Stand: 12.08.2019 14:39 Uhr

Als Rentnerin zurück ins Klassenzimmer

von Marc Kramhöft

Die Sommerferien sind vorbei. Für den Großteil der rund 365.000 Schüler in Schleswig-Holstein hat am Montag wieder der Schulalltag begonnen. Das gilt auch für die mehr als 23.000 Lehrer, unter denen zum Schuljahresbeginn auch 205 sogenannte Senior-Experten sind. Das sind Lehrkräfte, die eigentlich schon in Pension sind - sich aber zur Verfügung stellen, weil Not am Mann ist.

Bild vergrößern
Zum Start des Schuljahres 2019/2020 gibt es 205 sogenannte Senior-Experten in Schleswig-Holstein.

Seit 1989 ist Gabriele Frings als Grundschullehrerin in Schleswig-Holstein tätig. Ihr Traumberuf war das zunächst nicht, sie war eine Spätstarterin. Neben ihrer Dissertation in Erziehungswissenschaft arbeitete sie unter anderem für einen Zeitungsverlag und in pädagogischen Einrichtungen. Um ein geregeltes Familienleben führen zu können, nahm sie am Ende doch den Beruf als Lehrkraft an. Die vergangenen zehn Jahre verbrachte Frings an einer Grundschule im Kreis Pinneberg. Ihre Fächer: Deutsch, Sachkunde, Kunst und Musik. Am meisten Spaß bringt ihr der Umgang mit Kindern. "Zu merken, dass man sie erreicht, dass man bei ihnen etwas bewirken kann, dass man auch viel zurückbekommt, ist der Grund, warum ich das so gerne mache", sagt die 68-Jährige - die im Internet nicht mit einem Bild erscheinen möchte. 2016 sollte es dann in den Ruhestand gehen. Eigentlich.

Frings fühlt sich noch fit

"Ich habe damals ein Schreiben vom Ministerium bekommen, ob ich interessiert bin, als sogenannte Senior-Expertin weiterzumachen", erklärt die 68-Jährige. Lange überlegen musste sie nicht. "Ich fühlte mich noch nicht so ausgepowert wie Kollegen, die vielleicht 40 Jahre Lehrer waren." Der finanzielle Aspekt habe ebenfalls eine Rolle gespielt. Und weil auch ihr Ehemann und ihr erwachsener Sohn nichts dagegen hatten, entschied sie sich dazu, als Lehrerin an der Grundschule im Kreis Pinneberg weiterzuarbeiten. Statt Ruhestand hieß es also: Sechs Wochen Sommerferien und dann zurück in den Dienst - als eine von inzwischen 205 Senior-Lehrkräften, die es zum Start des Schuljahres 2019/2020 laut Bildungsministerium gibt.

Es soll eine kurzfristige Lösung sein

Landesweit gibt es zurzeit etwa 260 freie Lehrer-Stellen. "Wir finden, dass es gut ist, wenn auch die ein oder andere deutlich erfahrenere Kraft in den Schulen weiter unterstützt", sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Der Landeselternbeirat und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) halten diese Lösung kurzfristig für sinnvoll, fordern auf lange Sicht aber andere Lösungen. "Zum Beispiel, dass Grundschullehrer auch auf die Besoldungsstufe A13 aufsteigen", sagt die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Katja Coordes.

Senior-Expertin legt Umfang der Arbeit selbst fest

Ihr Pensum kann Frings selbst bestimmen. Sie unterrichtet aktuell acht Stunden pro Woche, aufgeteilt auf zwei Tage. "Ich bin auch nicht verpflichtet, an Konferenzen teilzunehmen oder Elterngespräche zu führen", erläutert die 68-Jährige, die sich durch die Tätigkeit über eine gewisse Struktur innerhalb einer Woche freut.

"Aufgaben, für die wir eigentlich nicht zuständig sind"

Klar ist für Frings aber auch: "Das alles darf nicht das eigentliche Problem verdecken: Wir haben nicht genug Lehrer." Warum der Nachwuchs sich so schwierig für den Beruf begeistern lässt, vermag sie nicht einzuschätzen. Doch mit ihrer fast 30-jährigen Erfahrung als Lehrkraft sagt sie: "Wir haben mit vielen Dingen zu tun, wofür wir nicht ausgebildet wurden." Als Beispiel nennt Frings Traumatisierungen, womit die Pädagogen sich noch nicht so auskennen würden. "Das sind Sachen, die belastend und anstrengend sind." Weitere Themen seien Klassengrößen und schwierige Schüler. "Das hat, würde ich zumindest sagen, zugenommen", so Frings.

Weitere Informationen

Neues Schuljahr: Prämien sollen Lehrer anlocken

08.08.2019 12:00 Uhr

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien führt zum neuen Schuljahr den Regionalzuschlag ein: 250 Euro brutto gibt es obendrauf, um Lehrer in weniger beliebte Regionen zu locken. mehr

"Produktives Lernen": Vom Problemschüler zum Gastronom

09.08.2019 19:30 Uhr

Mehr praktische Erfahrung, weniger Schulbank: So funktioniert das Programm "Produktives Lernen" für schulmüde Schüler. Offenbar mit Erfolg, wie die Geschichte von Can Tekgöz zeigt. mehr

Berufsschulen fehlen die Lehrer

29.10.2018 08:00 Uhr

Deutschlandweit fehlen Berufsschullehrer - auch bei uns im Land. Ausgebildet werden pro Jahr 2.000. Laut einer Bertelsmann-Studie braucht es aber bis 2030 dreimal so viel. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.08.2019 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:37
NDR 1 Welle Nord
02:34
Schleswig-Holstein Magazin
03:06
Schleswig-Holstein Magazin