Stand: 19.06.2019 08:06 Uhr

Traumjob Wattführerin: Vom Forschungsschiff ins Watt

von Simone Steinhardt

"Kann man im Untergrund versinken?", fragt eine der Schülerinnen der 7. Klasse besorgt. Damit meint sie den Wattboden, den ihre Schulklasse in den kommenden anderthalb Stunden erkunden wird - gemeinsam mit Wattführerin Margit Ludwig, Leiterin des Naturzentrums Braderup auf Sylt. "Keine Sorge. Das hier ist Sandwatt. Darauf kann man sehr gut laufen", erklärt die Biologin. Mit anderen Wattarten im Wattenmeer, das inzwischen seit zehn Jahren den Titel UNESCO-Weltnaturerbe trägt und das entsprechend feiert, soll die Schulklasse der Gesamtschule Kaufungen zu einem späteren Zeitpunkt ihre Erfahrungen machen - und dabei viel Spaß haben.

 

Energietankstelle Wattenmeer

Inzwischen stehen die rund 20 Schüler mit ihren Lehrern im Kreis um Ludwig herum und hören interessiert zu, wie die Biologin den Zusammenhang zwischen Vollmond, Ebbe und Flut erklärt. "Hat jemand schon etwas über Ebbe und Flut gelesen?" fragt sie. Einer der Schüler meldet sich zu Wort: "Der Mond zieht das Wasser an und dann ist es weg." Ludwig zeichnet mit ihrer Forke zwei verschieden große Kreise in den Wattboden. "Richtig, der Mond bewegt das Wasser mit seiner Anziehungskraft. Wenn bei Vollmond und Neumond Sonne, Mond und Erde fast auf einer Linie sind, entsteht eine Springflut. Dann steht das Wasser höher als bei normaler Flut", erläutert die Wattführerin.

Das Ökosystem Wattenmeer begeistert sie. "Es ist ein einzigartiger Lebensraum. Über 10.000 Tierarten leben hier. Das faszinierende aber ist, dass die Hälfte der rund 11.000 Quadratkilometer Fläche des Weltnaturerbes Wattenmeer bei Ebbe trocken fallen", so Ludwig. Für viele Tierarten sei das Watt daher die pure Energietankstelle - vor allem für Millionen von Zugvögeln, die hier im Frühjahr und Herbst einen Zwischenstopp einlegten. "So überstehen sie den langen Weg bis nach Südafrika und in ihre Brutgebiete in Skandinavien", so die Biologin.

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Wichtigster Wattbewohner: Der Wattwurm

Die Schulklasse stiefelt unter platschenden Geräuschen weiter - viele der Siebtklässler laufen zum ersten Mal barfuß durch das Wattenmeer. "Es ist sehr weich. Man sinkt schnell ein", meint eine der Schülerinnen. Eine andere wiederum ekelt sich ein bisschen, ein Mädchen trägt lieber Socken. Dennoch sind alle in der Gruppe gespannt auf Ludwigs nächste Erklärung. Die dreht sich jetzt um den wichtigsten Bewohner des Watts: den Wattwurm. Den hat die Biologin zu Demonstrationszwecken aus dem Boden gegraben und erläutert, warum ohne den Wurm gar nichts geht. "Er durchlüftet den Boden und ist Nahrung für die Zugvögel."

Der Wurm wiederum ernährt sich von Plankton - das er aus Sand und Wasser heraus filtert. Dann lüftet Margit Ludwig noch das Geheimnis um die Hinterlassenschaften des Wattwurms: Die kleinen Häufchen, die auf dem trockenen Meeresboden überall zu sehen sind. "Viele glauben, dass das Kot ist. Dabei ist das einfach gereinigter Sand, den der Wattwurm durch seinen Darm ausscheidet." Den schillernden Seeringelwurm dürfen die Schüler anfassen, bevor Ludwig ihn zurück auf den Meeresboden setzt. "Fühlt sich ein bisschen glitschig an", sagt einer der Schüler.

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Viel Leben im Watt

Margit Ludwig freut sich, dass die Schulklasse und auch deren Lehrer so interessiert an der Tier- und Pflanzenwelt des Wattenmeeres sind. Die Gruppe hat inzwischen den meterlangen Japanischen Beerentang entdeckt, der seit 50 Jahren im Wattenmeer zu Hause ist. Lehrer Ralph Gossmann hält ihn hoch. "In diesem Tangwald leben viele Tiere. Gespensterkrebse und Strandkrabben zum Beispiel", erklärt Magit Ludwig. Als ein Taschenkrebs vorbeiläuft, erfahren die Schüler, dass sich die Tiere bis zu 20 Mal häuten, ihre Scheren und Beine nachwachsen können. "Die Natur bringt besonderes hervor", sagt die Biologin.

Über Umwege ins Watt

Ins Watt kam die Biologin über Umwege. 1990 kaufte sie mit ihrem damaligen Partner ein Segelschiff, welche die beiden eigenhändig zum Forschungs- und Medienschiff umbauten. "Das war eine verrückte Zeit. Ich hatte noch nicht mal zu Ende studiert und 1992 mein eigenes kleines Unternehmen", schmunzelt Ludwig. Die "Aldebaran" mit dem Standort in Kiel sei das erste Forschungsschiff in Küstennähe gewesen, so die Biologin. "Unser Ziel war, Wissenschaft verständlich an die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu sollten Wissenschaftler und Journalisten gemeinsam an Bord arbeiten", so Ludwig. Mit ihrem damaligen Partner forschte sie über Seegras und die Dreikantmuschel. Zudem setzte sie mit der Universität von Teneriffa ein Wal-Beobachtungsprogramm um.

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Ludwigs ehemaliger Partner betreibt die "Aldebaran" noch immer - ihre eigene Reise ging 1997 auf Sylt mit einem ganz anderen Job weiter. Zusammen mit einem Geschäftspartner betrieb die Biologin elf Jahre lang einen Surfshop in Westerland. "Ich bin da so reingerutscht. Eigentlich wollte ich am Alfred-Wegener-Institut promovieren. Doch mit Kind ist das nicht zu stemmen." 2013 ging es dann wieder Vollzeit zurück in den eigentlichen Job als Leiterin des Naturzentrums Braderup.

Polonaise durch das Watt

Für die Schulklasse geht die Wattwanderung langsam zu Ende. Zuvor führt Ludwig die Teenager aber noch ins Schlickwatt: "Ab jetzt alle hinter mir her", ruft sie. Unter großem Gejohle startet die Polonaise. Den Schülern wird schnell klar, warum sie hintereinander her gehen sollen: Hier sacken sie ordentlich ein. Und sie amüsieren sich lautstark über ihre schwarzen Füße. Ludwig freut sich, dass die Schüler ihren Spaß haben und sich so für das Ökosystem Watt begeistern.

Ihr ist es wichtig, die Urlauber über diesen einzigartigen Lebensraum zu informieren. "Viele kommen ja wegen der Natur hierher. Umso wichtiger finde ich, die Neugier darauf zu wecken, was los ist in diesem Lebensraum. Und die Dinge zu hinterfragen. Das erweitert ja auch den eigenen Horizont." Genau das fasziniert Margit Ludwig an ihrem Job: "Den Menschen die Natur erklären und dabei draußen sein - das ist ein Traumjob."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.06.2019 | 19:30 Uhr

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