ist im Ministerium nicht genau erfasst. Die Zäune gibt das Wolfsmanagement an die Landwirte ab, für die Beschaffung stehen in diesem Jahr rund 400.000 Euro zur Verfügung. Dieses Geld wird laut einem Ministeriumssprecher auch ausgeschöpft.

Wie werden Tierhalter entschädigt?

Für jedes gerissene Tier bekommen die Landwirte eine 100-Prozent-Entschädigung. Tierarztkosten, die im Zusammenhang mit einem Wolfsangriff stehen, werden mit 80 Prozent der Kosten entschädigt. Laut der entsprechenden Richtlinie des Landes werden außerdem Schutzmaßnahmen gefördert - wie zum Beispiel der Kauf von Zaunmaterial, Kunststoffpfählen, stromführenden Litzen oder Elektronetzen. Die Förderung für dieses Material können nur Landwirte beantragen, deren Weideflächen sich in einem Wolfsgebiet befinden. Laut Umweltministerium wurden Nutztierhalter in 2018 mit 26.097,17 Euro entschädigt. Diese Summe ist mehr als 20 mal so hoch wie die Entschädigungssumme 2017, damals wurden 1.256,84 Euro ausbezahlt.

Welchen gesetzlichen Schutzstatus hat der Wolf?

Der Wolf ist als FFH-Art und nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Er darf nicht bejagt werden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn ein Wolf eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, sprich für den Menschen ist. Aber selbst dann muss genau abgewogen werden, bevor das Tier zum Abschuss freigegeben werden darf. Im Fall des Rüden GW924m ist der Entnahmegrund die Abwendung erheblichen wirtschaftlichen Schadens. Das Tier hatte mehrfach vermeintlich wolfssichere Zäune überwunden und dahinter Schafe gerissen. Dieses Verhalten sei nur schwer mit dem Zusammenleben von Mensch und Wolf in einer Kulturlandschaft vereinbar, sagte Umweltminister Jan Phiipp Albrecht, denn es könne an mögliche Nachkommen oder andere Wölfe weitergegeben werden.

Dürfen Wölfe geschossen werden?

Der Wolf steht als FFH-Art und im Bundesnaturschutzgesetz unter strengem Schutz. Trotzdem steht für den Gesetzgeber die Sicherheit von Menschen an erster Stelle. Wenn sich ein Wolf mehrfach auf weniger als 30 Meter an Menschen annähert, ist das als kritisches Verhalten zu betrachten. Das muss genau dokumentiert und analysiert werden, im Einzelfall ist dann die sogenannte Entnahme gemäß Bundesnaturschutzgesetz § 45 Absatz 7 möglich. Weil der Wolf mit der Kennung GW924m ein laut Umweltministerium "problematisches Verhalten" gezeigt hat, wurde der Rüde zum Abschuss freigegeben.

Was ist das Wolfsmanagement?

Das Wolfsmanagement ist beim Landesamt für Landwirtschaft und ländliche Räume (LLUR) angesiedelt. Es berät Tierhalter und auch das Land, außerdem leistet es entsprechende Hilfen. Das beginnt bei der Beratung und geht über die Bereitstellung von Notfall-Sets bis zur Abwicklung von Entschädigungszahlungen. Außerdem führt es ein genaues Monitoring durch, dokumentiert also alle Sichtungen und Risse. Als 2014 und 2015 die Zahl der Wolfsnachweise anstieg, wurde die Zahl der Mitarbeiter erhöht, auch um die Arbeit der ehrenamtlichen Wolfsbetreuer zu koordinieren.

Wären Herdenschutzhunde eine Lösung?

Die Ausbildung dieser Tiere ist sehr langwierig und mit 5.000 Euro auch sehr teuer, weil sie sehr viel Sachkunde erfordert. Empfohlen sind zudem mindestens zwei Hunde pro Herde. Das wäre für viele Schäfer in Schleswig-Holstein schon allein wirtschaftlich nicht zu stemmen, weil sie viele kleine Herden auf verschiedenen Weideflächen oder an Deichen haben nd entsprechend viele Hunde bräuchten. Und ein Fall aus Mecklenburg-Vorpommern zeigt: Sie helfen auch nicht immer. Im Kreis Ludwigslust-Parchim haben ein oder mehrere Wölfe 35 Schafe gerissen und zehn weitere sehr schwer verletzt - trotz Herdenschutzhunden und Zäunen.

Weitere Informationen

Dossier: Wölfe in Schleswig-Holstein

Die Rückkehr des Wolfes nach Schleswig-Holstein bewegt viele im Land. Im Dossier bei NDR.de berichten die NDR Reporter über Aktuelles und Hintergründe. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 05.11.2018 | 19:30 Uhr

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