Stand: 10.04.2019 18:06 Uhr

Übung ist alles: "Lisa von Lübeck" auf Testfahrt

von Phillip Kamke

In Heimathafen der "Lisa von Lübeck" sind gerade einmal sieben Grad, der Wind weht aus Nord-Nord-Ost. "Aber es ist trocken, und das ist das Wichtigste", sagt Kapitän Peter Hecht. In Regenjacken und mit Mützen auf dem Kopf steht die 16-köpfige Crew an Deck der "Lisa" - dem Nachbau einer Kraweel aus der Hansezeit, 35 Meter lang und komplett aus Holz. Kapitän Hecht begrüßt die Männer und Frauen zur ersten Fahrt der Saison. Die Stammbesatzung will die Abläufe an Bord trainieren, bevor das schwimmende Wahrzeichen Lübecks wieder zu Charterfahrten aufbricht.

Wie setze ich die Segel? Wie verhalte ich mich bei Mann-über-Bord-Situationen? All das will die Crew in den nächsten vier Tagen auffrischen oder auch lernen, denn mit Christa Leiner und Stephanie Rüß sind zwei neue Crew-Mitglieder dabei. Und dann müssen noch die neuen Segel getestet werden, mit denen "Lisa", die seit Oktober im Lübecker Hafen gelegen hat, in der Winterpause ausgestattet wurde.

Zwei Neue an Bord

Die zwei Neuen begrüßt Kapitän Hecht ganz besonders. Beide haben auf der "Lisa" vorher schon mehrere Jahre im Service gearbeitet und wollen jetzt richtig mit anpacken. "Benehmt euch", ist der Appell des Kapitäns an seine sonst ausschließlich männliche Mannschaft. "Ich möchte einfach mal was Neues kennenlernen und interessiere mich fürs Segeln. Dass wir die einzigen Frauen unter Männern sind, macht mir nichts aus. Auch wenn der Ton vielleicht mal etwas rauer werden sollte", freut sich Stephanie Rüß auf ihren ersten Törn. Um kurz nach neun heißt es dann: "Leinen los!" Es geht die Trave abwärts Richtung Travemünde und dann später auf die Ostsee.

Erst mal mit Motorkraft, weil der Wind von vorne kommt und die Kraweel so konstruiert ist, dass sie nur mit dem Wind im Rücken oder von der Seite segeln kann. Vor 500 Jahren, zu Zeiten der Hanse, gab es keine Motoren an den Schiffen und die Segler waren allein auf den Wind angewiesen. Deshalb konnte es sein, dass die Schiffe auch mal mehrere Tage vor Anker gehen mussten, um auf den richtigen Wind zu warten.

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Frau am Steuer

Auf der ersten Strecke sammelt Christa Leiner erste Erfahrungen am Ruder. Mit sechs Knoten steuert sie die "Lisa" über die Trave. "Ein sehr aufregender Moment. Ich habe nicht gedacht, dass das Schiff so schnell auf meine Aktionen am Ruder reagiert", sagt Leiner.

Nach gut drei Stunden erreicht die "Lisa" die Ostsee. Die ist heute kabbelig, die Wellen gut einen Meter hoch. Christa Leiner und Stephanie Rüß sollen gleich mit anpacken. "Bei den ganzen Tampen und Seilen habe ich noch gar keine Orientierung. Immerhin weiß ich jetzt, wo ich stehen soll bei den Manövern“, sagt Leiner. Aber die Männer an Bord sind hilfsbereit, geben den beiden Segelnovizinnen wertvolle Tipps. Bei Windstärke 6 setzt die Besatzung zuerst das Focksegel mit 60 Quadratmetern Fläche und kurze Zeit später auch das Hauptsegel mit 180 Quadratmetern. "Das ist jetzt ein ganz entscheidender und auch kritischer Moment. Denn jetzt sehen wir, ob wir die Segel letzte Woche richtig angebracht haben und alle Leinen dort hängen, wo sie hängen sollen", sagt Kapitän Peter Hecht. Es läuft alles glatt. Jetzt treibt der Wind die Kraweel mit 4 Knoten über die Ostsee.

"Lisa von Lübeck": Erste Trainingsfahrt im neuen Jahr

Mann über Bord

Plötzlich wird es hektisch auf der "Lisa". Grund sind laute Mann-über-Bord-Rufe. Auch hier laufen jetzt Automatismen. Alle Besatzungsmitglieder stehen an der Reling und halten Ausschau, in diesem Fall nach einem Rettungsring, zeigen dem Kapitän mit den Armen, wo sich dieser gerade befindet. Hans-Jürgen Wulf legt sich unterdessen seinen Rettungsgurt an. Er wird gleich den "Patienten" an Bord nehmen. Gesichert von mehreren Besatzungsmitgliedern klettert Wulf die Leiter an der Bordwand runter. Während der Kapitän auf einen Meter an den Rettungsring heranmanövriert, packt Hans-Jürgen Wulf im richtigen Moment zu. "Mann wieder an Bord", heißt es dann. Der Rettungsvorgang hat etwas mehr als vier Minuten gedauert. "Viel länger hätten wir bei den Wassertemperaturen von sechs Grad auch nicht brauchen dürfen. Das hat sehr gut geklappt", freut sich "Retter" Wulf.

Schiff und Besatzung bereit für die Saison

Vier Tage ist die Besatzung insgesamt auf Trainingsfahrt. Und will danach für die neue Saison gerüstet sein. Christa Leiner und Stephanie Rüß werden dann nicht mehr im Service arbeiten, sondern ihre Plätze an den Tampen haben. Anfang Mai wird die "Lisa von Lübeck" wieder zu Charterfahrten aufbrechen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 10.04.2019 | 19:30 Uhr

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