Stand: 06.12.2018 15:29 Uhr

Unerwartet viele Beschwerden von Heimkindern im Norden

Mehr als drei Jahre ist es her, dass die Jugendeinrichtung "Friesenhof" wegen umstrittener Erziehungsmethoden geschlossen wurde. Was folgte, damit sich die Vorgänge nicht wiederholen, waren ein Untersuchungsausschuss, ein Runder Tisch und am Ende die Einrichtung einer Beschwerdestelle extra für Kinder und Jugendliche in Heimen und Wohngruppen. Am Donnerstag hat die schleswig-holsteinische Bürgerbeauftragte als Ombudsfrau der Kinder- und Jugendhilfe ihren ersten Tätigkeitsbericht dazu vorgestellt. 2016 und 2017 nahm ihr Büro demnach mehr als 400 Beschwerden entgegen. "Das hat unsere Erwartungen übertroffen", sagte Samiah El Samadoni. Es zeige, wie wichtig die Beschwerdestelle sei.

Körperliche Gewalt, Handyverbot, Schimmel

Erzieher brüllen Kinder an, zwingen sie, alles aufzuessen, was auf dem Teller ist, verbieten einem Jungen lange Haare oder wenden sogar körperliche Gewalt an - das gibt es in Heimen in Schleswig-Holstein offenkundig immer noch. Darüber berichtete El Samadoni in Kiel. Es seien einzelne Erzieher, die zu zweifelhaften pädagogischen Methoden griffen. Die betroffenen Kinder beschwerten sich aber auch über Handyverbote, über das Essen und Schimmel im Heim.

El Samadoni: "Wir glauben den Kindern"

Ob es so etwas wie einen "Friesenhof" noch heute gibt? "Ich kann es nicht ausschließen", sagte El Samadoni. Verbessert hätten sich in jedem Fall die Heimaufsicht und die Wahrnehmungen im Umfeld der Kinder. Ziel sei es, die Kinder ernst zu nehmen, sie zu bestärken und sie in das Verfahren einzubinden, sagte El Samadoni. 43 Beschwerden wurden als schwerwiegend eingestuft und die zuständige Heimaufsicht informiert. Immer wieder machten sie und ihre Mitarbeiter die Erfahrung, dass die Kinder und Jugendlichen bereits in der Einrichtung ihr Problem angesprochen hätten und dass ihnen nicht geglaubt wurde. "Das ist natürlich ein ganz großes Problem, denn wenn man diese Erfahrung immer wieder macht, dann wird man auch total ermutigt, sich auch zu beschweren. Wir glauben den Kindern."

So ist die Bürgerbeauftragte zu erreichen

Die Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein, Samiah El Samadoni, ist erreichbar: montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr sowie zusätzlich mittwochs von 15 bis 18.30 Uhr.
Um telefonische Anmeldung wird gebeten unter Tel. (0431) 988 12 40.
E-Mail-Adresse: buergerbeauftragte@landtag.ltsh.de
Per Post: Die Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein
Karolinenweg 1
24105 Kiel

Schulpflicht auch für Heimkinder aus anderen Ländern?

El Samadoni schlug vor, die Schulpflicht im Land auch auf die Heimkinder auszuweiten, die aus anderen Ländern kommen. In 13 anderen Ländern sei das der Fall. Im Norden führe das Fehlen der Schulpflicht dazu, dass Kinder und Jugendliche statt in Regelschulen in sogenannten schulvorbereitenden Maßnahmen in den Heimen unterrichtet werden. In Einzelfällen sei das über Jahre der Fall. Ein autistischer Junge habe deshalb am Ende keinen Schulabschluss bekommen.

Austausch zwischen Landesjugendämtern

Die Zusammenarbeit mit der Heimaufsicht gestalte sich sehr reibungslos und gut. Wichtig sei es aber, dass sich die Jugendämter über die Landesgrenzen hinweg besser vernetzten. Denn wenn ein Landesjugendamt gegenüber einem Träger die Tätigkeit eines ungeeigneten Erziehers ausspricht und dieser das Bundesland wechselt, erfährt das dortige Amt nichts davon. Hier müsse es einen bundesweiten Datenaustausch geben, forderte El Samadoni.

In Schleswig-Holstein sind laut Bürgerbeauftragte etwa 6.500 Kinder und Jugendlichen in Heimen, Wohngruppen und Pflegefamilien untergebracht, darunter 3.000 aus anderen Bundesländern. Die meisten Beschwerden kamen aus der Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.12.2018 | 13:00 Uhr

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