Trotz Verbot: Rinder weiter in Drittländer exportiert

Stand: 08.09.2021 08:00 Uhr

Seit 2019 ist der Export von Rindern von Schleswig-Holstein aus in Länder außerhalb der Europäischen Union verboten. Doch genau diese Exporte finden nach wie vor statt - über Umwege.

von Laura Albus

Es sind Bilder, die Veterinärmedizinerin Manuela Freitag nicht vergisst. Rinder, die eng auf einem Viehtransporter stehen oder entkräftet auf dem Boden liegen, und das für mehrere tausend Kilometer. Szenen von geschächteten Tieren in Schlachtställen in Nordafrika. Die Rinder auf diesen Bildern kommen zum Teil auch aus Schleswig-Holstein. Dabei dürften sie eigentlich gar nicht mehr dorthin exportiert werden. Aber Behörden aus Niedersachsen genehmigen das bis heute. Und sorgen so dafür, dass auch Rinder aus Schleswig-Holstein weiter in sogenannte Drittländer gebracht werden dürfen.

Insofern kann ich mir gar nicht erklären, warum den Kollegen ganz offensichtlich das Tierwohl völlig egal ist. Kreisveterinärin Manuela Freitag

"Ich kann mir das gar nicht richtig erklären. Denn letzten Endes sind wir Veterinäre ja dafür da, das Tierwohl sicherzustellen", sagt Veterinärmedizinerin Manuela Freitag. Sie ist im Kreis Rendsburg-Eckernförde auch dafür zuständig, die Papiere der Rinder für die Ausfuhr aus dem Kreis auszustellen. Sie prüft also, ob die Tiere gesund und frei von Tierseuchen sind. Das Tierwohl falle explizit nicht in diesen Bereich. Daher habe sie auch keine Möglichkeit, die Ausfuhr von Rindern in Kreise, die weiterhin exportieren, zu untersagen. Und das, obwohl sie als Veterinärin ja das Tierwohl sicherstellen müsse, "laut EU-Tierschutztransportverordnung vom Versandort bis zum Empfängerort. Und auch für die Kreise müssten die entsprechenden Tierschutzvorgaben gelten. Insofern kann ich mir gar nicht erklären, warum den Kollegen ganz offensichtlich das Tierwohl völlig egal ist."

Keine Überwachung möglich

Der Landkreis Aurich ist in den vergangenen drei Jahren zu einem der Drehkreuze für Tiertransporte geworden. Von dort aus gehen die Rinder unter anderem nach Marokko, Libyen oder Ägypten. Die Pressestelle vom Landkreis Aurich verweist auf Bundes- und EU-Recht: Demnach seien die Behörden verpflichtet, die Transporte zu genehmigen. Überwachen, wie es den Tieren auf der Strecke geht, können die Veterinäre aus Niedersachsen nicht. Aber sie würden die gemeldeten Streckenverläufe der Speditionen per GPS verfolgen und regelmäßig überprüfen, dass die Rinder in einem "einwandfreien Zustand angekommen sind." Auch der Bundesverband Rind und Schwein versichert: Die Mitglieder hätten einen Tierwohlstandard für Tiertransporte entwickelt, damit die Einhaltung von Tierwohl entlang der gesamten Transportstrecke bis hin zum Bestimmungsort sichergestellt sei. Über eine App für die Dokumentation und eine fälschungssichere Datenbank könne das Tierwohl sichergestellt werden, die Anwendungen befänden sich bereits im praktischen Einsatz.

Zwei Länder erlauben Transporte

Trotz aller Überwachungen und Verbote - von Niedersachsen und Brandenburg bleiben die tagelangen Transporte weiterhin erlaubt. Rinder dürfen nach EU-Recht bis zu 14 Stunden transportiert werden. Danach müssen Fahrten für eine Stunde unterbrochen und die Tiere getränkt werden. Dann darf der Transport weitere 14 Stunden dauern. Dann müssen die Tiere abgeliefert worden sein oder mindestens 24 Stunden in einer geeigneten Station mit ausreichend Futter, Wasser und Unterkunft versorgt sein. Im Anschluss kann die Fahrt wieder für insgesamt 29 Stunden weitergehen.

Wir vermissen Engagement seitens Schleswig-Holstein. Anne Hamester, Pro Vieh

Tierschützer wundern sich allerdings, dass in Schleswig-Holstein ein Transportverbot besteht und rechtlich umgesetzt werden kann - in Niedersachen und Brandenburg jedoch nicht. Anne Hamester von der Tierschutzorganisation Pro Vieh Schleswig-Holstein: "Das ist ein systematisches Prozedere, dass die Transportunternehmen, die Zuchtunternehmen, die in fragwürdige Drittstaaten transportieren möchten, eine Sammelstelle in einen Landkreis legen, der eben dafür bekannt ist, in die kritischen Drittstaaten zu transportieren." Sie betont, dass Schleswig-Holstein zwar 2019 einen großartigen Vorstoß gemacht habe, sich aber aktuell zurückgezogen habe: "Wir vermissen Engagement seitens Schleswig-Holstein."

Albrecht: Agrarministerin soll Position beziehen

Der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht verweist auf Vorschläge vom europäischen Parlament, die Transportzeiten deutlich zu begrenzen und auch die Transportmöglichkeiten in Drittstaaten zu untersagen. Die Agrarminister der Bundesländer hätten diese Vorschläge unterstützt und die Ministerin im Bund dazu aufgefordert, entsprechend eben auch den Bund zu positionieren. Albrecht: "Bislang ist davon aber nichts zu hören und zu sehen gewesen."

Die Länder, die Bundesregierung und die Europäische Union - alle sagen, dass sie solche Zustände beenden wollen, es aber nicht alleine könnten. Und die Transporte gehen weiter. Kreisveterinärin Manuela Freitag fordert, dass die EU in Zukunft selbst kontrolliert - zum Beispiel, ob die Transporter Pausen machen und die Tiere versorgt werden. "Denn nur so haben wir eine verlässliche Grundlage." Drei Jahre nach dem Export-Stopp in Schleswig-Holstein geht das Geschäft weiter. Auch mit Rindern aus dem Land. Und ohne Anzeichen dafür, dass sich bald etwas daran ändert.

Weitere Informationen
Die Schnauze einer Kuh ragt durch die Gitter eines Viehtransporters. © Imago Foto: fossiphoto

OVG erlaubt Rindertransporte von Messingen nach Marokko

Der Landkreis Emsland hatte Beschwerde eingelegt. Mehr als 500 trächtige Kühe werden in den kommenden Tage verschifft. mehr

Drei Rinder schauen aus einem Viehtransporter © imago/Christopher Rennie Foto: Christopher Rennie

Fragwürdige Rindertransporte: Was wissen Aufsichtsbehörden?

Ein "Schlupflochsystem" für Rinderexporte ermöglicht Tiertransporte über Tausende Kilometer in Nicht-EU-Staaten. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.09.2021 | 19:30 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Solaranlagenreiniger Björn Matthiesen aus Niebüll reinigt Dachmodule auf einem Bauernhof in Braderup. © NDR

In 40 Metern Höhe: Der Solaranlagenreiniger

Dieser Schleswig-Holsteiner ist ein gefragter Mann bei Landwirten: Durch Björn Matthiesen erzeugen Solarflächen mehr Strom. mehr

Videos