Stand: 19.08.2018 15:07 Uhr

Tromsø, Laos, Ostrohe: Auf der Walz um die Welt

von Sebastian Duden

Die Regeln der Walz sind 500 Jahre alt. Der Anspruch dahinter klingt aber sehr modern: Reisen, um andere Kulturen und Handwerkstechniken kennenzulernen, um selbständiger und erwachsener zu werden. Deswegen ist auch Tim Klütz vor fast vier Jahren in Ostrohe in Dithmarschen losgezogen. Der 26 Jahre alte Tischlergeselle muss sich jetzt erst einmal wieder daran gewöhnen, zu Hause zu sein - vor allem für länger. Auf seiner Reise hat er nirgendwo länger Station gemacht als vier Monate.

Walz: Andere Kulturen und Techniken kennenlernen

"Endlich wieder normale Klamotten"

Ein paar Kumpel, die er auf der Walz kennengelernt hat, erleichtern ihm den Übergang, sind noch zu Besuch in Ostrohe. Unterwegs war er auch nie allein, hatte immer Handwerksgesellen aus anderen Bauberufen dabei: Tischler, Maurer, Dachdecker. Über dem Sofa der Eltern hängen viele Bilder von Klütz, in typischer Zunft: schwarze Schlaghose, Weste, Schlapphut, weißes Hemd, Krawatte. "Ich bin echt froh, dass ich nach dieser ganzen Zeit mal wieder normale Klamotten tragen darf. Ich freue mich auch, dass ich mal wieder ein Zimmer für mich alleine habe, abschließen kann." Er genießt den Komfort zu Hause. Drei Jahre und einen Tag muss ein Handwerksgeselle auf Walz wandern - mindestens. Ein Handy ist dabei nicht erlaubt, auch nicht dass er seinem Heimatort näher kommt als 50 Kilometer. Seine Mutter, Silke Klütz, machte sich anfangs ziemlich starke Sorgen. "Ich hatte eigentlich nur Kontoauszüge und Kreditkartenabrechnungen, an denen ich zuverlässig erkennen konnte, wo er vielleicht gerade ist." Anrufen konnte ihr Sohn nur selten. Er hatte immer was zu tun.

Ausbildung deutscher Handwerker weltweit geschätzt

"Wenn Du gut bist, bekommst Du überall Arbeit." Das merkte Klütz schnell. Der Ruf der Deutschen ist gut, darauf konnte er bauen. Und er gab sich Mühe, dem gerecht zu werden. Mit einem Pool in Laos zum Beispiel. Dort wollte ein Kneipenbesitzer eine viereckige Pooleinfassung für einen runden Pool haben. Klütz und seine Kollegen überzeugten ihn davon, dass es eine sechseckige Poolplattform sein musste, um den Platz optimal zu nutzen. Der Auftraggeber war vom Ergebnis und von der Qualität begeistert. Eine sechseckige Pooleinfassung mit Badeplattform hatte er noch nie gesehen und war sich sicher, dass laotische Handwerker sowas nicht zustande bekommen hätten. Für Tim eine Bestätigung dafür, wie gut seine Ausbildung in Deutschland ihn auf alles vorbereitet hat.

Botschafter der Toleranz

Manchmal wurde es auch brenzlig, ohne Vorwarnung. Im Süden Afrikas, in Lesotho, machten Klütz und seine Freunde eine Tour durchs Land, besichtigten einen Wasserfall. Abends hatten sie Lust auf eine Runde Billard und ein paar Bier. Sie wussten nicht genau, wo sie waren, gingen aber in die nächstbeste Kneipe. "Da schauten die uns alle so komisch an", schmunzelt er heute.

Dann kam der Chef zu ihnen und sagte, dass sie die ersten Weißen in seiner Bar seien. "Dann haben wir von uns und unserer Reise erzählt und hatten einen netten Abend." Mit Offenheit und Unvoreingenommenheit konnte er die meisten Probleme auf der Reise lösen. Es sind vor allem die Begegnungen mit Menschen, die ihn immer noch begeistern.

Dass er in Afrika mit Urenkeln deutscher Auswanderer Hamburger Platt reden konnte, macht Klütz immer noch glücklich. Er liebt Platt, schnackt es auch mit seinen Eltern. Seine Augen glänzen auch, wenn er von der Gastfreundschaft der Norweger erzählt und von den Polarlichtern im hohen Norden.

Er hat die Kilometer nicht gezählt

Afrika, Asien, Amerika, halb Europa. Klütz ist rumgekommen. Nach dreieinhalb Jahren hatte er das Bedürfnis, wieder nach Hause zu kommen, nach Dithmarschen. Vor ein paar Tagen war es soweit - der magische Moment, als er endlich wieder das Ortseingangsschild von Ostrohe passieren durfte, ohne gegen die Regeln der Walz zu verstoßen. Freunde und Familie bereiteten ihm einen warmen Empfang, mit einer großen Feier, auf der er 120 Gäste hatte.

Jetzt macht er neue Pläne, will die Meisterschule besuchen, sich irgendwann selbständig machen. Die Reise hat ihm wichtiges Rüstzeug dafür mitgegeben, davon ist er überzeugt. Es steckt ihm aber auch immer noch ein wenig Fernweh in den Knochen, und er hofft, dass es ihn nicht doch irgendwann wieder aus Dithmarschen wegzieht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 08.08.2018 | 20:05 Uhr

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