Stand: 27.11.2019 20:16 Uhr

Verseuchte Wiking-Halbinsel: Streit um Zuständigkeit

In der kommenden Woche könnte es eine entscheidende Weiterentwicklung im Fall der verseuchten Wiking-Halbinsel in Schleswig (Kreis Schleswig-Flensburg) geben. Der Kreis will ein juristisches Gutachten veröffentlichen, dass klar benennt, wie saniert wird und wer dafür zahlen soll. Vor mehr als einem halben Jahrhundert sind bei der Abwicklung einer Teerpappenfabrik hochgiftige Chemikalien in den Boden gelangt. Seit 1990 wissen die Behörden davon und haben bisher nicht gehandelt - obwohl alle Gutachten eine dringende Sanierung fordern.

Die Gifte verschwinden nicht - sie reichern sich an

Es hat den Anschein, als hätten in Schleswig alle darauf gewartet, dass sich das Problem irgendwann von selbst löst. Doch die Gifte, die auf der Wiking-Halbinsel vor mehr als 50 Jahren bei der Abwicklung einer Teerpappenfabrik mit Teer-Resten in den Boden gelangt sind, verschwinden nicht einfach - sie reichern sich an. Konkret geht es um sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe - kurz PAK. Die entstehen, wenn organische Stoffe wie Holz, Kohle oder Tabak unvollständig zu Teer verbrennen.

"Das sind keine Gramm-Mengen, und das ist auch schon gefährlich genug", erklärt Dr. Hermann Kruse, Toxikologe der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). "Das sind Kilogramm-Mengen und noch viel, viel mehr. Das sind Tonnen-Mengen." Der Wissenschaftler erklärt, dass PAK schon in geringen Mengen das Erbgut schädigen sowie die Fruchtbarkeit und das Hormonsystem beeinträchtigen kann. Das seien aber gar nicht die schlimmsten Schädigungen: "Entscheidend ist, dass die auch krebserzeugend sind - und zwar in einem ganz hohem Potenzial", warnt Kruse.

Höchster PAK-Messwert 4.500 mal höher als Schwellenwert

Das am Ufer der Wiking-Halbinsel etwas nicht stimmt, ist sogar sichtbar: Vor allem im Sommer ploppen ölige Blasen im Wasser am Schleiufer auf. Und auch Gutachten gibt es aus 30 Jahren genug. So ist es den Behörden zum Beispiel auf das Kilo genau bekannt, wie viele Tonnen der Giftstoffe sich dort im Boden befinden - und wie sehr diese Mengen die Schwellenwerte der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser übersteigen. Aus einem Gutachten des Kreises Schleswig-Flensburg von 2016 geht hervor, dass der höchste PAK-Messwert im Grundwasser bei 900 Mikrogramm pro Liter lag - also 4.500 mal höher als der vorgegebene Schwellenwert von 0,2 Mikrogramm pro Liter.

"Das große Problem ist in diesem Fall, dass das System, was wir dort vorliegen haben - nämlich 1,4 Hektar total durchseuchte Fläche - dass dieses System offen ist", erklärt Kruse. "Es ist in keinster Weise gekapselt - nicht nach unten oder zur Seite gekapselt, auch nicht nach oben hin - so dass die Verbindungen ausbluten können."

Außer Badeverbot haben Behörden nichts unternommen

Doch außer einem Badeverbot haben die Behörden bis jetzt nichts unternommen. Dabei liegen zwei Sanierungskonzepte vor - die Kosten dafür belaufen sich geschätzt auf bis zu 14 Millionen Euro. Weil die eigentlichen Verursacher oder deren Erben nicht mehr aufzufinden sind, müssen die aktuellen Besitzer der Grundstücke bezahlen. Das sind vier Privatleute, die aber nur begrenzt belastet werden können. Die Stadt Schleswig ist notorisch klamm, ihr gehören ein Parkplatz und Teile des Uferbereiches.

Das Land Schleswig-Holstein steht auf der Wasserseite des Ufers im Grundbuch. "Es ist unstrittig, dass ein Teil der belasteten Grundstücke dem Land gehört. Das Land ist der Eigentümer", so Schleswigs designierter Bürgermeister Stephan Dose (SPD). "Insofern finde ich die Diskussion schwierig, dass man sagt, die Stadt Schleswig macht alles ganz allein. Ich erwarte und hoffe, dass das Land einen Teil seiner Verantwortung auch trägt."

Niemand will verantwortlich für Sanierung sein

Doch das scheint nicht so einfach zu sein: Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) erklärt, dass dies ein Fehler im Grundbuch sei. Das habe der Bund so auch bereits bestätigt: Der eigentliche Eigentümer des Wassergrundstücks und damit für die Sanierung verantwortlich sei der Bund. "Wir als Land haben immer deutlich gemacht, dass wir auch bereit sind, unseren Teil mit dazu beizutragen", so Albrecht. "Aber klar ist eben auch, das wir nicht der Hauptverantwortliche in diesem Zusammenhang sind, und die Kreise und Kommunen ihre Last auf jeden Fall tragen müssen", erklärte der Umweltminister.

Die Kreise sind laut Bodenschutz-Gesetz für die Durchführung der Sanierung verantwortlich. Doch trotz vieler Gespräche und Verständigungen miteinander - immer kam die Kostenfrage dazwischen. Und das ist für Toxikologe Kruse absolut nicht nachvollziehbar, zumal seit 30 Jahren bekannt ist, welche große Gefahr von dem Gelände ausgeht. "Alle Gutachter sind der Auffassung, es besteht hier ein dringender Handlungsbedarf. Ich würde sogar noch weiter sagen: ein äußerst dringender Handlungsbedarf", so Kruse.

Ein gefährliches Spiel auf Zeit

In diesem Jahr hatte der Kreis im Haushalt alleine 30.000 Euro für eine rechtliche Beratung veranschlagt - am Donnerstag geht es im Finanzausschuss dann auch darum, wie viele Mittel im kommenden Haushalt 2020 bereit gestellt werden müssen, um die Sanierung in Angriff zu nehmen.

Es ist ein Spiel auf Zeit, das die Stadt Schleswig, das Land und der Kreis eigentlich nur verlieren können. Denn die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe sind geduldig. Sie werden die nächsten Jahrhunderte in der Schlei überdauern - im Boden, im Grundwasser und in der Nahrungskette.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.11.2019 | 19:30 Uhr

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