Stand: 04.05.2015 12:36 Uhr

Vor 30 Jahren: Kieler Straßenbahn ade

von Frauke Hain

Der letzte Tag der Kieler Straßenbahn: Der 4. Mai 1985 war ein Sonnabend. Straßenbahnfahrer Uwe Ernst ging bedrückt zur Arbeit an diesem Tag. Der damals 29-jährige Kieler hatte die letzte Frühschicht. Um 4.30 Uhr stieg er ein letztes Mal in die cremefarbene Bahn der Linie 4 - und fuhr die 11,4 Kilometer lange Strecke zwischen den Kieler Stadtteilen Wellingdorf und der Wik hin und her. "Da ging eine Ära zu Ende. Das hat mich schon mitgenommen - und es war Wehmut dabei", erzählt Ernst 30 Jahre danach. In der Frühschicht war der Straßenbahnfahrer noch pünktlich unterwegs, da war noch nicht so viel los - aber ab Mittag kamen dann Tausende Kieler zum Tschüs sagen. Alle wollten ein letztes Mal Straßenbahn fahren, Erinnerungsfotos machen.

Zum Abschied: Trauerflor in Kiel

Mit Kränzen und Blumen nahmen die Kieler Abschied von ihrer Straßenbahn. "Man merkte richtig, dass den Kielern die Bahn fehlen wird. Dass die davon auch nicht begeistert waren, dass nun wirklich Schluss sein sollte - oder musste", erinnert sich der gelernte Autoschlosser Uwe Ernst, der fünf Jahre lang die Straßenbahn durch die Stadt gefahren hat. "Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Man brauchte dafür Verständnis. Aber es war eine feine Sache: Es war schöne Luft darin, es waren immer die gleichen Fahrgäste - ich kannte sie alle."

Opfer von Sparplänen

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch. © NDR Foto: Frauke Hain
Uwe Ernst erinnert sich an den letzten Tag der Straßenbahn. Der 59-Jährige hatte am 4. Mai 1985 die Frühschicht.

Der Abschied fiel schwer. Acht Jahre vorher (1977) hatte die Kieler Ratsversammlung im Generalverkehrsplan (GVP) das Schicksal der Straßenbahn besiegelt. Der GVP basierte auf jahrelangen Untersuchungen: Mehrere Gutachten hatten die überfälligen Investitionen für die Fahrwege der Linie 4, der letzten Kieler Straßenbahn, auf 66 bis 118 Millionen Mark geschätzt. Die Folge von Sparplänen in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt: die komplette Umstellung des Öffentlichen Nahverkehrs auf Busse. Der Beschluss sorgte für Diskussionen - auch noch viele Jahre später.

"Im Schrank klirrten die Tassen und die Teller"

Der leidenschaftliche Straßenbahn-Sammler Dieter Boldt schimpft: "Die haben die Bahn verkommen lassen - von den Oberleitungen angefangen und dann bis hin zu allem, was Bahn und Gleise betraf. Die haben alles nur noch notdürftig gemacht." Häufig genannt als Hindernis für mögliche Modernisierung wurde die ungewöhnliche Spurweite. Denn die Kieler Bahn war als Schmalspur mit einer Spurweite von 1.100 Millimetern gebaut worden - ein schon damals auslaufendes Modell. Der 79-jährige Dieter Boldt lebte sein Leben lang direkt neben der Strecke der Linie 4 - in der Holtenauer Straße in der Wik. "Ich hatte die Haltestelle direkt vor der Tür. Und die fuhren so scharf an, dass die Räder durchdrehten. Bei Frost rutschten die Räder auf den Schienen und dann streuten die auch noch Sand darauf - das ratterte, und bei mir im Schrank klirrten die Tassen und die Teller", lacht der Rentner.

Um 20.20 Uhr war Schluss

Die Straßenbahn quietschte und ächzte mit ihrem typischen Schaukeln durch Kiels Straßen. So auch an ihrem letzten Tag. Um 20.20 Uhr war Schluss. Die Linie 4 fuhr ein letztes Mal ins Depot Gaarden ein - auf den Betriebshof in der Werftstraße. "Der ganze Hof war voll. Es war fast kein Durchkommen. Man musste sehen, dass die Wagen überhaupt reinkamen. Die hatten lange Verspätung. Da war ein Tohuwabohu hier auf dem Hof", erinnert sich Uwe Ernst, der heute im Planbüro der Kieler Verkehrsgesellschaft sitzt und Fahrpläne schreibt. Viele Kieler wollten sehen, wo die Wagen hingefahren werden. Auch Dieter Boldt war dabei: "Es war bewegend, als die geschmückten Bahnen ins Depot einfuhren."

Die Kieler Straßenbahn lebt weiter

Ein Mann sitzt in einem restaurierten Straßenbahnwagen. © Langhagen Foto: Langhagen
Dieter Boldt hat den Abschluss des Straßenbahnzuges Nr. 71 restauriert.

Nach dem Aus der Kieler Straßenbahn sollten die Teile, die nicht verkauft worden waren, auf dem Kieler Ostufer verschrottet werden. Dieter Boldt sicherte sich ein Teil des Straßenbahnwaggons mit der Nummer 71 und restaurierte ihn: In Originalfarbe lackiert, mit Plexiglasfenstern versehen und von einem Trafohäuschen mit Strom versorgt stand Boldts Museumsbahn viele Jahre in seinem kleinen Garten in der Holtenauer Straße in der Wik. Jetzt kümmert sich sein Sohn darum - das kleine Museum ist Anfang des Jahres nach Kiel-Pries umgezogen. Während in Kiel schon seit Jahren über die Pläne für eine Stadtregionalbahn diskutiert wird, lässt Boldts Museumsstück die "alte" Kieler Straßenbahn weiterleben.

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