Das Gold alter Handys

Stand: 31.10.2020 07:00 Uhr

Rohstoffe wie Gold, Silber und Kupfer lagern tonnenweise in ungenutzten Handys. Im Kreis Pinneberg hat sich die Leitstelle aufgemacht, diese alten Mobiltelefone zu sammeln und zu recyceln.

von Elin Halvorsen

"Das ist ein super Ergebnis für nur einen Monat!", freut sich Anja Vratny von der Leitstelle Klimaschutz über die gut laufende Handy-Sammelaktion. Ein Berg von mehr als 200 verschiedenen Mobiltelefonen liegt vor ihr, dazu Kabel und Ladegeräte. Seit Ende September hat sie in der Stadtbücherei Pinneberg eine Abgabestelle für Altgeräte eingerichtet. Am Eingang steht die große Holzbox, auf der ein großer Aufkleber eines alten Handys in blau strahlt. "Geschätzt haben 50 Prozent der Bevölkerung zwei bis drei alte Handys zu Hause liegen", sagt Anja Vratny. Was nur wenige wissen: Die ausgedienten Telefone enthalten wertvolle Rohstoffe.

Aktion soll bis Ende Januar laufen

"Hochgerechnet macht das bundesweit eine stolze Zahl von rund 200 Millionen Mobiltelefonen, die in den Schubladen vergammeln", rechnet sie vor. "In diesen 200 Millionen Handys sind aber zum Beispiel 4,67 Tonnen Gold, 48,38 Tonnen Silber und 1.774,19 Tonnen Kupfer enthalten, die recycelt werden könnten, wenn sie denn abgeben würden". Deshalb sammelt sie im Kreisgebiet Pinneberg auf Wochenmärkten, in Bibliotheken oder im Rathaus die alten Geräte. Die Aktion soll, dank der guten Zwischenbilanz, bis Ende Januar weitergehen. "Wir müssen auf jeden Fall im Januar noch sammeln, da wir davon ausgehen, dass besonders viele Smartphones zu Weihnachten verschenkt werden", sagt Anja Vratny.

"Insbesondere der Abbau von seltenen Erden, wie bei Coltan-Erz, ist mit immensen Schäden für Mensch und Natur verbunden", erläutert sie. Große Landflächen würden für die Gewinnung zerstört und Menschen vertrieben. Die Arbeit in den Minen sei gefährlich, der Lohn gering und Kinderarbeit keine Seltenheit, erzählt Anja Vratny weiter. Sie findet, dass mit der Aktion alle einen schnellen, aber effektiven Beitrag zum Klimaschutz leisten könnten. Rund 30 verschieden Metalle sind heute in einem einzigen Handy verbaut. Dazu kommen noch Kunststoff, Glas und Keramik.

Das Innenleben eines Mobilfunkgeräts

Um uns zu zeigen, welches Metall wofür im Handy verbaut ist, öffnet Elektroingenieur Reinhard Fetzer ein altes Nokia-Handy. Er hat selbst in der Chipherstellung für Autoradios gearbeitet und weiß, welche Elektronik benötigt wird. "Also, am meisten findet sich in so einem Telefon Kupfer für Drähte und alles, was Strom leitet. Das ist recht unproblematisch. Aber es gibt auch Metalle, wie Tantal, die für den Kondensator benötigt werden, das gilt als Konfliktrohstoff", erklärt der Rentner aus Halstenbek. Die Bedingungen, unter denen das Metall gewonnen wird, sind schlecht für Mensch und Umwelt. Daher gilt Tantal als Konfliktrohstoff. Es wird vor allem im Kongo abgebaut und finanziert dort auch den Bürgerkrieg im Land. Rebellen besetzen immer wieder zahlreiche Minen und lassen das Erz von den Arbeitern ohne Schutzkleidung aus den Minen holen. Allerdings: Der Rohstoffabbau ist für viele Menschen auch die einzige Einnahmequelle.

Für Goldminen werden Wälder gerodet

"Hier haben wir zum Beispiel die Platine. Dafür wird Gold benötigt, es hat eine gute Leitfähigkeit. Wie auch hier am Akku, der ebenfalls vergoldet ist. Überall, wo es Schutz vor Korrosion geben soll, wird das Kupfer mit Gold legiert, so dass es länger hält." Auch die Arbeitsbedingungen in vielen Goldminen sind schlecht. Abgebaut wird es zum Beispiel in China oder Brasilien. Ganze Wälder werden für die Minen gerodet. Um 0,034 Gramm Gold für ein Handy zu gewinnen, müssen etwa 100 Kilogramm Gestein bewegt werden. Anschließend werden häufig Gewässer verunreinigt, weil giftiges Quecksilber benutzt wird, um das Gold aus dem Gestein zu lösen.

Handys auf keinen Fall in den Hausmüll

In einem älteren Handy sind laut Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW circa 250 Milligramm Silber, 24 Milligramm Gold und etwa 9 Milligramm Palladium enthalten. Für Smartphones liegt der Wert etwas höher. Da kommt bei 200 Millionen Handys, die bundesweit in Schubladen lagern, eine ganze Menge zusammen. "In den normalen Hausmüll dürfen die Altgeräte auf keinen Fall. Nicht nur wegen der wertvollen Rohstoffe, sondern auch weil sie Schadstoffe enthalten, die sachgerecht entfernt werden müssen", sagt Anja Vratny. Die Leitstelle Klimaschutz kooperiert deshalb mit einem Start-up aus Köln, Mobile Box. Laut der jungen Firma gelangen jedes Jahr Hunderttausende Tonnen E-Schrott in das außereuropäische Ausland. Dazu zählen auch Handys, die beispielsweise in Afrika auf großen Mülldeponien landen.

Recyceln oder Wiederverkauf

Die gesammelten Geräte aus Pinneberg werden beim Kölner Unternehmen begutachtet. 80-85 Prozent der Handys werden in ihre Rohstoffe zerlegt und recycelt, die restlichen 15-20 Prozent werden generalüberholt und innerhalb Europas wieder verkauft. Auch auf den Datenschutz wird dabei geachtet, alle Smartphones werden laut Mobile Box manuell auf Daten geprüft und diese restlos gelöscht. Dabei lohnt sich die Handy-Spende für Schleswig-Holstein doppelt, sagt Anja Vratny. "Jeweils ein Euro pro Handy geht in die Unterstützung des ökologischen Bundesfreiwilligendienstes hier in Schleswig-Holstein. Also, je mehr wir sammeln, desto mehr junge Menschen können die Region mit Klimaschutz stärken und Berufserfahrungen sammeln." So sei die Aktion der Leitstelle Klimaschutz gleich doppelt nachhaltig. Doch trotz des positiven Effekts für Schleswig-Holstein: "Der beste Ressourcenschutz ist immer noch, das Handy so lange wie möglich zu nutzen. Deshalb sollte man sich vor dem Kauf eines neuen Telefons gut überlegen, ob man es auch wirklich braucht", sagt Anja Vratny. Der erste Schritt zum Klimaschutz beginne immer im Kopf.

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Schleswig-Holstein Magazin | 30.10.2020 | 19:30 Uhr

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